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Wut der Verzweiflung

Martin Mixsa aus Kreischa liebt seinen Wald. Er hat ihn sogar gegossen. Doch das Baumsterben geht unaufhörlich weiter.

"Man muss aufpassen, dass man die Fassung wahrt." Martin Mixsa (52) besaß einmal die wertvollsten Bäume in diesem Wald bei Kreischa. Der Borkenkäfer hat sie zum Entsorgungsfall gemacht. "Es ist deprimierend."
"Man muss aufpassen, dass man die Fassung wahrt." Martin Mixsa (52) besaß einmal die wertvollsten Bäume in diesem Wald bei Kreischa. Der Borkenkäfer hat sie zum Entsorgungsfall gemacht. "Es ist deprimierend." © Egbert Kamprath

Schon als Kind liebte er den Wald. Der Wald war sein Spielplatz. Er wollte den Wald studieren, Förster werden. Aber vorher drei Jahre zur Armee, das wollte er nicht. Heute ist Martin Mixsa Metallgestalter. Und Waldbesitzer. Nach dem Ende der DDR kaufte er sich sein erstes Waldstück. Inzwischen sind es 22 Hektar geworden. Mancher hat ihn für verrückt erklärt. Wozu die ganze Mühe mit dem Holz? Das ist so ein emotionales Ding bei ihm, sagt er. "Es hat mir einfach Spaß gemacht."

Staubiger Waldboden trotz Dauerregen

Auf den Höhen über Kreischa stapft Martin Mixsa unter den tropfenden Wipfeln hindurch. Die ganze Nacht hat es geregnet wie toll. Doch der Waldboden ist nur oberflächlich feucht. Vier, fünf Zentimeter, dann staubt es schon wieder. Ein Regentag ändert nichts daran, dass die Bäume verdursten. Manchmal, wenn er das Ohr an einen Stamm legt, hört Mixsa die Borkenkäfer fressen. Schrapp! Schrapp! Schrapp! Der Wald ist grün, aber tot. "Das ist surreal."

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In der Masse übermächtig: Unaufhaltsam frisst sich der Große Fichtenborkenkäfer durch die Wälder des Landkreises, auch durch die privaten.
In der Masse übermächtig: Unaufhaltsam frisst sich der Große Fichtenborkenkäfer durch die Wälder des Landkreises, auch durch die privaten. © Norbert Millauer

Das Siechtum der Wälder trifft private Eigentümer ebenso hart wie den Staatsforst. 45 Prozent der sächsischen Waldfläche befinden sich in Privathand. Rund 85.000 Waldbesitzer gibt es im Freistaat. Viele, so sagt Christoph Schönbach von der Forstbetriebsgemeinschaft Freiberger Land-Erzgebirge in Grillenburg, sehen ihren Wald als Sparbüchse, fällen allenfalls mal einen Baum fürs Brennholz. Jetzt erzwingt der Borkenkäfer die Fällung Hunderter Bäume. "Von den Mengen sind sie gnadenlos überfordert."

Bestes Bauholz wird "zwangsgenutzt"

Mit seinen 22 Hektar ist Martin Mixsa schon ein Großer unter den 7.000 Waldeignern im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Gewirtschaftet hat er mit seinem Wald immer, hat das Holz reifen lassen und zu guten Preisen an regionale Abnehmer verkauft. Die Arbeit schaffte er nebenher. Doch seit 2017, als Sturm Herwart auch seine Wälder traf, die Dürre kam, der Käfer, hat sich alles verändert. An jeder Ecke nur noch Probleme. Der Spaß ist vorbei. "Es ist deprimierend."

Nach einem Tag und einer Nacht Regen sind nur wenige Zentimeter des Bodens feucht. Darunter staubt es immer noch.
Nach einem Tag und einer Nacht Regen sind nur wenige Zentimeter des Bodens feucht. Darunter staubt es immer noch. © Egbert Kamprath

Der Wald lichtet sich. Eine kahler Hang. Vor Kurzem stand hier noch ein halber Hektar von Mixsas Fichten. Darunter waren mächtige Bäume, siebzig, achtzig Zentimeter Durchmesser, astfrei. Bestes Bauholz, sagt Mixsa, wahrscheinlich das beste der ganzen Gegend. Vom Käfer befallen, musste er die Riesen fällen lassen: "Zwangsnutzung" heißt das. Zum Glück hat er einen Abnehmer gefunden, einen Holzkünstler mit eigenem Sägegatter. Der Preis ist dürftig. Aber die großen Werke haben gar keine Lust mehr auf Übergrößen. Handliche Sortimente gibt es jetzt in Hülle und Fülle.

Selbsthilfeverein hat enormen Zulauf

Martin Mixsa hat zu tun, die Fassung zu wahren, wenn er sieht, dass seine kostbaren Bäume quasi ein "Entsorgungsfall" werden. Er hat immer gedacht, sagt er, dass er alles alleine schafft, dass er ohne Strukturen auskommt. Doch die Arbeit wuchs ihm über den Kopf. So hat er sich der Forstbetriebsgemeinschaft Freiberger Land-Erzgebirge angeschlossen. Die Vereinigung privater Waldbesitzer verspricht Hilfe, vor allem beim Organisieren von Forstmaschinen und beim Holzabsatz.

Ehemaliger Privatwald bei Kreischa. Statt der Fichten wachsen ein paar Sonnenblumen. Im Hintergrund stehen noch immer tote Bäume.
Ehemaliger Privatwald bei Kreischa. Statt der Fichten wachsen ein paar Sonnenblumen. Im Hintergrund stehen noch immer tote Bäume. © SZ/Jörg Stock

Annett Jung aus Grillenburg führt die Gemeinschaft zusammen mit Christoph Schönbach. Der Zulauf ist enorm, sagt die Försterin. 2019 traten über einhundert Waldbesitzer bei. Jetzt sind schon wieder fast hundert neue dazugekommen. Mit nun fast 800 Mitgliedern und beinahe 11.000 Hektar Wald zählt die Vereinigung zu den stärksten in Sachsen. Von der Säge-Industrie wird man inzwischen ernst genommen, stellt die Chefin fest. "Sonst hätten wir in der Krise gar keine Verträge bekommen."

Bläuepilz verdirbt den Holzpreis

Das Problem: zu viel Holz, zu langsam die Aufarbeitung, zu schleppend der Abtransport. Die Käferstämme bleiben auf den Poltern liegen und kriegen die Bläue, einen Pilz, der vom Borkenkäfer eingeschleppt wird. Die Substanz des Holzes leidet darunter zwar nicht. Aber die Optik, und damit der Preis. Blaues Sägeholz bringt zwischen 20 und 28 Euro je Festmeter, sagt Annett Jung. Etwa genau so viel, wie das Aufarbeiten kostet. Für Faserholz, das zu Papier, Spanplatten oder Laminat wird, zahlen die Werke jetzt sogar weniger als 20 Euro. Ein Minusgeschäft.

Neuer Wald würde von selber wachsen. Doch die Rehe fressen ihn gleich wieder auf. Auch die Spitze dieses Berg-Ahorns ist abgeknabbert.
Neuer Wald würde von selber wachsen. Doch die Rehe fressen ihn gleich wieder auf. Auch die Spitze dieses Berg-Ahorns ist abgeknabbert. © SZ/Jörg Stock

Die Waldbauern sehen sich gegenüber dem Sachsenforst im Hintertreffen. Die Staatsförster, so der Vorwurf, bänden die regionalen Forstunternehmen langfristig an sich, während die Privaten auf auswärtige und ortsunkundige Betriebe zurückgreifen müssten. Bei Martin Mixsa ist eben eine Firma aus der Lausitz zugange. Mixsa hat Mühe, sich mit dem polnischen Fahrer des Harvesters zu verständigen. Der Staatsforst erhalte Millionen für die Bewältigung seiner Schäden, sagt er. "Aber bei uns kommt nichts an."

Ministerium: Millionen an Fördergeld ausgezahlt

Sachsens Umweltministerium hält dagegen, dass für die Schadensbewältigung, den Waldumbau und die Einrichtung von Holzlagerplätzen in nichtstaatlichen Wäldern voriges und dieses Jahr insgesamt über 15 Millionen Euro ausgereicht wurden. Entschieden widerspricht das Ministerium dem Eindruck, Sachsenforst nehme den Privaten die Firmen weg. Die Unternehmer würden gebunden, um sie mit verlässlichen Aufträgen vor Ort zu halten. So könnten sie auch auf kleinen Privatflächen helfen. Ohne Großauftraggeber im Rücken sei das wirtschaftlich nicht vertretbar. 

Rasanter Mitgliederzuwachs: Christoph Schönbach und Annett Jung führen die Forstbetriebsgemeinschaft Freiberger Land-Erzgebirge.
Rasanter Mitgliederzuwachs: Christoph Schönbach und Annett Jung führen die Forstbetriebsgemeinschaft Freiberger Land-Erzgebirge. © Egbert Kamprath

Wenn Martin Mixsa seinen kahlen Wald ansieht, fragt er sich, wie es weiter gehen soll. Geld zum Wiederaufforsten hat er nicht. Und selbst wenn er es hätte: Er wüsste nicht, was er pflanzen sollte. Er hat vieles ausprobiert. Nichts hat überlebt. Ein Jahr lang ist er sogar mit dem Wassertank im Auto herum gefahren und hat 200 Buchen gegossen. "Das kann man nur machen, wenn man verrückt ist." Aber auch das war umsonst. Die Buchen sind verdorrt.

Pauschale Prämie für Privatwald gefordert

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Die Schäden in den Fichtenwäldern sind mittlerweile so groß, dass oft nur noch der Kahlschlag hilft. Dabei gerät auch ein großer Plan durcheinander.

Längst angekündigt ist ein neues Forst-Förderprogramm für die Privaten. Für viele Dinge soll es deutlich schneller deutlich mehr Geld geben, rund 45 Millionen Euro insgesamt. Ab wann? Ein Datum nennt das Ministerium nicht. Die Richtlinie gehe demnächst ins Kabinettsverfahren. Für Martin Mixsa wäre es ein guter Anfang, würde der Staat die Privatwaldbesitzer mit einer Flächenpauschale belohnen. Was auch passiert: Verkaufen will er seinen Wald auf keinen Fall. "Da steckt einfach zu viel Herzblut drin." 

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