merken
PLUS Weißwasser

Firmenjubiläum ohne Feier

Seit 25 Jahren hat Kerstin Wonde in Bad Muskau einen Friseursalon. Trotz Corona ist die Unternehmerin optimistisch.

Das Salonteam vor dem Lockdown: Die Friseurinnen Nicole Hartnick, Monique Paulick, Anette Rudoba und Friseurmeisterin Kerstin Wonde (v.l.).
Das Salonteam vor dem Lockdown: Die Friseurinnen Nicole Hartnick, Monique Paulick, Anette Rudoba und Friseurmeisterin Kerstin Wonde (v.l.). © Joachim Rehle

Statt waschen, schneiden, färben, föhnen im Akkord herrscht erneut seit Wochen absolute Leere im Friseursalon in der Kirchstraße 23 in Bad Muskau. Hier hätten Mitarbeiterinnen und Kunden heute einen besonderen Grund zur Freude, würde nach Dienstschluss eine kleine Feier stattfinden. Denn am 6. Januar 1996 wagte Friseurmeisterin Kerstin Wonde den Schritt in die Selbstständigkeit, übernahm den Salon Gassauer und zwei Mitarbeiterinnen von ihrer Arbeitgeberin und einstigen Ausbilderin Gisela „Gassi“ Gassauer.

Doch statt Jubiläumsfeier und Kundenansturm gilt Corona-Zwangsschließung für den Salon, sind alle Mitarbeiterinnen in Kurzarbeit. Die Einzige, die ein- bis zweimal wöchentlich kurz im Salon ist, ist Inhaberin Kerstin Wonde. „Ich muss ja den Briefkasten leeren, lüften, die Heizung anpassen und nach dem Rechten sehen“, begründet sie. Es sei schon schade, dass das Jubiläum unter so traurigen Umständen stattfinde. „Aber sobald wir und die Gaststätten wieder öffnen dürfen, wird es einen kleinen Dankeschön-Abend für meine Mädels und ihre Partner geben. Denn die Männer unterstützen sie und die Familien bei Spätschicht oder Samstagsdienst sehr.“ Überhaupt, lobt Kerstin Wonde, habe sie ein ganz tolles Team. „Die Mädels stehen 100 Prozent hinter mir und umgekehrt.“ Der lange Donnerstag, als Dienstleistung für Berufstätige, sei beispielsweise ihr Vorschlag gewesen und seither stets „bis zum Anschlag“ und im Voraus ausgebucht.

Anzeige
Sachsen krempelt die #ärmelhoch
Sachsen krempelt die #ärmelhoch

Die Corona-Schutzimpfung ist gestartet. Zunächst allerdings nur für Menschen, die zur Gruppe der höchsten Priorität gehören.

Die Arbeit als Friseurin sehe für Laien auch nicht „knallhart“ aus, sei aber schwer. Nicht nur des langen und fast dauerhaften Stehens wegen. „Du musst dich stetig umstellen. Von der Oma mit Wickelfrisur zu hippen Trendsettern über den klassischen Männerschnitt bis zum Kind, dass gar nicht zum Friseur will. Und immer sitzen neue Charaktere vor dir auf dem Stuhl, auf die du dich einstellen musst. Oft fühlt man sich sogar als halber Psychologe. Abgesehen von den Schichten und den Weiterbildungen, um am Ball zu bleiben.“

Unternehmerin mit 26 Jahren

Was es bedeutet, Job, Familie und Schule unter einen Hut zu bringen, weiß Kerstin Wonde nur zu gut. Um einen eigenen Salon führen zu dürfen, musste sie berufsbegleitend zwei Jahre die Meisterschule in Dresden besuchen. Noch dazu auf eigene Kosten und mit eigenen Modellen. „Damit die nach Dresden kamen, musste ich mich um ihre Fahrten kümmern. Zum Glück gab es einen Nachbarn, Opa Heinz, der gerne fuhr. Wohl auch, weil ein Model seine Tochter war“, erzählt die Friseurmeisterin. Den Schritt von der Angestellten zur Unternehmerin habe sie nie bereut, obwohl es einst eher zufällig dazu gekommen und sie erst 26 Jahre alt gewesen sei.

„Meine Chefin und einstige Ausbilderin fragte mich eines Tages, ob ich nicht ihren Salon in Bad Muskau übernehmen wolle. Das war schon was Besonderes für mich.“ Doch Kerstin traute es sich zu, hatte ja schon den Meisterschein in der Tasche. „Ehrlich, alles was ich kann, habe ich von Gassi gelernt. Sie war streng, ist allerdings noch heute meine Kundin.“Kein Wunder. Die Ex-Chefin weiß, was sie Kerstin beibrachte, wie sehr sie sich in den Job kniet und ihn liebt. Und wie sie Kerstin dazu brachte, stets ihr Bestes zu geben. So, wie beim Üben für die Meisterprüfung. „Da sagte Gisela einmal zu mir: Um Gotteswillen, wie wollen Sie die Prüfung bestehen? Als mein Model meinte, dass alles gut aussehe, sagte sie: Ja, aber Kerstin braucht Strenge. Da ist sie am besten.“

Die harte Schule, bekennt die 51-jährige Friseurmeisterin, habe sich ausgezahlt, sie nie an ihrer Entscheidung für die Selbstständigkeit zweifeln lassen. Selbst nicht, als es vor rund zehn Jahren galt, erneut eine wichtige unternehmerische Entscheidung zu treffen: Umzug und Vergrößerung des Salons samt Investitionskosten und fast doppelt so hohe Betriebskosten wie zuvor. „Die Kunden wurden immer mehr und die Ware stapelte sich im Aufenthaltsraum bis zur Decke. Das war kein Zustand. Also suchte ich nach einem größeren Geschäft.“ Das sollte möglichst „irgendwo am Marktplatz“ in Bad Muskau sein, klappte aber nicht. Dafür gab es freie Räume nur etwa 100 Meter entfernt vom alten Salon in der Kirchstraße 35. „Das war nicht die erste Wahl, aber es gab Parkplätze vor der Tür. Und die sind heute goldwert.“

Tipp: Mut zu Schere und Farbe

Bevor Kerstin Wonde mit ihren inzwischen vier Mitarbeiterinnen in den 100 Quadratmeter großen Salon umziehen und ihn im Oktober 2008 eröffnen konnte, musste umgebaut werden. „Mein Mann Steffen und sein Schwager haben in sechs Monaten allein alles ausgebaut und eingerichtet. Ohne Hilfe eines Ausstatters, nach den Ideen von meinem Team und mir.“ Ohne die handwerklich begabten Männer, schätzt die Unternehmerin, wären die Kosten nicht tragbar gewesen. Rückblickend sei der Umzug jedoch wichtig und richtig gewesen. Und so, wie sich der Salon der Entwicklung anpasste, unterliegt auch handwerkliches Können stetem Wandel. „Früher lernte ich gerade, akkurate Schnitte. Heute ist alles mehr Freihandtechnik.

Das war für mich eine große Umstellung“, bekennt die Chefin, die – wie ihre Mitarbeiterinnen – regelmäßig Fortbildungskurse in Leipzig oder Berlin belegt. Denn, wie die Mode ändern sich auch Frisuren schnell. In diesem Jahr, so die Friseurmeisterin, lägen Wellen und Locken im Trend, kühle Farbtöne, viel Bob. Bei Männern gehe die Tendenz hin zum Bart. Kerstin Wonde selbst bevorzugt schnelle und pflegeleichte Frisuren. Wegen ihres Hobbys, dem Laufsport. Weltweite und mehrere Marathons im Jahr kann sie wegen Corona seit langem nicht mehr machen. Gelaufen wird trotzdem jeden Tag und mit schicker Frisur unterm Stirnband.

Endlich wieder frisieren wollen übrigens nicht nur die Salon-Mädels. Auch ihre Kunden warten schon sehnsüchtig auf Waschen, Schneiden, Färben, Föhnen und den „Wohlfühlkopf“ durch die Expertinnen. Doch bis das möglich ist, vermutet die Friseurmeisterin, werden Wochen vergehen. Wem das haartechnisch zu lange dauere, dem rät sie „ganz vorsichtig“ die Schere anzusetzen oder eine Farbe aufzutragen. „Das klappt. Nach dem ersten Lockdown mussten wir auch keine Farbpatzer ausbessern. Und Haare wachsen schnell nach.“Einen Wunsch hat die stets optimistische Unternehmerin aber im Jubiläumsjahr. „Ich wünsche mir für alle Gesundheit. Den Rest bekommen wir hin!“.

Mehr Nachrichten aus Weißwasser und Umland lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Weißwasser