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Proteste gegen Tschechiens Öffentlich-Rechtliche

In Deutschland kämpfen ARD und ZDF zunehmend ums Überleben. Aber auch in Tschechien formiert sich Protest gegen Česká televize und Český rozhlas. Zu Unrecht, findet Prag-Korrespondent Hans-Jörg Schmidt.

Von Hans-Jörg Schmidt
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Český rozhlas in Prag.
Český rozhlas in Prag. © Angelina Sortino/SZ

Die abendlichen Hauptnachrichten des öffentlich-rechtlichen TV-Senders Česká televize gehören für einen Korrespondenten in Prag zum Pflichtprogramm. Dafür braucht man reichlich Geduld. Die tschechische „Tagesschau“, produziert in einem viel kleinerem Land als Deutschland, dauert nicht 15, sondern 45 Minuten, ist damit meiner Meinung nach zumindest eine Viertelstunde zu lang.

Tagsüber informiere ich mich vor allem über den Nachrichtenkanal des öffentlich-rechtlichen Radios. Das liegt daran, dass ich ein besonderes Verhältnis zum Hörfunk habe. Ich bin selbst gelernter Radiomann und musste das etwas andere Schreiben für die Sächsische Zeitung erst erlernen. Schon während meines Studiums setzten wir Radioleute uns von denen des Fernsehens mit dem witzigen Spruch ab: „Radio geht ins Ohr, Fernsehen ins Auge“.

Aber Spaß beiseite. Namentlich das tschechische Fernsehen ist nicht genug zu loben. Die Kollegen haben beispielsweise seit Beginn des Putin-Kriegs gegen die Ukraine ihre besten Leute dort. Nahezu alle Auslandskorrespondenten des Senders verlassen für einen gewissen Zeitraum Ihren eigentlichen Ort der Berichterstattung, um jeden Abend eine exklusive Geschichte aus der Ukraine zu erzählen. Das tschechische Fernsehen sendet aus der Ukraine nur sehr selten Bilder, die in der ganzen Welt zu sehen sind. Die Korrespondenten und ihre Kameraleute sorgen für eigene Bilder. Keiner der privaten tschechischen TV-Sender kann Česká televize in diesem Punkt das Wasser reichen.

Demonstranten beschuldigen Sender der „Propaganda“

Umso mehr bekümmert mich, dass auch in Tschechien die Proteste gegen die öffentlich-rechtlichen Medien immer lauter werden. Ausgerechnet am 17. November, dem Jahrestag der Samtrevolution, demonstrierten Hunderte Menschen vor dem TV-Zentrum, beschuldigten den Sender der „Propaganda“.

Eigentlich sollten die Kollegen über diese Proteste erhaben sein, weil sie um Längen besser sind als die private Konkurrenz. Aber die Feinde sind mächtig. Sie finden sich auch in den Oppositionsparteien des Prager Abgeordnetenhauses. Denen sind Česká televize und Český rozhlas eine Dorn im Auge, weil sie die Dinge nicht einfach widerspiegeln, sondern auch kritisch hinterfragen.

Ob die öffentlich-rechtlichen Medien in Tschechien überleben werden oder der vergleichsweise qualitativ abenteuerlich schlechten privaten Konkurrenz unterliegen werden, steht in den Sternen. Jede Beschneidung der öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Radiokanäle wäre eine Katastrophe. So sehe zumindest ich das als Korrespondent aus Prager Sicht.