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„Überbelegung war typisch für den DDR-Strafvollzug“

Reichsbahn und Stahlwerk betrieben an der Strehlaer Straße ein Gefängnis. Die Zusammenarbeit war reiner Zufall.

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Vom Strafvollzugskommando an der Strehlaer Straße in Riesa-Gröba ist nur noch die Mauer übrig. Zwischen 1967 und 1977 waren dort Hunderte Häftlinge untergebracht – demnächst soll auf der Fläche ein Solarpark entstehen.
Vom Strafvollzugskommando an der Strehlaer Straße in Riesa-Gröba ist nur noch die Mauer übrig. Zwischen 1967 und 1977 waren dort Hunderte Häftlinge untergebracht – demnächst soll auf der Fläche ein Solarpark entstehen. © Lutz Weidler/Grafik: Romy Thiel

Teil 3 der Serie "Zwischen Himmel und Hölle" 

Riesa. Umgeben von hohen Mauern und Stacheldraht lag das Strafvollzugskommando mitten im Industrie- und Wohngebiet in Riesa-Gröba. Die Konsum-Großbäckerei Riesa – heute Möbel Fahrendorff – war nur einen Steinwurf entfernt. Und von einigen Wohnhäusern im Wasserweg oder der Strehlaer Straße konnte man sogar direkt in das Gelände blicken. Seit 1967 wurde das Haftarbeitslager immer weiter ausgebaut, war in Spitzenzeiten mit bis zu 750 Häftlingen belegt. Die meisten der Gefangenen waren junge Männer, die Haftstrafen bis zu zwei Jahren zu verbüßen hatten – oft, weil sie gegen die staatliche Ordnung verstoßen hatten. Zu dem Lager gehörten ab 1968 auch eine Verkaufsstelle, Schulungsräume, Arrestzellen und eine Krankenstation. Mit dem Umzug der Gefangenen in das neue Gefängnis in Zeithain im September 1977 schloss das Strafvollzugskommando.

Die SZ sprach dazu mit dem Historiker Dr. Jan-Henrik Peters, der im Auftrag der Deutschen Bahn AG zu dem Lager an der Strehlaer Straße forschte.

Herr Peters, Sie sind der Erste gewesen, der sich intensiv mit der Geschichte der Einrichtung an der Strehlaer Straße beschäftigt hat. Wie kam es dazu?

Ich hatte mitbekommen, dass die Bahn das Thema Reichsbahn und Strafvollzug in der DDR aufarbeiten will. Und da ich schon zu den Gefangenentransporten auf der Schiene gearbeitet habe, habe ich mich sofort gemeldet. Weil dann das Projekt aufwendiger wurde als gedacht, habe ich auch noch das Thema Häftlingsarbeit für Sachsen übernommen.

Die Einrichtung entstand 1966/1967 auf Drängen der Deutschen Reichsbahn, weil das Unternehmen im Gleisbau Arbeitskräfte für die Jochmontage beziehungsweise das spätere Oberbauwerk in Wülknitz brauchte. Welche Rolle spielten die Zwangsarbeiter für die Bahn nach dem Zweiten Weltkrieg?

Im Vergleich zur Unternehmensgröße war die Zahl der Zwangsarbeiter nicht kriegsentscheidend. Die Bahn eignete sich eigentlich nicht für solche Tätigkeiten: Sie braucht Spezialisten und arbeitet auf einer großen Fläche – das ist schwer abzusichern. Die Ausnahme bildeten Ausbesserungswerke und Gleismontageplätze. Das sind typische Einsatzorte.

Häftlinge wurden von der Bahn also nicht nur in Wülknitz eingesetzt?

Nein, das gab es nicht nur in Wülknitz. Auch in Hohenbocka, Stößen, Bützow oder Fürstenberg wurden Häftlinge in der Gleismontage eingesetzt. Die Arbeit wollte ja sonst keiner machen: Sie war schwer, gefährlich, und man war immer unter freiem Himmel. Im Gefängnis Brandenburg haben Häftlinge in einer extra gebauten Halle Güterwaggons ausgebessert. Und auch verschrottet. An diesen Stellen hatte die Zwangsarbeit dann schon eine hohe Bedeutung für die Bahn.

Zwischen Riesa und Wülknitz liegen aber noch ein paar Kilometer – die Häftlinge mussten jeden Morgen mit dem Bus zur Arbeit gefahren werden. Warum entstand die Einrichtung überhaupt in Riesa-Gröba?

Die Strehlaer Straße war erst ein ziviles Wohnlager für den Bau der Bahnbrücke über die Elbe. Die Reichsbahn hatte zwei und die Bau Union vier Baracken. Das Gelände war von der LPG Clara Zetkin gepachtet. Dort gab es also schon die Infrastruktur. Zuvor hatte die Reichsbahn Zwangsarbeiter aus dem Gefängnis Waldheim in Wülknitz eingesetzt.


Jan-Henrik Peters (53) ist freischaffender Historiker aus Berlin. Er forschte bereits zu mehreren Reichsbahn-Themen. Außerdem ist er Mitautor des Buches „Die Reichsbahn und der Strafvollzug in der DDR“, es erschien 2016 im Klartext-Verlag.
Jan-Henrik Peters (53) ist freischaffender Historiker aus Berlin. Er forschte bereits zu mehreren Reichsbahn-Themen. Außerdem ist er Mitautor des Buches „Die Reichsbahn und der Strafvollzug in der DDR“, es erschien 2016 im Klartext-Verlag. © dpa

Hat die Reichsbahn noch andere Gefangenenlager in der ehemaligen DDR betrieben?

Das waren nicht allzu viele. In Erlabrunn gab es noch eins. Und in Waren. Es gab auch Überlegungen, ein mobiles Lager in einem Zug einzurichten. Dafür war aber letztlich der Aufwand zu groß.

Das Arbeitslager gehörte zunächst der Reichsbahn und war offiziell für maximal 200 Gefangene ausgelegt. Seit Oktober 1968 wurde es aber vom VEB Stahl- und Walzwerk erweitert. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Die Elbbrücke war irgendwann fertig, die Arbeiter sind abgezogen, die Baracken standen leer – und die Bahn kaufte noch eine Baracke von der Bau Union für die Lagerverwaltung. Das Dumme daran war nur, dass der Grund und Boden durch die LPG Clara Zetkin schon längst an das Stahlwerk verkauft worden war. Kurz darauf legte man die LPG mit einer anderen zusammen, woraus die LPG Ernst Thälmann entstand. Das Wissen um den Grundstücksverkauf fehlte dann allerdings in der LPG Ernst Thälmann. Sie verpachtete das Gelände erneut an die Bahn. Die teilte zwei Baracken für die Gefangenen ab, baute eine Mauer drumherum und ließ das Gelände von Hunden bewachen und die ganze Nacht durch hell erstrahlen. In den anderen Baracken wohnten aber wieder Arbeiter der Bau Union, die nun im Stahlwerk eingesetzt waren. Und die beschwerten sich über den Lärm und die Belästigungen. Da hat man im Werk überhaupt erst gemerkt, dass auf dem Gelände ein Haftarbeitslager entstanden war.

Und weil das Stahlwerk auch Häftlinge einsetzte, arbeitete man kurzerhand zusammen?

Das dauerte einige Monate, bis man sich einigte. Aber schließlich wurde das Lager erweitert. Zwei Häftlingsbaracken wurden dann weiterhin von der Bahn belegt, drei vom Stahlwerk. Die Infrastruktur haben die Betriebe gestellt – von A bis Z. Das letzte Wort bei den Gefangenen hatte allerdings der Strafvollzug. Es gab zwar Verträge mit den Firmen, aber die Vertragsstärke an Arbeitskräften konnten sie letztlich nicht erzwingen.

Die Baracken waren für gut 500 Häftlinge ausgelegt, laut Akten waren dort im Durchschnitt allerdings um die 700 Gefangenen untergebracht. Im Jahr 1974 ist sogar von 750 Gefangenen die Rede. Das scheint enorm viel, wenn man das Gelände kennt.

Die Überbelegung war typisch für den Strafvollzug in der DDR. Deshalb gab es auch immer mal Amnestien, um wieder Platz zu schaffen. Das war allerdings ein Riesenproblem für die Wirtschaft.

Das Gespräch führte Antje Steglich.

Lesen Sie hier die bisher erschienenen Teile unserer Serie "Zwischen Haft und Hölle"