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„Wir geben ihnen verlorene Zeit zurück“

Die Deutschen beargwöhnen selbstfahrende Autos. Aber das wird sich schnell ändern, ist sich der Digitalchef von VW sicher.

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© Matthias Rietschel

Von Nora Miethke

Dresden. Die älteste Tochter von Johann Jungwirth ist fünf Jahre alt. Sie wird keinen Führerschein mehr brauchen, davon ist ihr Vater fest überzeugt. „Denn meine Vision für 2025 ist es, dass in Großstädten wie Berlin links und rechts an den Straßen keine Autos mehr parken. Selbstfahrende Fahrzeuge werden die Menschen auf Mietbasis von A nach B bringen“, sagt Jungwirth. Der 43-Jährige ist seit vergangenen November Digitalchef des Volkswagen-Konzerns, abgeworben von Apple. Seine Aufgabe: Er soll den weltgrößten Autobauer mit all seinen zwölf Marken fit für das digitale Zeitalter machen und VW zu einem führenden Mobilitätsanbieter umbauen. Am Donnerstagabend schilderte Jungwirth in der Gläsernen Manufaktur in Dresden, wie er das erreichen will.

Der studierte Elektrotechniker ist sich sicher, dass in drei bis fünf Jahren die ersten autonom fahrenden Autos auf deutschen Straßen fahren werden, natürlich voll elektrisch. In drei Future Centern in Potsdam, Peking und im Silicon Valley lässt Jungwirth Designer und Digitalisierungsexperten gemeinsam das Auto der Zukunft und das selbstfahrende System entwickeln. Argumente wie die Skepsis der Deutschen gegenüber voll autonomen Autos lässt er nicht gelten. Nach einer Umfrage der Unternehmensberatung Boston Consulting würden derzeit nur 41 Prozent der Deutschen in ein Fahrzeug einsteigen, was vom Autopiloten gelenkt wird. „Alle Studien belegen, Menschen fassen schnell Vertrauen, der Kulturwandel wird rasanter gehen als viele denken“, sagt Jungwirth. Auf Testfahrten würden Menschen, kaum eingestiegen, sich vom Lenkrad umdrehen und zum Smartphone greifen.

Der neue VW-Digitalchef hat sieben Jahre im Silicon Valley gelebt, erst das Entwicklungszentrum von Mercedes geleitet, bevor er 2014 zu Apple wechselte. Dort hat er gelernt, was Google und Apple erfolgreich macht. Jungwirth, von Freunden und Kollegen nur „JJ“ genannt, verspricht Träume und versprüht Enthusiasmus, wenn er von der neuen, schönen Mobilitätswelt schwärmt. Vor allem Blinde, Kranke und alte Menschen, die sich heute mühsam zu Bushaltestellen und Bahnstationen schleppen müssten, könnten von der Mobilität auf Nachfrage mit selbstfahrenden Fahrzeugen von Tür zu Tür profitieren. Jedes Jahr würden bis zu 1,25 Millionen Menschen weltweit im Straßenverkehr sterben, 91 Prozent davon durch menschliches Versagen. Diese Zahl könnte deutlich gesenkt werden. Menschen verbringen durchschnittlich fast 38 000 Stunden ihres Lebens im Auto. „Wir geben ihnen diese Zeit zurück für Dinge, die sie gern tun“, so Jungwirth. Die Lebensqualität in den Städten werde sich durch die Elektroautos erhöhen, betont der passionierte E-Golffahrer. Der Verkehrslärm verschwinde, die Preise für Grundstücke und Häuser an ehemals lauten Straßen würden steigen.

Ganz neue Zulieferer gebraucht

Diese neue Mobilität werde zwar zuerst in den Großstädten ausgerollt werden, „doch sie ist auch in ländlichen Regionen realisierbar“, sagt der Digitalexperte mit Blick auf das Flächenland Sachsen. Es wird nur länger dauern. Die größten Hürden sieht er in den höheren Geschwindigkeiten auf der Landstraße und in der Regulierung. Viele Verkehrsgesetze und vor allem die Wiener Konvention müssen geändert werden. Dieses weltweite Abkommen über die Verkehrsgrundregeln schreibt Hände am Lenkrad vor. Doch die Autos der Zukunft sollen ohne Lenkrad und Gaspedal auskommen.

Aber was heißt das alles für den VW-Konzern. Der Autobauer misst sich jedes Jahr mit der Konkurrenz darin, wer die meisten Autos verkauft hat. Werden nicht künftig weniger Fahrzeuge produziert und damit weniger Beschäftigte gebraucht werden? Das glaubt Jungwirth nicht. Im Gegenteil. Heute seien Autos etwa 15 Jahre auf der Straße, wovon sie jedoch die meiste Zeit parkten. Die Autos der Zukunft werden ihr Lebensende dagegen aufgrund des stärkeren Einsatzes schon nach zwei Jahren erreichen. Die Hersteller müssten also so viele Fahrzeuge wie bisher, wenn nicht sogar mehr produzieren, erklärt Jungwirth. Seine Ideen kämen in der Belegschaft in Wolfsburg – wo der Digitalchef mit seinen 50 Mitarbeitern in Halle 6 sitzt – gut an. Vor allem bei der Digitalisierung der Geschäftsprozesse sieht er Potenzial für die Weiterbildung der Beschäftigten. Auch bleibe die Produktion von Autos weiterhin wichtig.

Das Autoland Sachsen müsse sich auch nicht um seine Autozulieferer sorgen. „Sie haben hier doch die wichtige Halbleiterindustrie“, fällt Jungwirth als Erstes ein. Auch werde VW bei der Individualisierung von Fahrzeugen mit ganz neuen Zulieferern etwa aus dem Möbeldesign oder der Innenarchitektur zusammenarbeiten. Das klingt dann doch nach einem großen Wandel.

Auch die Zweifel vieler Beobachter, ob ausgerechnet VW die 180-Grad-Wende zum Vorreiter in Elektromobilität und Digitalisierung ernst meint, zerstreut Jungwirth charmant. „Ich bin mitten in der Krise zu VW gewechselt, weil ich den unbedingten Willen zum Wandel sehe“, beteuert er. Ein 30 Minuten dauerndes Kennlerngespräch mit Vorstandschef Matthias Müller auf dem Stuttgarter Flughafen hat ausgereicht, das zu erkennen.