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Spritpreise: Lohnt der Weg nach Tschechien und Polen?

Diesel und Benzin sind fast so teuer wie noch nie, und die nächste Erhöhung ist durch die CO2-Steuer bereits absehbar. Wie sächsische Autofahrer sparen können.

Von Andreas Rentsch
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Auch in Sachsen sind die Preise an den Tankstellen stark nach oben geklettert.
Auch in Sachsen sind die Preise an den Tankstellen stark nach oben geklettert. © Foto: Robert Michael/dpa

In Sachsen haben die Herbstferien begonnen. Wer mit dem Auto in den Urlaub fahren will und tankt, zahlt derzeit enorme Preise. Mancherorts werden um die zwei Euro pro Liter Premiumbenzin fällig. Laut ADAC fehlen nur noch wenige Cent, bis die bisherigen Rekordpreise aus dem Jahr 2012 übertroffen sind. Der Diesel übertraf am Montag seinen Höchststand von vor neun Jahren. Preistreiber ist nicht nur der Ölpreis.

Ist das Tanken in Sachsen vergleichsweise teuer oder günstig?

Erhebungen des Verbraucherinformationsdienstes Clever Tanken zeigen überdurchschnittliche Preise, zumindest in den Großstädten. Autofahrer in Leipzig zahlten demnach vergangenen Monat durchschnittlich 382,54 Euro für vier 60-Liter-Tankfüllungen E10. Teurer war es nur in Wuppertal, dort waren es 383,07 Euro. Dresden landet im Vergleich der 20 größten deutschen Städte mit 377,74 Euro auf Rang zehn. Der bundesweite Schnitt liegt bei 371,50 Euro.

Wann waren die Kraftstoffpreise in Deutschland zuletzt so hoch?

Laut ADAC-Statistik hat es das letzte Allzeithoch vor gut neun Jahren gegeben. Super E10 kostete am 13. September 2012 im bundesweiten Durchschnitt knapp 1,71 Euro, also über sechs Cent mehr als diese Woche. Diesel war demnach am 26. August 2012 mit rund 1,55 Euro am teuersten. Bis zu diesem Rekordwert fehlen nur noch knapp drei Cent. Clever Tanken hat im Herbst 2012 einen niedrigeren Spitzenwert ermittelt und sieht deshalb den Rekord beim Diesel bereits gebrochen.

Steigen die Spritpreise bald noch weiter an?

Das sei schwer vorauszusagen, da die Entwicklung von vielen verschiedenen Faktoren abhänge, unter anderem dem Rohölpreis und dem Euro-Dollar-Wechselkurs, sagt Katrin van Randenborgh vom ADAC. Fakt ist, dass zuletzt auch der Ölpreis spürbar angestiegen war. So notierte der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der Sorte Brent am gestrigen Freitag bei rund 84,60 Dollar. Dieses Niveau hat es seit drei Jahren nicht gegeben. Zwar hat das Opec-Plus-Kartell, dem 13 Förderländer angehören, eine steigende Förderung beschlossen, die angepeilte Menge blieb jedoch unter den Erwartungen. Doch auch beim staatlichen Anteil an den Kraftstoffkosten tut sich bald wieder etwas: Weil die CO2-Bepreisung zum Jahresanfang 2022 von 25 auf 30 Euro pro Tonne angehoben wird, verteuert sich ab Januar jeder Liter Diesel und Benzin um weitere ein bis zwei Cent. Schon jetzt landen beim Benzin rund 64 Prozent der Tankrechnung als Steuern beim Staat.

Steigt die CO2-Bepreisung in den nächsten Jahren weiter?

Ja, das ist geplant. Bis 2025 soll der CO2-Preis auf 55 Euro je Tonne angehoben werden. Je nach Sorte und beigemischtem Bioanteil würde das Kraftstoffe um weitere sieben bis neun Cent teurer machen.

Müssten alle, die aufs Auto angewiesen sind, jetzt nicht entlastet werden?

ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand hat diese Woche an die künftige Koalition appelliert, „jegliche Gedankenspiele über ein schnelleres Ansteigen des CO2-Preises zu unterlassen“. Zudem müsse die Pendlerpauschale erhöht werden. Momentan gilt ein Satz von 35 Cent ab dem 21. Entfernungskilometer. Ab 2024 steigt er auf 38 Cent pro Kilometer. Noch-Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat gefordert, die nächste Regierung müsse spätestens bei einem Preis von 1,99 Euro je Liter intervenieren und Steuern senken.

© Grafik: FP Tilo Steiner

Ist diese Grenze an den Autobahnen nicht längst überschritten?

Zeitweise schon. Vergleicht man die Preise an Autobahnraststätten mit denen der nächstgelegenen Autohöfe, kostet Diesel durchschnittlich 25 Cent mehr, Super E10 sogar 26 Cent. Das zumindest hat ein am Dienstag veröffentlichter Preisvergleich des ADAC ergeben. Die an der A3 in Hessen gelegene Raststätte Weiskirchen-Nord habe kürzlich knapp 2,27 Euro für den Liter Super Plus gemeldet, berichtet Clever-Tanken-Gründer Steffen Bock. Bei weiterhin angespannter Lage könne er sich im Laufe des Winters „leider auch 2,50 Euro für Super Plus vorstellen“. Damit könnte die 1998 von einer Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen aufgestellte Forderung nach fünf D-Mark pro Liter Benzin bald Wirklichkeit werden.

Steffen Bock ist Geschäftsführer der InfoRoad GmbH, die auch den Service clever-tanken.de anbietet.
Steffen Bock ist Geschäftsführer der InfoRoad GmbH, die auch den Service clever-tanken.de anbietet. © Michael Reichel/Inforoad GmbH

Wie viel Ersparnis bringt der Umstieg von E5 auf E10?

Obwohl viele Motoren für E10 zugelassen sind, tankt die Mehrheit der Pkw-Besitzer nach wie vor Super E5. Das Benzin mit einem maximalen Biospritanteil von fünf Prozent ist etwa sechs Cent teurer als Super E10 mit zehn Prozent Bioanteil. Das Bundeskartellamt konstatiert, dass diese Differenz „nicht für eine signifikant höhere Kaufbereitschaft zu sorgen scheint“. Von Januar bis Juli 2021 lag der E10-Anteil am gesamten Benzinabsatz bei gerade mal 15,7 Prozent. Das geht aus Daten des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) hervor. Neuere Zahlen gibt es nicht. Er selbst habe bisher keine stagnierenden oder gar einbrechenden Umsätze mit Kraftstoffen feststellen können, berichtet Jan Alexander Fichte, Tankstellenpächter mit Standorten in Kamenz, Hoyerswerda, Bernsdorf und Klettwitz. Geknausert werde allerdings an anderer Stelle. „Ihre Schachtel Zigaretten kaufen die Leute nach dem Tanken schon noch. Dafür verzichten sie jetzt aber auf die Bockwurst oder den Kaffee.“

Was lässt sich durchs Tanken in Polen und Tschechien sparen?

Stichprobenartige Überprüfungen der SZ am gestrigen Freitag ergaben folgendes Bild: Während die im tschechischen Chlumec (bei Ústí nad Labem) gelegene ONO-Tankstelle den Diesel um 11.30 Uhr für umgerechnet 1,26 Euro und Super E5 für 1,32 Euro abgab, kosteten die gleichen Kraftstoffe im 25 Kilometer entfernten Altenberg 1,48 beziehungsweise 1,67 Euro. Im Vogtland sparten Autofahrer 30 Cent pro Liter Super E5, wenn sie gegen 10.15 Uhr nicht an der Star-Tankstelle in Klingenthal zapften, sondern bei F1 GAS im wenige Kilometer entfernten Kraslice. Für den Diesel lag die Ersparnis zu diesem Zeitpunkt bei 24 Cent pro Liter. Auch im deutsch-polnischen Grenzgebiet waren beachtliche Differenzen zu verzeichnen. So tankten Autofahrer am Morgen um 6.15 Uhr nahe der Stadtbrücke in Zgorzelec für 1,33 Euro – sowohl Super E5 als auch Diesel. Markentankstellen westlich der Neiße in Görlitz verlangten zur selben Zeit knapp 46 Cent mehr für E5 und rund 25 Cent mehr für den Diesel.

Beliebtes Ziel für sächsische Tanktouristen: An der ONO-Tankstelle im tschechischen Chlumec war Diesel am Freitag um 11.30 Uhr für 1,26 Euro zu haben. Natural 95 (Super E5) kostete 1,32 Euro.
Beliebtes Ziel für sächsische Tanktouristen: An der ONO-Tankstelle im tschechischen Chlumec war Diesel am Freitag um 11.30 Uhr für 1,26 Euro zu haben. Natural 95 (Super E5) kostete 1,32 Euro. © Kristián Šujan

Wie kommen diese Preisunterschiede zustande?

Die beruhten vor allem auf unterschiedlichen Steuersätzen, sagt Alexander von Gersdorff vom Mineralölwirtschaftsverband (MWV). Im europaweiten Vergleich am teuersten war Super zuletzt in den Niederlanden (im Schnitt 1,97 Euro) und Dänemark (1,80 Euro), Diesel kostete laut ADAC in der Schweiz (1,64 Euro) und in Großbritannien (1,60 Euro) am meisten.

Ab wann lohnt sich der Umweg zur Billigtanke nicht mehr?

Grundsätzlich gilt: „Je höher die Preisdifferenz zwischen grenznahen Regionen, umso stärker der Tanktourismus“, sagt ADAC-Sprecherin Katrin van Randenborgh. Nichtsdestotrotz sollten Autofahrer genau nachrechnen, was sie auf der Spritztour zum Tanken verfahren. Laut Tüv Süd fallen für 20 Kilometer hin und zurück rund vier Euro reine Spritkosten an, wenn man den Verbrauch eines Mittelklassewagens zugrunde legt. Der Autoklub empfiehlt, lieber nach günstigen Zapfstellen entlang ohnehin geplanter Routen zu suchen.

Wann ist die günstigste Zeit für den Tankstopp?

Laut einer ADAC-Analyse von Preisbewegungen an rund 14.000 Tankstellen ist der Kraftstoff abends zwischen 18 und 19 Uhr sowie von 20 bis 22 Uhr am günstigsten. Dagegen wird die tägliche Preisspitze kurz nach 7 Uhr erreicht. Tagsüber ähnelt der Preisverlauf einer allmählich abfallenden Zickzackkurve. Um die kurzen günstigen Momente zu erwischen, helfen Smartphone-Apps, die anzeigen, wie viel Zeit seit der letzten Preisänderung vergangen ist.

Wenn ich nicht nennenswert beim Spritkauf sparen kann, wie dann?

Die beste Strategie sei immer noch der „sinnvolle Umgang mit Gas- und Bremspedal“, sagt Jan Alexander Fichte. Der ADAC empfiehlt zudem, im Leerlauf den Motor abzustellen, schwere Gegenstände aus dem Kofferraum zu nehmen, unnötige elektrische Verbraucher abzuschalten, den werksseitig empfohlenen Reifenluftdruck leicht zu erhöhen oder Energiesparreifen aufzuziehen. (mit stn, tb und dpa)