Teilen:

„Wir müssen mal wieder ausrasten“

© Paul Sander

Patrick F. soll einer der Rädelsführer der Gruppe Freital sein. Am 14. Prozesstag legt er ein umfassendes Geständnis ab.

Karin Schlottmann

Dresden. Das Geständnis war schon länger geplant, sagt Patrick F. Der Tag vor seinem 26. Geburtstag, dem zweiten Geburtstag in der Untersuchungshaft, sei eine gute Gelegenheit, begründet er seinen Schritt. Er wolle „die Last nicht länger mit sich herumtragen“. Was er vorträgt, klingt dann eher wie ein Referat. Reue kommt darin ebenso wenig vor wie eine Entschuldigung bei den Eritreern, auf deren Wohnung er einen Sprengstoffanschlag verübt hat und die an diesem Tag im Saal sitzen.

Die Angeklagten

Patrick F., 25 Jahre alt, Lagerarbeiter, mutmaßlicher RädelsführerPaul Sander
1
/
8

Wenn er an diesem 14. Prozesstag vor dem Oberlandesgericht Dresden über seine Mitangeklagten spricht, nennt er sie „Herr S.“ oder „Frau K.“. Er vermeidet abfällige Worte über Flüchtlinge wie „Bimbo“, „Kanaken“ oder „Zecken“ über Linke, die im Internet-Chat der Gruppe Freital üblich waren. „Das lässt sich von meiner Seite nur vermuten“, antwortet er auf eine Frage des Gerichts.

Ausführlich und detailliert schildert Patrick F. dem Gericht, wie er sich technisch auf die Anschläge vorbereitet hat. Die illegale Pyrotechnik zu testen und für die Anschläge aufzumotzen war sein Metier. Er gibt auch zu, Ideengeber und – abgesehen von der Verwüstung eines Parteibüros – Mittäter gewesen zu sein. Etwa eine Stunde lang listet er auf, wer aus der Gruppe Freital und aus dem weiteren rechten Umfeld mitgemacht, wer geplant und wer die Böller angebracht hat. Der erste Anschlag traf den Freitaler Linken-Politiker Michael Richter. Es war so eine Art Einstand für ihn. Die Idee sei von Timo S. gekommen. Er selbst habe eine Flasche mit Schwarzpulver und Kieselsteinen gefüllt, um möglichst großen Sachschaden anzurichten.

Den Anschlag auf die Wohnung der Flüchtlinge aus Eritrea in der Freitaler Bahnhofstraße habe er allein begangen. Wut über vermeintliche Drogendealereien von Asylbewerbern habe ihn dazu angespornt. „Ich saß an dem Abend planlos im Auto und bin durch die Gegend gefahren“, sagt der Lagerarbeiter. Er habe dann am Busbahnhof Asylbewerber beobachtet und sich dann entschlossen, zu der nahe gelegenen Wohnung zu fahren und einen Böller in ein angekipptes Küchenfenster einer Flüchtlingswohnung zu legen. Es wurde nur deshalb niemand verletzt, weil die acht Bewohner in ihren Zimmern schliefen.

Rachegelüste sei das Motiv für den Angriff auf das alternative Wohnprojekt „Mangelwirtschaft“ in Dresden gewesen. Die Gruppe Freital und die Freie Kameradschaft Dresden haben, so schildert er es, den Überfall im Oktober 2015 gemeinsam verübt. Die Linken hätten einen ihrer Gesinnungsgenossen bei einer Schlägerei verletzt. Es sind vor allem „Linke“, die zu seinem Feindbild gehören. Er gibt zu, sich im Chat der Gruppe Freital abwertend über Asylbewerber geäußert zu haben. Aber der Hauptgegner sei die Antifa gewesen.

So offen er über seine Taten spricht, so ausweichend beantwortet er die Fragen des Gerichts nach seiner Gesinnung. Die Hooligan-Gruppe Faust des Ostens habe er nur wegen des Fußballs besucht. Das martialische Gruppenbild mit Hakenkreuz-Fahne, Hitlergruß und Bengalo-Feuer im nächtlichen Freital sollte vor allem die Linken provozieren, gibt er an. Identifizieren Sie sich damit, will Richter Jürgen Scheuring wissen. Die Bilder seien ja nur für den Privatgebrauch gemacht worden, heißt es nebulös. Und was rassistische Einstellungen angehe, da sei er „gespalten“.

Die Bundesanwaltschaft hält Patrick F. und Timo S. für die Hauptbeschuldigten. Ihnen und den anderen Angeklagten werden Bildung einer rechtsterroristischen Vereinigung und versuchter Mord vorgeworfen. Er habe Timo S. bei einer Kundgebung gegen die Unterbringung von Flüchtlingen im Leonardo-Hotel kennengelernt, sagt Patrick F. „Wir müssen mal wieder ausrasten“, sei eine seiner Parolen gewesen. Er beschreibt den gebürtigen Hamburger als Stimmungsmacher und Motivationstalent. „Wir haben uns gut verstanden“.

Die Nebenkläger werfen F. vor, mit seinem Geständnis der Aussage seines Vernehmungsbeamten zuvorkommen zu wollen. Alle acht Angeklagten haben im Ermittlungsverfahren ausgesagt. Bis auf Justin S. und Patrick F. schweigen sie im Prozess. Es werde deutlich, dass die Angeklagten nun, da die Beweisaufnahme vorangehe, ein Interesse an Entlastung hätten, sagen die Opferanwälte. Am nächsten Dienstag will F. weitere Fragen des Senats und der Bundesanwaltschaft beantworten.