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Die Sorge des Sägers

Thomas Räntzsch macht aus gestorbenen Bäumen Bretter. Sein Harthaer Sägewerk brummt wie nie. Doch was kommt danach?

Ein Mann und sein Holz: Thomas Räntzsch, 48, führt das Harthaer Sägewerk in sechster Generation. Um seinen Rohstoff macht er sich zunehmend Sorgen.
Ein Mann und sein Holz: Thomas Räntzsch, 48, führt das Harthaer Sägewerk in sechster Generation. Um seinen Rohstoff macht er sich zunehmend Sorgen. © Daniel Schäfer

Jens Goldberg, Vorarbeiter im Sägewerk Hermann Räntzsch, hat immer einen Hut auf. Vor allem hier, im schummrigen Keller der Werkhalle. Warum? Damit die Sägespäne, die durch die Dielen rieseln, nicht in den Kragen fallen. Sind sie erst mal da, rieseln sie immer tiefer, "bis dahin, wo man sie wirklich nicht haben will". Er grient unter seinem Filz und hantiert mit der Ölkanne. Allmorgendlich kriegen die Sägegatter Schmierstoff. Im Kern ist die Technik aus den 1930ern. Funktioniert aber immer noch, weil ohne "elektronischen Quatsch". Für Quatsch haben die Räntzschs keine Zeit. Die Aufträge stapeln sich, und die Späne fliegen - ohne Pause.

Das Herz sagt ja, der Verstand sagt nein

Keinen Tag Stillstand, trotz Corona. So beschreibt Thomas Räntzsch die Lage. Das Sägewerk in Kurort Harthas Mitte ist ein echter Familienbetrieb, am Platz seit 1859. Nach einem Intermezzo als VEB wurde Hermann Räntzsch vor 30 Jahren, fast auf den Tag genau, reprivatisiert. Thomas Räntzsch ist der Sechste in der Säger-Dynastie, Chef seit Mitte der 1990er. Gibt es einen siebten Säger? Sein Herz wäre froh darüber. Aber sein Verstand sagt nein. Zu unsicher scheint ihm die Zukunft. "Die Kinder sollen lieber was anderes machen."

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"Kein elektronischer Quatsch." Vorarbeiter Jens Goldberg gießt Schmierstoff in die Ölpumpe eines Sägegatters aus den 1930ern.
"Kein elektronischer Quatsch." Vorarbeiter Jens Goldberg gießt Schmierstoff in die Ölpumpe eines Sägegatters aus den 1930ern. © Daniel Schäfer

Was die Gegenwart betrifft, hat Thomas Räntzsch nicht den geringsten Anlass sich zu sorgen. Sein Schreibtisch ist über und über mit Aufträgen bedeckt. Alle wollen Holz, vor allem die Bauwirtschaft. Räntzsch beliefert vorrangig größere Holzhändler im Umkreis von 50 Kilometern, die wiederum Zimmerleute und Tischler bedienen. Manchmal gehen die Bretter direkt vom Hof gleich auf irgendeine Großbaustelle, zum Einschalen oder für den Gerüstbau.

Abschalten geht nicht mehr

Es gab Zeiten, da konnten die Räntzschs im Winter mal abschalten, größere Wartungen planen, oder eine Investition. Das ist vorbei, seit der Winter ausfällt, sagt Thomas Räntzsch. "Die Baubranche macht durch." Und selbst wenn nicht, würden die Sägen weiterlaufen. Ein neuer Geschäftszweig ist erblüht: der Lohnschnitt. Menschen, denen der Borkenkäfer die Bäume totfrisst, müssen ihr Holz verwerten. Auf dem Markt bringt es nichts ein, zum Verfeuern ist es zu schade. Da stellt man sich eben Bretter hin, für alle Fälle. Sachgerecht gelagert, können sie lange Zeit überdauern.

Stefan Arndt bugsiert Fichtenstämme ins Vorschnittgatter. Sieben- bis achttausend Festmeter Holz verarbeitet Räntzsch im Jahr.
Stefan Arndt bugsiert Fichtenstämme ins Vorschnittgatter. Sieben- bis achttausend Festmeter Holz verarbeitet Räntzsch im Jahr. © Daniel Schäfer

All die Jahre war Thomas Räntzsch mit seinem halben Dutzend großer Auftraggeber gut ausgelastet. Sieben- bis achttausend Festmeter Holz schneidet er pro Jahr ein. Etwa zehn Prozent mehr waren es zuletzt. Die Nachfrage von Privatwaldbesitzern bringt sein Werk nun an die Grenzen - und ihm selbst eine Menge neue Bekanntschaften. "Ich merke jetzt erst, wie viele Leute in der Gegend Wald haben."

Frisches Holz ist zur Rarität geworden

Die Mengen sind sehr verschieden. Manche bringen vier oder fünf Stämme, manche drei Lastwagen voll. In der Regel bedeutet Lohnschnitt Geduld zu haben. Die Altkunden gehen vor. Aber Räntzsch wäre nicht Räntzsch, wenn nicht auch mal was reingeschoben würde, wenn es drängelt. Flexibel sein, schnell sein, Extrawürste braten - damit will sich Thomas Räntzsch von den Millionen Festmeter schluckenden Großsägern absetzen. "Man muss auch was für die Kleinen tun."

Das fertige Produkt verlässt das Nachschnittgatter. Diese Bretter sind für einen Holzhandel im Osterzgebirge bestimmt.
Das fertige Produkt verlässt das Nachschnittgatter. Diese Bretter sind für einen Holzhandel im Osterzgebirge bestimmt. © Daniel Schäfer

Auf dem Hof türmt sich der Rohstoff. Fichtenholzrollen aller Sortimente. Blaue Schatten an den Schnittstellen verraten, dass die Bäume schon vor dem Fall gestorben sind. Der Borkenkäfer schleppt einen Schimmelpilz ein, die Bläue. Ein ästhetisches Problem. Frisches, weißes Holz? Thomas Räntzsch kann sich nicht erinnern, wann er zuletzt mal welches gekriegt hätte. "Es ist schlimm."

Im Sägewerk gibt's keinen Abfall

Abgestandene blaue Stämme sind nicht nur für den Lieferanten schlecht, der dafür noch weniger Geld bekommt als ohnehin. Auch dem Sägewerker machen sie keine Freude. Das trockene Holz ist spröde. "Das sägt sich wie Glas", sagt Räntzsch. Der Verschleiß an den Sägeblättern steigt. Außerdem gibt es Trocknungsrisse, die weit in die Substanz hinein reichen. Wenig Brett, viel Abfall. "Kann man eigentlich gleich wegschmeißen."

Während die Produktion läuft, sorgt der Schleifautomat unentwegt für frisch geschärfte Sägen. Rund siebzig Sägeblätter sind im Umlauf.
Während die Produktion läuft, sorgt der Schleifautomat unentwegt für frisch geschärfte Sägen. Rund siebzig Sägeblätter sind im Umlauf. © Daniel Schäfer

Aber Nutzloses kennt man im Sägewerk nicht. Was kein Brett, keine Bohle, keine Latte, kein Pfosten wird, das wird Hackschnitzel. Der Hacker steht im Keller, da, wo Jens Goldberg mit seiner Ölkanne hantiert. Mit den Schnitzeln werden Kinderspielplätze gepolstert oder Kessel gefeuert. Die Sägespäne, wenn sie nicht ein Bauer für die Hühner holt, werden zu Pellets gepresst und verheizt. Die Rinde, die von den Käferbäumen in Mengen anfällt, wandert, wenn nicht als Mulch auf die Beete des Chefs, ins Kompostierwerk. "Als Abfall haben wir eigentlich nur leere Fettbüchsen und Bonbonpapier", sagt der Vorarbeiter.

Puffer ansparen für die Zeit nach der Holzflut

Thomas Räntzsch könnte zufrieden sein. Und er ist es auch. Er hat eine Mannschaft, auf die er zählen kann, die praktisch zur Familie gehört. Er hat allen eine Corona-Prämie gezahlt. Wenn es der Firma gut geht, soll es auch den Mitarbeitern gut gehen. Der Holzpreis ist gefallen, um die Hälfte und mehr. Macht ihn das reich? Reich werden die Krösusse der Branche, sagt er. Nicht sein Betrieb. Er zahlt pro Festmeter fünf bis zehn Euro mehr als die Großsäger. Und er nutzt die Gunst der Stunde, um einen Puffer anzusparen. "Es kommen auch wieder andere Zeiten."

Auf der "Abnahme": In diesem Paket fertiger Bretter stecken etwa vier Kubikmeter Holz und eine Stunde Arbeit.
Auf der "Abnahme": In diesem Paket fertiger Bretter stecken etwa vier Kubikmeter Holz und eine Stunde Arbeit. © Daniel Schäfer

Was bringen diese Zeiten dem Wald? Nichts Gutes, fürchtet Thomas Räntzsch. Noch findet er fast sein gesamtes Holz direkt vor der Haustür, im Tharandter Wald. Doch wenn er jetzt dort spazieren geht und die riesigen Lücken sieht, wird ihm unwohl. Es ist nicht direkt Angst. "Aber man macht sich seinen Kopf." Der Käfer ist nicht ausgestanden. Was, wenn wieder ein dürres Jahr kommt? Oder ein großer Sturm? Der Wald ist ein kranker Patient, sagt er. "Und das Heilmittel ist noch nicht gefunden."

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