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5G funkt den Videobeweis bei RB Leipzig aufs Handy

Vodafone und Sky testen extreme Datentransfers im Stadion. Die App braucht aber noch eine Weile bis zur Marktreife. Sächsische.de bekam eine Vorab-Demo.

Von Andreas Rentsch
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So sieht die 5G-"Multiview"-App für Stadionbesucher derzeit aus: Neben dem Hauptsignal der Sky-Übertragung (links) können Anwender weitere Perspektiven anwählen.
So sieht die 5G-"Multiview"-App für Stadionbesucher derzeit aus: Neben dem Hauptsignal der Sky-Übertragung (links) können Anwender weitere Perspektiven anwählen. © Andreas Rentsch

Leipzig, Red Bull Arena, 29. Spielminute: Jubelschreie aus Zehntausenden Kehlen hallen durchs Stadionrund. Tor für RB! Aber wer hat getroffen? Holger Mauerer von Vodafone schaut nicht hoch zur Anzeigetafel, sondern greift zum Smartphone. Mit einem Fingertipp holt er sich die letzte halbe Minute der Sky-Liveübertragung aufs Display. Christopher Nkunku war es, der nach dem Steilpass eines Verteidigers am schnellsten reagiert, noch den Dortmunder Torhüter umkurvt und zum 1:0 eingeschoben hat. Maurer nickt anerkennend und schaut zurück aufs Spielfeld, wo sich die Dortmunder Spieler für den Wiederanstoß formieren.

Verpasste Tore, Fouls oder Freistöße wenige Sekunden später noch einmal in einer App anzusehen, das hat sich wohl jeder Fan im Stadion schon gewünscht. Mit dem Mobilfunkstandard 5G könnte der Wunsch demnächst Wirklichkeit werden. Denn Vodafone und der TV-Bezahlsender Sky testen seit Kurzem das superschnelle Breitbandnetz in Fußballstadien. Eine der bundesweit ersten Installationen dieser Art gibt es in der Leipziger Arena. „Zusätzlich zu den 2G, 4G und 5G in den üblichen Frequenzbändern haben wir zwei komplett neue Antennen aufgesetzt“, sagt Mauerer. „Eine wurde unter dem Dach der Haupttribüne installiert, die andere gegenüber.“

Mit nur zwei Antennen testen Vodafone und Sky ihre neue 5G-Installation. Damit Hunderte Zuschauer im Stadion Full-HD-Bewegtbilder auf ihre Smartphones bekommen, muss deutlich aufgerüstet werden.
Mit nur zwei Antennen testen Vodafone und Sky ihre neue 5G-Installation. Damit Hunderte Zuschauer im Stadion Full-HD-Bewegtbilder auf ihre Smartphones bekommen, muss deutlich aufgerüstet werden. © Vodafone
Dieses Sony Xperia Pro stammt aus Japan. Dort unterstützt das Gerät bereits den neuen 26-Gigahertz-Bereich. In Deutschland sind solche Modelle noch nicht erhältlich.
Dieses Sony Xperia Pro stammt aus Japan. Dort unterstützt das Gerät bereits den neuen 26-Gigahertz-Bereich. In Deutschland sind solche Modelle noch nicht erhältlich. © Andreas Rentsch
Knapp 2,5 Gigabit pro Sekunde: Von solchen Speedtest-Ergebnissen können Nutzer von Smartphones der vierten Mobilfunkgeneration nur träumen.
Knapp 2,5 Gigabit pro Sekunde: Von solchen Speedtest-Ergebnissen können Nutzer von Smartphones der vierten Mobilfunkgeneration nur träumen. © Vodafone

Laut Vodafone funken die unscheinbaren Antennenboxen im Bereich von 26 Gigahertz, also viel höher als bei herkömmlichem 5G. „Jede der beiden Antennen bietet momentan einen Datendurchsatz von bis zu zwei Gigabit pro Sekunde“, erklärt der 5G-Spezialist. „Perspektivisch können zehn Gigabit draus werden.“ Die Reichweite bleibe dagegen auf maximal 400 Meter begrenzt.Dank derart „aufgebohrter“ Infrastruktur werde es möglich, Bewegtbilder im Full-HD-Format „latenzfrei“ auf Hunderte Endgeräte zu bringen, sagt Alessandro Reitano, Leiter der Sportproduktion bei Sky Deutschland. Tatsächlich liege die Latenz, also die Verzögerung bis zum Erscheinen des Livebilds auf dem Smartphonedisplay, bei wenigen Hundert Millisekunden, schätzt Klaus Nagora vom Münchner App-Entwickler Smart Mobile Labs (SML). „Zum Vergleich: Ein Wimpernschlag dauert eine Viertelsekunde.“

Die von Nagora und seinen Kollegen programmierte App trägt den Arbeitstitel „Sky Multiview“ und liefert Bilder aus fünf verschiedenen Blickwinkeln. Neben dem Hauptsignal, das auch die TV-Zuschauer daheim bekommen, gibt es noch weitere Fenster, die den jeweiligen Star der Mannschaft auf Schritt und Tritt verfolgen, die taktische Formation in einer Totalen sichtbar machen oder Zusatzinformationen zeigen. „Dazu kommt ein Highlight-Zusammenschnitt, der im Laufe des Spiels immer weiter ergänzt und in einer Endlosschleife ständig wiederholt wird“, erklärt Reitano. Per Klick lassen sich zudem die letzten 30 Sekunden des Spiels wiederholen.

Die Inspiration für eine solche App habe sich Sky beim Endspiel der National Football League (NFL) im Februar 2021 geholt, sagt der 46-Jährige. „Dort hat der Mobilfunkbetreiber Verizon verschiedene Kameraperspektiven beim Spiel der Tampa Bay Buccaneers gegen die Kansas City Chiefs via 5G aus dem Stadion auf eine App gestreamt. Das war für uns der Anlass, zu sagen: Hey, das auszuprobieren, wäre der nächste Schritt in Deutschland!“

Bis die Sky-App hierzulande ihren Marktstart erlebt, dürfte aber noch einige Zeit vergehen. Das hat mehrere Gründe. Zum Beispiel ist noch kein einziges Smartphone erhältlich, das im ultrahohen 26-Gigahertz-Frequenzband funken kann. Für die 5G-Tests in Leipzig hat das Sky-Vodafone-Konsortium deshalb extra ein für den japanischen Markt produziertes Sony Xperia Pro einfliegen lassen. Aus Sicht von Klaus Nagora werden die Gerätehersteller die Chipsätze ihrer Smartphones aber zügig anpassen. „Ab Mitte 2022 wird das auch bei uns Standard sein.“ Spätestens zur Fußball-WM im Herbst werde man solche Live-Apps sehen, prognostiziert Nagora.

Für die Bundesliga ist ein vergleichbares Projekt schwieriger umzusetzen. Denn hier muss Sky verschiedene Netzbetreiber ins Boot holen. „In Leipzig ist das zum Beispiel Vodafone, in der Münchner Allianz-Arena dagegen nicht“, sagt Reitano. Denn der 5G-Ausbau in den Stadien ist bei den Netzbetreibern unterschiedlich weit vorangeschritten. Mit anderen Worten: In einigen Fußballarenen muss die Konkurrenz von der Telekom mitspielen. Ob das klappt, muss erst noch geklärt werden.

Auch die Frage nach möglichen Kosten für die Nutzung der App sei verfrüht, heißt es bei Sky. SML-Gründer Klaus Nagora erklärt zumindest, welche Modelle prinzipiell möglich wären. „Beispielsweise könnte es eine „Eintrittskarte plus“ geben, auf der man einen QR-Code abscannen und damit die App für dieses eine Spiel nutzen kann. Eine andere Variante könnte eine Abo-Erweiterung eines Sky-Pakets oder ein separater Dienst sein, der vom Rechteinhaber ausgegeben wird.“ Letzterer könnte dann werbefinanziert sein oder Bezahlfunktionen beinhalten. „Beispielsweise gibt es hochauflösende Bilder dann nur hinter der Bezahlschranke.“

"Ultra Highband" nennt Vodafone den Frequenzbereich, der in der Leipziger Fußballarena zur Übertragung großer Datenmengen genutzt wird. Daneben gibt es noch andere 5G-Frequenzbänder.
"Ultra Highband" nennt Vodafone den Frequenzbereich, der in der Leipziger Fußballarena zur Übertragung großer Datenmengen genutzt wird. Daneben gibt es noch andere 5G-Frequenzbänder. © Vodafone

Welchen Reiz die Echtzeitübertragung per App in manchen Momenten bekommt, erklärt Holger Mauerer an einem Erlebnis beim ersten Test am 23. Oktober. In der Partie zwischen RB und Greuther Fürth habe es in der ersten Halbzeit einen Videobeweis gegeben. „Alle, die hier unten am Spielfeldrand standen, sind sofort zu den Handys gerannt, um nachzuschauen“, sagt Mauerer. „Damit wussten wir schon, dass es ein reales Foul war, bevor der Videoschiedsrichter den Elfmeter freigegeben hat.“

Eine solche Szene ereignet sich bei der Begegnung zwischen Leipzig und dem BVB zwar nicht, trotzdem sieht man nach dem Abpfiff nur zufriedene Gesichter beim Testteam. Das Zusammenspiel von Antennen, Servern, Endgeräten und sonstiger Technik scheint gut funktioniert zu haben. „Wir sehen keinen Änderungsbedarf“, sagt Holger Mauerer. „Alles lief wie geplant.“


Wie sicher ist die 5G-Technologie?

Seit 2019 installieren Netzbetreiber 5G-Antennen auch für Privatkunden. Vom neuen Standard versprechen sich Industrie, Telemedizin und die Landwirtschaft große Fortschritte.

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Kritiker, etwa die InitiativeDiagnose Funk“, warnen dagegen vor 5G-Risiken. Ihrer Darstellung zufolge seien „Gesundheitsschäden programmiert“, da die elektromagnetischen Felder z. B. Schlafstörungen verursachten.

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Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) widerspricht: Bislang gebe es keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass Mobilfunk unterhalb der in Deutschland geltenden Grenzwerte negative gesundheitliche Auswirkungen hat, so BfS-Präsidentin Inge Paulini. Das gelte auch für die für 5G genutzten Frequenzen, „auch diese sind bereits gut erforscht“.

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Einzig gesichert ist laut BfS die Erkenntnis, dass Mobilfunk Auswirkungen auf die Körpertemperatur habe. Leichte Schwankungen könne der Körper aber gut regulieren. Besorgte Anwender könnten Vorsorge betreiben, indem sie ein Mobiltelefon mit niedrigeren SAR-Wert nutzen oder sich beim Telefonieren ein Headset aufsetzen, statt sich das Gerät ans Ohr zu halten.

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Kritiker werfen der Bundesregierung weiterhin Mobilfunk-Lobbyarbeit vor oder stellen die Aussagekraft von 5G-Studien infrage. Noch-Minister Andreas Scheuer (CSU) hat deshalb 2020 eine „Dialoginitiative“ gestartet, die u. a. mit Online-Gesprächsrunden Aufklärungsarbeit leisten soll. (dpa/rnw)

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