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Einzelhandel fordert angemessene Corona-Hilfen

Aus Protest wollten gestern bundesweit Händler ihre Geschäfte öffnen. In Weißwasser heißt es: Wir machen AUF_merksam.

Mit gelben Plakaten an Ladentür und Schaufenstern beteiligt sich der Einzelhändler Tobias Hemmo an der gestern gestarteten Aktion „Wir machen AUF_merksam“. Damit sollen bundesweit die Augen geöffnet werden – für die Perspektivlosigkeit und Notsi
Mit gelben Plakaten an Ladentür und Schaufenstern beteiligt sich der Einzelhändler Tobias Hemmo an der gestern gestarteten Aktion „Wir machen AUF_merksam“. Damit sollen bundesweit die Augen geöffnet werden – für die Perspektivlosigkeit und Notsi © Constanze Knappe

Groß ist die Angst – vor einer Pleitewelle im Einzelhandel. Und sie ist berechtigt, wie erste Aufgaben und Insolvenzanträge zeigen. Aus Protest gegen die angeordnete generelle Schließung in den meisten Handelsbranchen wollten gestern bundesweit etliche Händler öffnen. Weil ihnen das Wasser nicht mehr nur bis zum Hals, sondern längst darüber hinaus steht.

Unabhängig davon startete ebenfalls am gestrigen 11. Januar um 11 Uhr eine deutschlandweite Protestaktion des Einzelhandels unter dem Motto „Wir machen AUF_merksam“. Initiiert wurde sie von Textilhändler und Funky Staff-Geschäftsführer Uwe Bernecker sowie Günter Nowodworski von der Agentur Now Communikation. Auf der Website der Aktion heißt es: „Wir rufen nicht zur Teilnahme an Demos auf und wir rufen auch nicht dazu auf, Läden einfach zu öffnen. Wir halten uns an Regeln und Vorschriften!“ Doch man wolle öffnen: Und zwar die Augen für eine absolute Notsituation! 65 Prozent des stationären Einzelhandels seien von der Corona-Schließung unmittelbar betroffen, für viele Betriebe ist die Lage existenzgefährdend.

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Durch Lockdown stark gefährdet

Ausdrücklich erklären die Initiatoren der Aktion: „Wir möchten uns entschieden von falscher Einordnung unseres Protestes distanzieren. Wir sind keine Corona-Leugner. Wir sind keine Maskenverweigerer.“ Das würde Tobias Hemmo sofort unterschreiben. Der Einzelhändler findet die Aktion sehr gut. Seit gestern hängt im Schaufester seines Schuh- und Lederwarenfachgeschäfts in Weißwasser ein entsprechendes Plakat. Und auch auf seiner Facebook-Seite bezieht er Stellung. Der Zuspruch sei riesig, sagt er auf Nachfrage von Tageblatt.

Tobias Hemmo führt das Schuh- und Lederwarengeschaft in Weißwasser in vierter Generation. Im Jahr 2020 blickte er auf das 100-jährige Bestehen des Familienbetriebs zurück – auf gute und weniger gute Zeiten. So habe in Kommission der DDR-Handelsorganisation HO immer die Angst im Nacken gesessen, ob man als Nächstes enteignet würde, wie es privaten Händlern ohne staatlichen Vertrag in den 60er und 70er Jahren erging. Doch das Fachgeschäft für Schuhe und Lederwaren überdauerte die Zeiten, startete mit der Wende neu durch. Immer war Tobias Hemmo bewusst, dass man sich als Einzelhändler drehen müsse. Erst recht in einer Stadt wie Weißwasser mit weiter sinkender Einwohnerzahl. Aber eine Perspektivlosigkeit wie jetzt – das habe es noch nie gegeben, sagt er.

Mit der jetzt schon wiederholten Schließung während der Corona-Pandemie ist das Geschäft trotz seiner langen Tradition ernsthaft gefährdet. Den Lockdown bis Ende Januar könne er ja gerade noch so aushalten, sagt Tobias Hemmo. Auf die Nachricht zu der gestern verkündeten Verlängerung bis 7. Februar reagiert er mit den Worten: „Na ja ... Aber danach wird es richtig, richtig eng.“ Er ist sich nicht sicher, ob ihm dabei nicht die Luft ausgeht. Seine Mitarbeiterin, die jetzt ihren Resturlaub nimmt, müsse er dann in Kurzarbeit schicken.

Winterware nicht absetzbar

Es gehe ja nicht nur um die Fixkosten, der viel größere Verlust sei der Warenbestand, erklärt der Einzelhändler. „Hochmodische Ware wird schneller schlecht als Kuchen“, zitiert er einen Slogan im Handel. Er habe zwar nicht solche ausgefallenen Stücke wie in großen Städten, aber auch für ihn stelle sich die Frage, ob er die Schuhe im nächsten Winter noch verkaufen kann. Hinzu käme, dass vielen Händlern, die die Winterware schon bezahlt haben oder noch bezahlen müssen, ohne Einnahmen das Geld für den Einkauf der Frühjahrsmode fehlt. Zudem werde mit der Verlängerung des Lockdowns die Ware für die nächste Saison viel später ausgeliefert, sodass weniger Zeit bleibt, diese an die Kunden zu bringen.Somit reiße die corona-bedingte Schließung Tag für Tag immer größere Löcher in die kaum noch vorhandenen Reserven der Händler. Die Initiatoren der Aktion „Wir machen AUF_merksam“ fordern deshalb die baldige Wiederöffnung der Geschäfte. „Wir können die Hygieneauflagen mindestens genauso gut erfüllen wie der Lebensmittelhandel“, erklären sie.

Mit den Läden sterben die Städte

Alternativ müssten die Gleichbehandlung mit der Gastronomie und angemessene Entschädigungen her. Denn der Zuschuss zu den Fixkosten sei ja nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Viele Händler hätten von den Corona-Hilfen im November/Dezember nichts bekommen, „weil der Umsatz noch nicht schlecht genug war“, weiß Tobias Hemmo. Unverständlich für ihn sei, dass die Beantragung nur noch über einen Steuerberater möglich ist. Das koste zusätzliches Geld und werde angesichts der Überlastung vieler Steuerberater zu einem Problem. Beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 habe er die Hilfen selber beantragt wie auch den zinslosen Kredit. Ob er korrekte Angaben gemacht habe, sei danach stichpunktartig kontrolliert worden.

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Tobias Hemmo hofft, dass sich auch andere Geschäfte in Weißwasser der Aktion „Wir machen AUF_merksam“ anschließen. Er würde ihnen Ausdrucke für die Schaufenster zur Verfügung stellen. „Wenn die Läden sterben, ist die Innenstadt tot“, beschreibt er den Ernst der Lage und verweist auf den Rattenschwanz, den das Ganze hinter sich herzieht – bis hin zu den fehlenden Spenden und Sponsoring für Vereine.Bei den Initiatoren der Aktion heißt es indes: „Je mehr Händler mitmachen, desto größer ist die Chance, von der Politik gehört zu werden.“ Sie wenden sich ebenso an die Kunden. Je mehr diese den Aufruf liken und teilen, desto größer sei die Überlebens-Chance für ihren Lieblingshändler.

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