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Warum Petry weg von der AfD will

Weggang mit Ehemann: Die AfD-Parteichefin kündigt kurz nach dem Wahltriumph ihren Rückzug aus der Partei an. Der SZ erklärt sie ihre Gründe.

© dpa

Thilo Alexe

Dresden. Sie soll ganz hinten sitzen, das ist ungewohnt. Wenn Frauke Petry am Mittwoch in den Landtag kommt, führt ihr Weg nicht an die Spitze des tortenförmigen Sitzblocks, in dem die AfD-Fraktion ihre Plätze hat. Petry geht davon aus, dass über Nacht die Stühle und fest verschraubten Pulte nicht umgebaut werden. Also wird sie sich mit ihren zwei Verbündeten in die letzte Reihe setzen.

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Am Dienstag tritt sie noch als Fraktionschefin der AfD vor die Presse. Es geht, wie immer am Tag vor dem Plenum, um die Schwerpunkte der Partei für die Landtagssitzung. Doch nach wenigen Minuten kommt Petry zum Punkt, der alle interessiert. Sie verkündet, dass sie noch im Laufe des Tages aus der Fraktion austritt.

Der Parteiaustritt soll folgen, auch wenn der Zeitpunkt noch nicht offiziell ist. Nach viereinhalb Jahren verlässt die Mitbegründerin der AfD die Partei. Ihr Ehemann Marcus Pretzell, bislang AfD-Fraktionschef im nordrhein-westfälischen Landtag, will der Partei ebenfalls den Rücken kehren. Am Vortag hatte Petry bereits angekündigt, sich nicht der neuen Bundestagsfraktion anschließen zu wollen. Nach der knappen Pressekonferenz schildert die 42-Jährige der SZ ihre Beweggründe. Die Noch-Vorsitzende sitzt in einem Landtagsbüro, Generalsekretär Uwe Wurlitzer, der wie Vizechefin Kirsten Muster die Fraktion ebenfalls verlässt, hat hinter dem Schreibtisch Platz genommen. Petrys Handy vibriert ununterbrochen. Sie spricht in den für sie typischen langen Sätzen, die dennoch scharfzüngig formuliert sind. Warum geht sie?

Die Antwort ist: Die Extremen in der AfD sind ihr zu dominant. Petry, die die Partei nach wie vor prägt, sagt es anders. In einem dieser langen Sätze spricht sie davon, dass das politische Gewicht von ihr und ihren Getreuen letztlich den Rechtsauslegern nützt. In anderen Worten: Petry hält den Laden zusammen und macht ihn für bürgerliche Wähler attraktiv, während Björn Höcke und andere sich darum kaum scheren und sich mit nationalistischen und radikalen Phrasen profilieren. Sie nutzen, folgt man der These, das, was Petry aufgebaut hat, für ihre Propaganda. Irgendwann spricht die scheidende Chefin – ohne Namen zu nennen – von einem „Narrensaum“. Die Vorstände im Bund und den Ländern müssten diesen zum Austritt drängen oder ausschließen, agierten dabei aber lustlos und unengagiert. Wäre das anders, würde sie erneut für die Parteispitze kandidieren. Nun geht sie.

Petry gilt als moderat, sie will „einen konservativen Neuanfang in vernünftigem Ton“. Aber hat sie nicht Rechtspopulisten wie Marine Le Pen und Gert Wilders getroffen, um die neue Rechte europaweit zu vernetzen? Ihre Antwort lässt erahnen, wie stark das Machtgerangel in der AfD tobt.

Der Flügel, sagt sie, habe stark an le Pen und Wilders „gebaggert“. Der Flügel ist eine parteiinterne Vereinigung um den Thüringer Fraktionschef Björn Höcke, die als weit rechts stehend gilt. Es gab, erzählt Petry, sogar den Plan, einen dieser Politiker nach Erfurt zu holen. Das wollte sie verhindern und traf sich mit den beiden schließlich Anfang des Jahres in Koblenz. Le Pen, mutmaßt Petry, würde nie mit jemandem wie Höcke auftreten. Wilders Ansichten zum Islam teile sie nicht. Allerdings habe er dennoch auch liberale Ideen. Petry hat, das deutet sie damit an, die Deutungshoheit über europäische Verbindungen nicht den Rechtsaußen überlassen wollen.

Vermutlich sehen das ihre Kritiker in der Partei anders – die, die die AfD ablehnen sowieso. Womöglich hat sich Petry auch verändert, was sie allerdings bestreitet. Den Abschied von der Partei jedenfalls, und das stützt ihre Sicht, hat sie lange erwogen und wohl auch strategisch geplant.

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Was kommt als nächstes in dem Prozess? Petry will im Landtag und auch im Bundestag ihre Mandate ausüben. Dass sie das alleine tun wird, ist schwer vorstellbar. Das Präsidium des sächsischen Parlaments muss erst entscheiden, welche Redezeit sie bekommt. Petry erwartet, dass weitere Politiker ihrem Beispiel folgen. Dann könnte es, ähnlich wie in Baden-Württemberg, so etwas wie eine zweite AfD-Fraktion geben – eine, die auf deren Programm basiert, aber weniger schrille Töne produziert. Womöglich gründet Petry eine Alternative zur Alternative. Zunächst verfolgt sie die Landtagssitzung aus ungewohnter Perspektive.