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EU legt Regeln für Künstliche Intelligenz auf

Sachsen ist laut Digitalverband Bitkom bei der KI-Forschung gut aufgestellt. Vorbehalte gibt es gegen Entscheidungen, die der Computer trifft.

Virtual Reality ist nur eine Seite der neuen Datenwelt. Künstliche Intelligenz eine andere, die für die Wirtschaft noch wichtiger ist.
Virtual Reality ist nur eine Seite der neuen Datenwelt. Künstliche Intelligenz eine andere, die für die Wirtschaft noch wichtiger ist. © PR

Europa will bei der Anwendung Künstlicher Intelligenz globale Standards setzen. Dazu schlug die EU-Kommission am Mittwoch Regeln vor, die vor allem das Vertrauen in die Technologie stärken sollen. Je höher die potenziellen Gefahren einer Anwendung, desto höher sind die Anforderungen. Für Regelverstöße sind hohe Strafen vorgesehen.

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Es ist weltweit der erste Rechtsrahmen dieser Art für Anwendungen auf Grundlage maschinellen Lernens. In den kommenden Jahren dürften solche Anwendungen im Alltag immer wichtiger werden - zugleich gibt es jedoch ethische Bedenken, die Maschinen könnten unausgewogene oder gefährliche Entscheidungen treffen.

Deshalb betonten EU-Kommissionsvize Margrethe Vestager und EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton am Mittwoch immer wieder ein Wort: Vertrauen. „Bei künstlicher Intelligenz ist Vertrauen ein Muss und kein Beiwerk“, sagte Vestager. Man könne das gesellschaftliche und wirtschaftliche Potenzial Künstlicher Intelligenz nur dann schöpfen, wenn die Menschen darauf vertrauen könnten, dass die Risiken minimiert seien.

Verwaltungsaufwand ist groß

Künstliche Intelligenz bezeichnet meist Anwendungen auf Basis maschinellen Lernens, bei denen eine Software große Datenmengen nach Übereinstimmungen durchforstet und daraus Schlussfolgerungen zieht. Sie werden schon jetzt in vielen Bereichen unseres Lebens eingesetzt. Zum Beispiel können solche Programme Aufnahmen von Computer-Tomografen schneller und mit einer höheren Genauigkeit als Menschen auswerten. Selbstfahrende Autos versuchen so, das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer vorherzusagen. Und auch Chatbots oder automatische Playlisten von Streamingdiensten arbeiten mit KI.

Kritische Stimmen kamen am Mittwoch vor allem aus der Wirtschaft. Iris Plöger vom Bundesverband der Deutschen Industrie sprach von „erheblichem Nachbesserungsbedarf“. So sei der Begriff der Hochrisiko-KI-Systeme zu weit gefasst. „Industrielle Einsatzfelder von KI müssen vom Anwendungsbereich der Verordnung ausgenommen werden“, forderte Plöger. Claus Oetter vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau warnte: „Vor allem kleine und mittlere Unternehmen werden sich zukünftig häufiger fragen, ob sie nicht lieber auf Künstliche Intelligenz in ihren Programmcodes verzichten, weil der Verwaltungsaufwand zu groß wird.“.

Immerhin: Unternehmen in Deutschland haben einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom zufolge immer weniger Vorbehalte gegen den Einsatz von KI. Demnach gaben 62 Prozent der befragten Verantwortlichen an, dass sie darin eher eine Chance sehen - vor einem Jahr waren es noch 55 Prozent. Doch nutzen bislang nur acht Prozent der Befragten Künstliche Intelligenz auch tatsächlich. Jeder dritte Befragt plant einen Einsatz.

Unternehmen fehlt Zeit, Geld, Personal

Dafür das KI die Schlüsseltechnologie für alle Branchen sei, „ist das zu wenig“, kritisierte Berg. Er forderte unter anderem mehr KI-Ressourcen an Hochschulen und Universitäten. Nach einer Bitkom-Erhebung vom Sommer vergangenen Jahres gibt es in Sachsen derzeit elf Lehrstühle an Universitäten, die zu KI forschen und sechs weitere Professuren, die sich in ihrer Forschung mit KI befassen. Zwei weitere Stellen sind im Rahmen der KI-Strategie des Bundes ausgeschrieben.

Nach Einschätzung des Bitkom hat der Freistaat mit dem KI-Hub Sachsen, dem Big Data Kompetenzzentrum Dresden/Leipzig und den ansässigen Fraunhofer-Instituten, die die KI-Forschung voranbringen, gute Voraussetzungen. Die Landesregierung hat im Koalitionsvertrag die Entwicklung einer KI-Strategie festgeschrieben. Wie die Umfrage zeigt, gibt es vor allem ein Umsetzungsproblem. Vielen Unternehmen fehlt es an Zeit, Geld und vor allem Personal. „Die KI-Strategie Sachsens sollte neben der KI-Forschung daher auch einen Schwerpunkt auf die Anwendung der KI in der Wirtschaft legen“, heißt es daher beim Digitalverband.

Auch der Hightech-Verband Silicon Saxony e. V. beschäftigt sich seit 2019 intensiv mit dem Thema. „Dazu haben wir Ende 2020 ein eigenes Positionspapier mit dem Ergebnis vorgestellt, dass Sachsen durch die Kombination der beiden Kompetenzfelder „KI-Hardware“ und „KI-Algorithmen und Software“ mit seinen Akteuren sehr gut aufgestellt ist“, betont Frank Bösenberg, Geschäftsführer von Silicon Saxony. Als Beispiel nennt er das KI-Entwicklungszentrum von Infineon Technologies in Dresden.

Es muss eine menschliche Aufsicht geben

Konkret legte die EU-Kommission vor allem Regeln für sogenannte Hochrisiko-Anwendungen vor. Dazu zählt die Behörde unter anderem kritische Infrastruktur wie den Verkehrssektor, Programme zur Personaleinstellung oder die Bewertung der Kreditwürdigkeit. So soll etwa verhindert werden, dass eine Software bestimmte Bewerbungen bei Einstellungsverfahren ohne objektiven Grund aussortiert. Bei derlei Anwendungen will die EU-Kommission deshalb hohe Anforderungen etwa an die Daten stellen, mit denen die Programme gefüttert werden. Zudem müssen Entscheidungen im Nachhinein nachvollziehbar sein, und es muss eine menschliche Aufsicht geben.

Auch die biometrische Identifikation im öffentlichen Raum, etwa an Bahnhöfen, soll nur in engen Grenzen und nach behördlicher Genehmigung erlaubt werden - etwa bei der Suche nach einem vermissten Kind oder einem drohenden Terroranschlag. Technologien wie das Sozialkredit-System aus China, das regelkonformes Verhalten belohnt und Fehlverhalten bestraft, soll gänzlich verboten werden.

Von den allermeisten KI-Anwendungen - beispielsweise Spam-Filter oder Computerspiele - gehen nach Ansicht der EU-Kommission jedoch keine oder nur geringe Risiken aus. Für sie sollen daher deutlich weniger strenge oder gar keine Auflagen gelten. Bei Chatbots müssen die Nutzer beispielsweise darüber informiert werden, dass sie nicht mit einem Menschen kommunizieren.

Ähnlich wie bei den Datenschutzregeln, die seit 2018 in der EU gelten und weltweit Nachahmer fanden, will die EU-Kommission auch beim Umgang mit Künstlicher Intelligenz globale Standards setzen. Doch müssen die EU-Staaten und das Europaparlament nun erstmal über die Vorschläge verhandeln. Es dürfte also noch einige Jahre dauern, ehe in der EU neue Regeln gelten. Bis dahin dürfte es - wie schon bei der Datenschutzgrundverordnung - viel Lobbyarbeit geben. (mit dpa)

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