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Versteht Görlitz keinen Spaß?

In vielen Orten wird bald Fasching gefeiert. Warum an der Neiße weniger als anderswo, erzählt Frank Brendler der SZ.

Viele Görlitzer Faschingsfans fahren nach Reichenbach oder ins Oberland, um Umzüge zu erleben oder ausgelassen zu feiern. Aber auch in Görlitz wächst das Interesse an Fasching von Jahr zu Jahr allmählich.
Viele Görlitzer Faschingsfans fahren nach Reichenbach oder ins Oberland, um Umzüge zu erleben oder ausgelassen zu feiern. Aber auch in Görlitz wächst das Interesse an Fasching von Jahr zu Jahr allmählich. © Nikolai Schmidt/Archiv

Herr Brendler, Görlitz ist voller Karnevalsverächter, aber umgeben von Orten, in denen die Faschingstradition sehr gepflegt wird. Wissen Sie als Chef des Görlitzer Karnevalsvereins, woran das liegt? Sind die Görlitzer weniger zu Spaß bereit als andere?

Der Fasching oder Karneval hat ja eine sehr alte Tradition und ist bei uns besonders in den katholisch geprägten Orten wie etwa Wittichenau oder Schirgiswalde stark verwurzelt. Mit der Reformation hat sich der Brauch verändert. In reformierten Gegenden spielt die Fastenzeit vor Ostern keine so große Rolle wie in katholischen Regionen. Damit ist auch die Ausgelassenheit nicht mehr so wichtig und dass man noch einmal Fleisch essen und Alkohol trinken kann, bevor man darauf verzichtet. In Görlitz als protestantisch geprägter Stadt hat Fasching also keine so große Tradition.

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Aber Reichenbach, Schönau-Berzdorf oder Neugersdorf sind auch protestantisch geprägt und da gibt es starke Faschingsvereine, die in allen Generationen Zuspruch finden.

Ob Fasching gefeiert wird, hängt auch davon ab, ob es durchgehend Organisationen gab, die beispielsweise in der DDR die Tradition bewahrt und gepflegt haben. Gerade in ländlicheren Regionen konnte sich der Fasching dadurch besser halten. Es spielt auch eine Rolle, wie viel Kultur insgesamt angeboten wird. Bei unserem befreundeten Verein in Schönau sind alle Faschingsveranstaltungen regelmäßig ausverkauft, da kommen immer 250 bis 300 Leute. Aber kleinere Orte haben auch kein so großes Kulturangebot wie Görlitz. Dort gibt es Sportfeste, Feuerwehrfeste, Erntedankfeste und eben Karneval. Da geht man natürlich hin. Letztlich spielt es auch eine Rolle, ob die Politik daran interessiert ist, Faschingstraditionen mitzupflegen und zu unterstützen. In manchen Orten macht die Stadtverwaltung mit großen Postern am Rathaus auf die Schlüsselübergabe am 11. November aufmerksam. In Görlitz wird der Schlüssel auch übergeben, aber das ist kein Ereignis, das alle bewegt.

Es gibt aber auch in Görlitz eine Faschingstradition. Viele erzählen mit leuchtenden Augen von den „Drei tollen Tagen“ früher in der Stadthalle. Können Sie sich auch daran erinnern?

Ja natürlich, die tollen Tage in der Stadthalle waren wirklich tolle Partys in einem ausverkauften Haus. Ich bin da auch hingegangen, aber nur an einem Tag, mehr hätte man nicht verkraftet. Aber viel mehr Faschingsaktivitäten als diese drei Tage gab es in Görlitz nicht, außer in den Schulen und Kindergärten. Vereine gab es sowieso nicht in der DDR, aber auch keine andere Organisation, die sich um Fasching kümmerte. Das Prinzenpaar etwa wurde vom Theater gestellt. Ich kann mich auch noch gut erinnern, dass viele Leute Ausflüge zu den großen Faschingsfeiern im Umland unternahmen. Da fuhren direkt Sonderzüge ins Oberland, zum Beispiel nach Neugersdorf.

Sind Sie da auch mal mitgefahren?

Ja, denn ich habe damals bei der Bahn als Zugbegleiter gearbeitet. Nicht jeder von uns fuhr gern mit, weil auf diesen Fahrten sehr viel Alkohol getrunken wurde und es entsprechend laut und lustig zuging. Aber mich hat das nicht gestört. Die Karten hatten die Leute bereits vorher gekauft, weil es ja Sonderfahrten waren, so haben mir diese Faschingsfahrten eher Spaß gemacht.

Ihr Karnevals- und Tanzsportverein veranstaltet seit Jahren Faschingsbälle, die immer mehr Zuspruch finden. Heißt das, die Görlitzer entdecken die Faschingsbegeisterung wieder neu?

Das wissen wir leider nicht so genau. Es gibt ja viele Faschingsfans in Görlitz, die nach wie vor woanders feiern, in Reichenbach, Friedersdorf oder Schönau-Berzdorf zum Beispiel. Aber ob die Besucher unserer Bälle genau diese Leute sind und entweder an mehreren Feiern teilnehmen oder jetzt lieber in Görlitz feiern oder ob es Leute sind, die ihre Faschingslust lange nicht ausgelebt haben und nun wiederentdecken, oder ob es ganz neue Faschingsfans sind: Das haben wir noch nicht herausgefunden.

In diesem Jahr bieten Sie erstmals einen zweiten Faschingsball im Schlesischen Tor auf der Lutherstraße an, weil die Karten für den ersten ausverkauft sind. So viel Erfolg hatten Sie bisher nicht immer, oder?

Nein, wir hatten zwischendurch sogar richtig zu kämpfen. Auch mussten wir unser eigenes Konzept erst finden. Anfangs waren wir im Wichernhaus, dann in der Kulturbrauerei, dort hatten wir ein richtiges Varieté konzipiert und Künstler als Gäste eingeladen. Aber es kamen wesentlich weniger Zuschauer als erwartet. Das hat uns schwer getroffen, auch wenn wir finanziell noch mal mit einem blauen Auge davongekommen sind. Jetzt sind wir das vierte Jahr im Schlesischen Tor, das ja auch ein eigenes Tanzpublikum hat. Vor zwei Jahren war der Ball bereits ausverkauft, voriges Jahr mussten wir Leute wegschicken, diesmal gibt es zwei Feste mit dem Motto „Karnevalistische Zeitreise“. In den ersten Jahren haben wir viel Show und Sketche geboten, mussten aber feststellen, dass wir das Publikum damit nicht gut halten konnten.

Wie gelingt Ihnen das jetzt?

Wir haben ein gemischtes Programm, immer wieder Einlagen unserer Tanzgruppen, aber auch viel Gelegenheit für das Publikum, zu tanzen und selber aktiv zu sein. Das macht den Leuten sichtlich mehr Spaß, als nur zuzusehen.

Welche Rolle spielt die Verkleidung?

Es ist kein Kostümzwang, aber viele haben große Freude daran, sich auf den Ball vorzubereiten, indem sie Kostüme nähen und basteln. Früher war Verkleidung wichtig, um anonym ausgelassen zu sein und die Standesunterschiede für kurze Zeit außer Kraft setzen zu können. Das spielt heute keine große Rolle mehr, aber Verkleiden mögen die Kleinen – das sieht man daran, wie gut Kinderschminken ankommt – wie die Großen. Voriges Jahr war Italien unser Motto, da kam eine Frau sogar als Gondel verkleidet, sie hatte wochenlang an ihrem Kostüm gearbeitet. Auf viele andere traf das genauso zu.

Also sind die Görlitzer doch keine Faschingsverächter?

Ich denke nicht. Wir sind zuversichtlich, dass wieder mehr Leute Spaß daran finden, und freuen uns über diejenigen, die es jetzt schon tun.

Faschingszusatzveranstaltung am 23. 2., ab 19.19 Uhr, Schlesisches Tor, Görlitz.

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Frank Brendler ist Chef des Görlitzer Karneval- und Tanzsportvereins, der den Faschingsball im Schlesischen Tor veranstaltet.
Frank Brendler ist Chef des Görlitzer Karneval- und Tanzsportvereins, der den Faschingsball im Schlesischen Tor veranstaltet. © Archiv / Pawel Sosnowski