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Aus der Ukraine gekommen, um hier zu überleben

Viktoria Martsenko aus Kiew hat mit ihren Kindern, Eltern und Schwiegermutter in Dresden Zuflucht gefunden. Doch ihr Mann blieb in der Ukraine. Die Familie weiß nicht, wie es weitergeht.

Von Olaf Kittel
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Familie Martsenko auf einem Spielplatz in ihrer neuen Nachbarschaft. Von links: Mutter Viktoria, Tochter Diana, Großmutter Zinaida, Schwiegermutter Vira Fedorenko, Sohn Jan und Großvater Volodymyr.
Familie Martsenko auf einem Spielplatz in ihrer neuen Nachbarschaft. Von links: Mutter Viktoria, Tochter Diana, Großmutter Zinaida, Schwiegermutter Vira Fedorenko, Sohn Jan und Großvater Volodymyr. © Matthias Rietschel

Als die vier Erwachsenen und die beiden Kinder Jan (7) und Diana (3) heute vor zwei Wochen am frühen Morgen in Dresden-Pappritz ankamen, konnten sie ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren, Alle zitterten, alle weinten. Die Kinder, und die Erwachsenen auch. Alle waren so unendlich müde. Sie hatten gerade eine fast zweiwöchige Flucht hinter sich, zuletzt eine nicht enden wollende Nonstop-Autofahrt von der ukrainisch-rumänischen Grenze.

„Wir haben dann einen halben Tag geschlafen. Und dann erst einmal versucht, uns klar zu machen, was eigentlich passiert ist“, berichtet Viktoria Martsenko, die Mutter der Kinder. Aufgenommen wurden sie, ihre Eltern und die Schwiegermutter von ihrer Schwester Natalija Bock, die schon seit 25 Jahren in Dresden lebt.

Viktoria Martsenko (39) weiß noch ganz genau, wie für ihre Familie der Krieg begann. Es war am 24. Februar, um fünf Uhr morgens. Explosionen weckten sie und ihren Mann, die Kinder schliefen noch. „Mir war sofort klar: Der Krieg ist da.“ Bis zuletzt hatten sie gehofft, dass es Putin bei Drohgebärden belässt. Aber jetzt war der Schrecken ganz nah. Sie weckte also die Kinder, half ihnen beim Anziehen und erklärte ihnen, dass sie jetzt alle sehr vorsichtig sein müssten. Dann rief sie ihre Eltern an und bat sie, schnell zu kommen. „Wir müssen hier raus!“ Vielleicht sei eine Flucht aus Kiew schon bald nicht mehr möglich.

Den Satz „Wir müssen hier raus!“ sagte Viktoria Martsenko ohne zu zögern. Obwohl die 39-Jährige mit ihrer Familie erst ein halbes Jahr zuvor ihr neues Haus in einem westlichen Vorort von Kiew bezogen hatte.

Auch ihre Eltern zögerten nicht lange. Zinaida und Volodymyr Martsenko, sie 67, er 71 und beide Rentner, packten rasch einige Sachen ein und kamen mit ihrem Auto ins Haus ihrer Tochter, um zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Ihr Mann Roman und ihr Vater blieben die nächste Nacht auf, um die Nachrichten zu verfolgen. Am nächsten Morgen stand es fest: Wir ziehen zusammen in unser Gartenhaus, 40 Kilometer von Kiew entfernt, in Richtung Odessa. Das Haus ist groß genug für alle, allerdings nicht winterfest.

Aber auch dort kam der Krieg sehr nahe. Russische Bomber griffen immer wieder die ukrainische Luftwaffenbasis Vasylkyv im Süden von Kiew an, nur 15 Kilometer von ihrer Datscha entfernt. Die Nachrichten berichteten auch hier davon. Sie hörten die Bombendetonationen, dann wurde dort ein Tanklager getroffen. Es gab eine enorme Explosion, eine riesige schwarze Wolke zog über sie hinweg. Und Jan, der Siebenjährige, fand auf einem Feld ein abgeschossenes russisches Jagdflugzeug mit zerstörter Pilotenkanzel und Resten eines Fallschirms.

„Für ihn ist es noch mehr ein Spiel“, erklärt die Mutter. Aber nachts schreit er jetzt manchmal im Schlaf: „Bomben, Bomben, Bomben!“ Und die dreijährige Diana sagte zu ihrer Mama: „Bitte keine Bomben, ich habe Angst.“

Den Kriegsbeginn am 24. Februar hatte Schwiegermutter Vira Fedorenko noch unmittelbarer erlebt. Sie stand am frühen Morgen am Fenster in der fünften Etage ihres Hauses im Zentrum von Kiew. Von hier aus hörte sie nicht nur die ersten Explosionen, sie sah sie auch, dazu den Feuerschein. Es war ein Schock. Den Augenblick wird sie nie vergessen, sagt sie. Seither gab es immer wieder Fliegeralarm, die 69-Jährige musste immer wieder in ihrem Haus von ganz oben bis runter in den Keller. Ganze Nächte verbrachte sie dort. Sie spürte, wie die Erde bebte, sie hörte dumpfe Explosionen aus allen Richtungen. Für ihre Familie war klar: Auch sie muss da raus.

Unterdessen war im Gartenhaus die Entscheidung gefallen, dass sie nicht bleiben können. Aber wohin? Die naheliegende Idee, eine Ferienwohnung in den ruhigen ukrainischen Karpaten zu mieten, hatten schon viele andere Ukrainer vor ihnen. Alles belegt. Also buchten sie ein Hotel in Chmelnik, die kleine Stadt in der Zentralukraine ist als Kurort bekannt. Sie holten die Schwiegermutter dazu sowie Viktorias Bruder mit Frau und Baby.

Für die 220 Kilometer vom Gartenhaus benötigten sie sechs Stunden, immer wieder gab es Straßensperren. Zum Glück nur ukrainische. In Chmelnik hörten sie zwar auch immer wieder die Sirenen, aber es fielen keine Bomben, es explodierten keine Granaten. Es wurden einige ruhigere Tage, in denen ständig die Frage im Raum stand, wie es nun weitergehen soll. Der Krieg würde wahrscheinlich auch hier näherrücken, die Hotelzimmer waren auf Dauer nicht bezahlbar, die jüngeren Männer mussten zurück.

Immer wieder rief in dieser Lage Viktoria Martsenkos Schwester aus Dresden an. Sie machte sich große Sorgen und bot an, dass doch die ganze Familie nach Sachsen kommen könne. Natalija Bock lebt hier mit ihrem Mann und zwei fast erwachsenen Kindern. Sie ist in der Flüchtlingshilfe engagiert und in Dresden bereits bekannt, weil sie regelmäßig auf Kundgebungen spricht und um Solidarität mit der Ukraine und ihren Menschen bittet.

Viktoria Martsenko Diana und Jan. Die Dreijährige soll bald eine Kita besuchen, der Siebenjährige in die 1. Klasse gehen.
Viktoria Martsenko Diana und Jan. Die Dreijährige soll bald eine Kita besuchen, der Siebenjährige in die 1. Klasse gehen. © Matthias Rietschel

Eigentlich wollte die Großfamilie nicht so weit weg von der Heimat, vor allem nicht die älteren Mitglieder. Aber schließlich ließen sie sich überzeugen, dass es der beste Weg ist, vor allem der sicherste für die Kinder. Also fuhren sie los mit ihren Autos bis zur rumänischen Grenze. Dort staute sich der Verkehr über sechs Kilometer lang. Sie warteten stundenlang, wegen der Kinder wurden sie das letzte Stück vorgelassen.

Der Abschied am Grenzübergang von Familienvater Roman fiel Viktoria Martsenko, seiner Mutter und vor allem den beiden Kindern enorm schwer, es flossen viele Tränen. Roman Martsenko, von Beruf Jurist, musste mit dem Auto rasch zurück nach Kiew, um sich beim Zivilschutz für den Kriegseinsatz zu melden. Den Erwachsenen war klar, was das bedeuten kann; die Kinder ahnten es.

Unterdessen war der Ehemann von Natalija Bock mit zwei Freunden und deren Auto von Dresden zur rumänisch-ukrainischen Grenze unterwegs. Dort trafen sie die Großfamilie, übernachteten noch einmal im rumänischen Grenzort, um Kraft zu tanken. Am nächsten Morgen fuhren sie mit den zwei Autos los, nonstop 20 Stunden quer durch die rumänischen Karpaten, über Budapest bis nach Sachsen. Es war eine Tortur, vor allem für die Kinder. Aber sie erreichten in den frühen Morgenstunden des 7. März sicher das Reihenhaus von Familie Bock in Pappritz, mitten im friedlichen Dresdner Hochland.

Natalija Bock hatte unterdessen die Ankunft vorbereitet. Viktoria Martsenko und die Kinder bekamen ein gemeinsames Zimmer. Ein eigenes Kinderzimmer ist gerade nicht nötig, weil Diana und Jan der Mama ohnehin nicht von der Seite weichen und auch nachts mit ihr im Bett schlafen wollen. Die Großeltern haben ihr eigenes Zimmer, und Schwiegermutter Vira Fedorenko kam bei netten Nachbarn im Nebenhaus unter.

Inzwischen hat sich das Zusammenleben ganz gut eingespielt, auch wenn es natürlich ein wenig eng zugeht. Alle haben versucht, ein wenig zur Ruhe zu kommen, auch wenn das sichtlich schwerfällt. Die Erwachsenen lesen Tag und Nacht Nachrichten aus der Heimat, im Hause Bock können sie auch ukrainisches Fernsehen empfangen. Die Sorge um die Daheimgebliebenen treibt alle um, auch die Kinder. Viktoria Martsenko ist täglich per Facetime mit ihrem Mann in Kiew verbunden, oft fließen dabei Tränen.

Am großen Familientisch versammelt, steht dann die Frage im Raum: Haben sie die Katastrophe kommen sehen? Haben sie Putin den großen Krieg zugetraut? Die Antwort der Geflüchteten ist überraschend klar: Nein, haben wir nicht. Viktoria Martsenko hat es dem russischen Präsidenten noch am ehesten zugetraut, aber natürlich bis zur letzten Sekunde gehofft, dass es nicht passieren wird. Ihre Eltern und die Schwiegermutter haben Putin Angriffe im Osten zugetraut, aber keinen großen Krieg. Großvater Volodymyr Martsenko meint: „Ich habe geglaubt, dass Putin uns nur Angst machen will.“ Sie sind fassungslos, auch jetzt noch.

Wie soll es nun weitergehen, welche Pläne haben die Familienmitglieder? Keine Ahnung, wir wissen es nicht, meinen sie unisono. Um dann, einer nach dem anderen, ein umfangreiches Programm für die nächsten Wochen zu präsentieren.

Viktoria Martsenko, in Kiew tätig als Marketingexpertin für eine Nichtregierungsorganisation, will von Dresden aus weiterarbeiten. Sie, die Germanistik und Marketing studiert hat und gut Deutsch spricht, will zudem ihre Schwester unterstützen bei der Flüchtlingsbetreuung in Dresden. Und dann hat sie ja noch ihre Kinder, die gerade besonders viel Zuwendung brauchen. Jan, der Erstklässler, ist ein fröhlicher Junge, dem man die erlebten Schrecken nicht ansieht, er soll möglichst bald hier in die Schule gehen. Aber dazu müssen erst ukrainische Lehrerinnen verpflichtet werden, die Kinder sprechen kein Deutsch. Bis dahin gibt Großvater Volodymyr den Lehrer. „Nicht streng“, betont er. Und die kleine Diana, recht blass und ernst für ihr Alter, soll eine Kita besuchen, mit Gleichaltrigen spielen und dabei Deutsch lernen.

Großmutter und Schwiegermutter helfen im Haushalt, sie waren auch schon in Pappritz allein einkaufen, sie sprechen kein Deutsch. Oma Zinaida, die sich freut über den Frühling in Deutschland, der früher kommt als daheim in Kiew, zieht es in den Garten, denn es ist doch Pflanzzeit. Weil ihr eigener Garten gerade unerreichbar ist, wird sie wohl den von Familie Bock zum Blühen bringen.

Schwiegermutter Vira hat sogar schon auf einer Dresdner Kundgebung gesprochen und von den schrecklichen Bombennächten im Keller ihres Hauses in Kiew berichtet.

Aber wie es weitergeht, wissen sie natürlich alle nicht. Sie hoffen, dass der Krieg bald endet und sie nach Hause können. Dass alle ihre Lieben unversehrt bleiben und sie alle wieder in die Arme schließen können.

Viktoria Martsenko hofft, dass irgendwann im Frühjahr keine Bomben mehr fallen und sie vielleicht im Sommer zurückkönnen, dass ihr Mann gesund bleibt, ihr neues Haus unzerstört ist und Jan daheim pünktlich die zweite Klasse besuchen kann. Noch ist seine Schule, anders als viele andere, unversehrt. „Aber es ist nur eine Hoffnung“, sagt Viktoria Martsenko. „Das Schlimmste ist für uns, dass wir nichts planen können. Wir können nur hoffen.“

  • Sächsische.de wird Familie Martsenko in den kommenden Wochen begleiten und fortlaufend berichten, wie es ihnen ergeht.