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Vertreibung aus Zittauer Zipfel aufgearbeitet

Der Historiker Lars-Arne Dannenberg hat die zweijährige Recherche abgeschlossen – fertig ist er noch nicht.

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© Wolfgang Wittchen:

Von Anja Beutler

Zittau. Die Recherche ist abgeschlossen – das Thema noch lange nicht. Zumindest nicht für Lars-Arne Dannenberg. Der Historiker hat in den vergangenen zwei Jahren im Auftrag der Städtischen Museen Zittau mit einem Forschungsprojekt versucht, eine Lücke im Geschichtsbuch zu schließen: Zwar ist über Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den heute polnischen und tschechischen Gebieten ausgiebig geforscht worden. Eine kleine Gruppe aber – etwa 24000 Sachsen aus dem sogenannten Zittauer Zipfel – hat dabei aber kaum eine Rolle gespielt. Dabei ist ihr Schicksal nicht mit jenem der Sudetendeutschen oder Schlesier gleichzusetzen.

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Das Manuskript sei soweit fertig – insgesamt werde das Werk an Ende zwischen 200 und 300 Seiten haben, hält Dannenberg den Stand der Dinge fest. Auch eine Ausstellung soll es zu diesem wunden Punkt in Zittau noch geben. „Allerdings wird das wohl nicht vor 2019“, schränkt der Wissenschaftler ein. Einzelschicksale und auch einige Exponate aus dieser Zeit sollen dort dann aber zu sehen und erleben sein, skizziert er. Aber bis dahin sei es noch ein gutes Stück Weg.

In der Tat haben die Betroffenen damals, als sie am 22. Juni 1945 auf Sonderbefehl der polnischen Regierung ihre Häuser und Dörfer verließen, so gut wie keine persönliche Habe oder gar Andenken mitgenommen. Ohnehin kamen seltsame Dinge mit auf die Flucht – zumindest aus heutiger Sicht: „Betten und Bettzeug mitten im Sommer waren damals wichtig, Werkzeug oder Ähnliches hingegen nicht“, resümiert Lars-Arne Dannenberg. Natürlich, so räumt er ein, durften die Betroffenen nur wenig mitnehmen und Wertgegenstände haben ihnen dann die Soldaten abgenommen.

Außerdem war wohl auch die Hoffnung bei den meisten groß, dass sie nach ein paar Tagen wieder zurückgehen können. Doch das konnten nur einige, die als Arbeitskräfte gebraucht oder geduldet wurden – zumindest für eine bestimmte Zeit. „Katholische Pfarrer mussten zum Beispiel bleiben – frei nach dem Motto: Egal, ob Deutsche oder Polen hier wohnen, es ist Dein Revier“, erzählt der Forscher.

Etwa 80 Fälle hat Dannenberg für das Forschungsprojekt ausgewertet: „Dabei habe ich etwa 50 Interviews geführt und auch schriftliche Quellen wie beispielsweise Aufzeichnungen von Geistlichen genutzt“, zählt er auf. In vielen Archiven waren er und seine Mitstreiter unterwegs – und in vielen Gegenden Deutschlands, wo sich die damals Vertriebenen und ihre Familien inzwischen niedergelassen haben. Allerdings war die Recherche durchaus auch ein Kampf gegen die Zeit, denn viele der Augenzeugen von damals haben die 80 längst überschritten. „Das Ziel war es, einen möglichst guten Querschnitt aus dem betroffenen Gebiet zu erhalten. Das sei insgesamt auch ganz gut gelungen.

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Unter denen, die für das Forschungsprojekt ihre Geschichte erzählt haben, sind zwei Reichenauerinnen: Elfriede Tittel und Hannelore Wahner.

Was den Historiker bei seinen Interviews vor allem beeindruckt hat, war das Erinnerungsvermögen der Vertriebenen: „Es ist erstaunlich, wie präzise sich das bei vielen eingeprägt hat und mit welcher Selbstsicherheit sie sogar über das Wetter berichten konnten“, sagt er. Was sich bei den Gesprächen deutlich herauskristallisierte, war vor allem, dass es nach dem Schritt über die neu gezogene Grenze keinen Zusammenhalt der früheren Nachbarn oder Dorfgemeinschaften mehr gab. Jeder suchte dort Unterschlupf, wo er konnte – viele bei Verwandten, aber auch in Gasthöfen oder in Häusern auf deutscher Seite, deren Besitzer aus Angst vor den Russen geflohen waren. Stigmatisiert waren die Vertriebenen vor allem durch ihre Kleidung, die behelfsweise gar aus Gardinen gefertigt wurde. Allen gemein war auch der große Hunger nach dem Krieg. Vielen blieb auch bis weit in die 50er Jahre die Hoffnung, doch noch zurückkehren zu können. Schmerzhaft sind die Erinnerungen für die Betroffenen noch heute sehr: „Oft hatten sie bei den Gesprächen mit Tränen oder einem dicken Kloß im Hals zu kämpfen“, erinnert sich Dannenberg.