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Welche berühmten Maler aus Kratzau sind

Mehrere Künstler sind in der tschechischen Kleinstadt auf die Welt gekommen. Vor allem bekannt ist Willi Sitte.

Willi Sitte übergibt Werke im Führich-Haus.
Willi Sitte übergibt Werke im Führich-Haus. © Jana Zahurancová

Von Arndt Bretschneider

Ausgerechnet Kratzau. In dieser kleinen Neißestadt zwischen Reichenberg und Zittau wurden im 19. und 20. Jahrhundert insgesamt neun Jungen geboren, die es auf akademischem Weg zur Malerei brachten.

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Da mag der Satz von Wilhelm Busch zutreffen, der einst wohl sagte: „Oft trifft man wen, der Bilder malt, viel seltner den, der sie bezahlt.“ Wie es finanziell um die Kratzauer Talente bestellt war, ist nicht unbedingt zu klären. Acht von ihnen malten fast nur religiöse Motive für Ämter, Schulen und Kirchen, wo wenigstens ein, wenn auch geringer Erlös, zu erwarten war. Der berühmteste von ihnen war Joseph von Führich (1800 bis 1976). „Theologe mit dem Stifte“ wurde er genannt. Gefördert von einem adligen Gönner konnte er die Kunstschule in Prag besuchen, beeindruckte mit einer Zeichnung sogar den Fürsten von Metternich, gelangte nach Wien. Machte sich einen Namen und wurde schließlich von Kaiser Franz Joseph I. in den erblichen Ritterstand erhoben.

Zu den bekannten Kratzauer Künstlern gehörten im 19. Jahrhundert überdies der Maler, Lithograph und Restaurator Gustav Kratzmann sowie dessen Sohn Eduard, der sich als Glasmaler einen Namen machte. Auch der Kirchenmaler und Autor Wilhelm Kandler ist zu nennen. Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts traten weitere akademische ausgebildete Kunstschaffende in die Fußspuren der berühmten Vorgänger. Darunter waren der Bildhauer und Medailleur Richard Placht und František Turpiš, dessen Eltern Textilarbeiter waren.

Willi Sitte (links) im Führich-Haus zu Gast;
Willi Sitte (links) im Führich-Haus zu Gast; © Jana Zahurancová

Wie aber kam es zu dieser Künstlerballung? Waren doch Bergleute die ersten Bewohner der Stadt, die vielleicht im 13. Jahrhundert entstanden ist. Eine Künstlerkarriere war da nicht unbedingt vorbestimmt. Möglicherweise hat das Tuchmacherhandwerk eine Rolle gespielt. Dort wurden nicht nur Weber gebraucht, sondern auch Musterzeichner. Aus einigen dieser „Kunsthandwerker“ wurden Künstler. Ein Beispiel, allerdings nicht aus Kratzau, ist der Oberlausitzer Maler Willy Müller-Lückendorf (1905 bis 1969). Es könnte auch Zufall sein, oder ein Nachwirken des berühmten Führichs. Der wohl bekannteste Künstler der Stadt Kratzau, die heute Chrastava heißt und in Tschechien liegt, ist Willi Sitte. Der bekannte DDR-Kunstmaler und mehrfache Kunstpreisträger wäre am 28. Februar 100 Jahre alt geworden. Verstorben ist er aber bereits im Jahr 2013 mit 92 Jahren. Der Verfasser dieser Zeilen hat Willi Sitte 2006 bei dessen Besuch in seiner Geburtsstadt Chrástava persönlich kennengelernt, wenn auch nur als Zaungast. Im Elternhaus des Malers Josef Führich, einem schmucken Umgebindebau, traf er sich mit Mitgliedern des örtlichen Geschichtszirkels bei Kaffee und Kuchen.

Der Maler sprach – bedächtig zwar, aber perfekt – Tschechisch. Denn seine Mutter stammte aus dem südöstlichen Teil des Böhmischen Paradieses und war Tschechin. Die Familie wohnte einst in der heutigen Pobøezná-Straße (Ufer-Straße) und betrieb eine Gärtnerei, obwohl der Vater gelernter Zimmermann war, wie Sitte erzählte. Das Häuschen selbst ist nicht mehr auffindbar. Sitte hatte vier Brüder und zwei Schwestern. Der Vater war als Bürger der Ersten Tschechoslowakischen Republik Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei (KSČ), die sich gegen die Nationalsozialisten im Sudetengau engagierte.

Sein drittältester Sohn Wilhelm, Willi genannt, ließ schon frühzeitig Talent für Malen und Zeichnen erkennen. Der Vater wollte ihm den Künstlerweg nicht gänzlich verbauen. So schickte er 1936 den 14-Jährigen an die Kunstschule des Nordböhmischen Gewerbemuseums nach Reichenberg mit dem praktischen Berufsziel eines Patronenzeichners. Und hier sind wir wieder beim Textilhandwerk. Denn darunter zu verstehen ist das farbige Ausfüllen von klein kariertem Patronenpapier, Musterzwecken in der Weberei. Willi sollte Musterzeichner werden für Lochkarten, also Steuerkarten für Jacquardmaschinen zur Erzeugung vielfältigster Muster auf Geweben. Dem Jungen fiel diese Arbeit leicht, doch sie füllte ihn wegen ihrer schematischen Grundstruktur nicht aus.

Die Lithographie „Ein weißes Laken“ hat Willi Sitte seiner Heimatstadt Chrastava geschenkt; sie ist im Joseph-Führich-Haus zu sehen.
Die Lithographie „Ein weißes Laken“ hat Willi Sitte seiner Heimatstadt Chrastava geschenkt; sie ist im Joseph-Führich-Haus zu sehen. © Ivan Vydra

Als 19-Jähriger begann er 1940 in Kronenburg in der Eifel ein Malereistudium. 1941 wurde er zur Deutschen Wehrmacht an die Ostfront des Zweiten Weltkrieges eingezogen. Hier erkrankte er an schwerer Gelbsucht, die ihm vermutlich das Leben rettete. Erst Anfang 1944 wurde er wieder „kriegsverwendungstauglich“ diesmal an die italienische Front geschickt. Kaum angekommen, lief er zu den norditalienischen Partisanen über und blieb bis zum Ende der Kämpfe in deren Formationen. Schon hier begann er an einer siebenteiligen Bilderfolge zu arbeiten, die er, mittlerweile Italienisch sprechend, „Danza funebre del terzo Reich“ – „Totentanz des Dritten Reiches“ nannte. Nach Kriegsende nahm er in Mailand über anderthalb Jahre ein Malereistudium auf. Mitte 1946 entschloss er sich mit italienischem Pass zur Rückkehr nach Chrástava, wo er feststellte, dass auch die wenigen sudetendeutschen Mitglieder der Kommunistischen Partei das Land verlassen hatten. Sie hätten bleiben können, wenn sie die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft angenommen hätten. Das taten nur sehr wenige.

Willi Sitte sah in der Sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, seine neue Heimat und ließ sich in Halle-Merseburg nieder. Weitgehend unbekannt dürfte sein, dass er zeitlebens sowohl mit den sozialistischen als auch den Nachwendemachthabern in Prag fremdelte. Vielleicht auch sie mit ihm. So hatte er 1959 das großformatige Leinwandbild „Lidice“ geschaffen. Es erinnert an den Massenmord in der gleichnamigen mittelböhmischen Gemeinde. Der Ort wurde 1942 als Vergeltung für das Attentat auf Reinhard Heydrich, unter anderem stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, von den Nationalsozialisten zerstört, die Einwohner ermordet oder in ein Konzentrationslager gebracht. Das Bild fand keinen dauerhaften Platz in tschechischen Kunstausstellungen und kam nicht in tschechoslowakischen Besitz. Seit 1962 gilt es als verschollen. Ähnlich wenig Resonanz bekamen zehn Farblithographien, die Sitte anlässlich seines Besuches in Chrástava der Stadt schenkte. Einige Bilder sind im Führich-Haus zu sehen, wenn Corona das zulässt. (mit ihg)

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