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Junge Ostdeutsche schaffen es seltener auf Spitzenjobs

Laut einer neuen Studie der Uni Leipzig liegt dies nicht an der Qualifikation, sondern noch immer am Elitentransfer der 1990er-Jahre.

Von Nora Miethke
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Jörg Hartmann, Soziologe an der Uni Leipzig, hat die Karrierechancen junger Ostdeutscher untersucht.
Jörg Hartmann, Soziologe an der Uni Leipzig, hat die Karrierechancen junger Ostdeutscher untersucht. © PR/Uni Leipzig

Dass Ostdeutsche es seltener auf Spitzenpositionen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik schaffen, scheint nicht eine Frage der Generation zu sein. Auch junge Ostdeutsche sind 33 Jahre nach der Wiedervereinigung auf den Top-Führungsposten "deutlich unterrepräsentiert". Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Universität Leipzig .

"Zwar haben sie die gleichen Chancen, auf mittlere Führungspositionen zu gelangen, in Top-Positionen seien jedoch Westdeutsche viel zahlreicher vertreten", sagt der Soziologe Jörg Hartmann vom Research Centre Global Dynamics der Universität Leipzig. Für seine Untersuchung hat er Daten des Sozio-oekonomischen Panels aus den Jahren 1990 bis 2020 analysiert. Das Panel ist die größte Langzeitstudie für Deutschland, angesiedelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin.

Demnach konnten im Jahr 1990 für ostdeutsche Männer keine wesentlichen Nachteile festgestellt werden. Der Führungsanteil für die Jahrgänge 1955-1959 unterschied sich kaum von dem westdeutscher Männer. Allerdings nehmen die Nachteile mit den Jahren zu und betragen ab dem Jahr 1998 in den meisten Jahren zwischen zwei bis drei Prozentpunkten. 1998 hatten sieben Prozent westdeutscher Männer eine Spitzenposition inne, aber nur vier Prozent der ostdeutschen Männer.

Dagegen war die Chance der zwischen 1955 und 1959 geborenen Frauen im Osten auf eine Chefposition um 75 Prozentpunkte höher als die gleichaltriger westdeutscher Frauen. Doch diese Vorteile schwanden über die Zeit und wandelten sich ab 2000 in leichte Nachteile. Insgesamt sind die Unterschiede laut der Studie heute zwischen ost- und westdeutscher Frauen gering.

Diese Unterrepräsentanz sei nicht auf einen Mangel an qualifizierten Kandidaten und Kandidatinnen aus Ostdeutschland zurückzuführen. „Selbst bei gleicher Qualifikation und Berufserfahrung haben Westdeutsche in Ostdeutschland bessere Chancen, eine Spitzenfunktion zu erreichen“, so Hartmann. So ergab die Analyse unter anderem, dass jüngere westdeutsche Frauen und Männer in Ostdeutschland eine etwa doppelt so große Chance auf höhere Führungspositionen haben wie ostdeutsche. In Westdeutschland dagegen unterscheiden sich die Chancen auf höhere Führungspositionen zwischen Ost- und Westdeutschen nicht. Hartmann kommt zu dem Schluss, dass sich die Benachteiligung ostdeutscher Männer nicht durch Unterschiede in der Wirtschaftsstruktur, im Humankapital, den Arbeitslosigkeitserfahrungen oder der sozialen Herkunft erklären lässt, sondern auf die nachhaltige Wirkung des "Elitentransfers" nach dem Mauerfall hindeuten. Nach der Wende sind die einstigen DDR-Eliten meist durch relativ junge westdeutsche Nachwuchskräfte ausgetauscht worden, die neue Strukturen in Ostdeutschland aufgebaut haben und teilweise jetzt noch in diesen gehobenen Positionen tätig sind.

Spitzenpositionen seien vor allem unter Repräsentationsgesichtspunkten interessant, betont Hartmann, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am bundesweiten Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt zu sozialen Ungleichheiten forscht. Denn Menschen auf diesen Posten übten viel Macht in Unternehmen, Gerichten, Medien oder Verwaltungen aus und es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass ganze Personengruppen dauerhaft ausgeschlossen werden. Das erhöhe die Attraktivität populistischer Narrative, gibt der Soziologe zu bedenken. Repräsentationsdefizite in Spitzenpositionen bestehen aber nicht nur bei Ostdeutschen, sondern auch bei Frauen oder Menschen mit Migrationsgeschichte: „Meine Befunde zu Ostdeutschen zeigen, dass auch hier noch Handlungsbedarf besteht“, sagt er .