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Sachsens Oberhandwerker will Mundwerker werden

Bäckermeister Roland Ermer zieht's von Sachsens Handwerks- in den Bundestag. An der Spitze des Ehrenamts beerbt ihn nach zehn Jahren ein bekannter Akteur.

Bäckermeister Roland Ermer kandidiert bei der Bundestagswahl im Herbst für die CDU. Mehr als zehn Jahre kämpfte der parteilose Präsident des Sächsischen Handwerkstags dafür, dass nicht nur seine Zunft viel vom Kuchen abbekam.
Bäckermeister Roland Ermer kandidiert bei der Bundestagswahl im Herbst für die CDU. Mehr als zehn Jahre kämpfte der parteilose Präsident des Sächsischen Handwerkstags dafür, dass nicht nur seine Zunft viel vom Kuchen abbekam. © René Plaul

Ein Mann – ein Wort: Als Roland Ermer vor gut zehn Jahren das Präsidentenamt im Sächsischen Handwerkstag übernahm, hatte er erklärt, den Job maximal drei Legislaturen machen zu wollen. „Das haben viele nicht geglaubt, aber ich bin ein Verfechter von Amtszeitbegrenzung in Spitzenämtern“, sagt der 57-Jährige und trat zur Wahl am Dienstag nicht mehr an. Die Dachorganisation der Kammern und Verbände kürte einen bekannten Akteur zu seinem Nachfolger: Jörg Dittrich, Präsident der Dresdner Handwerkskammer.

Loslassen ist unter Führungskräften im Handwerk nicht sehr ausgeprägt. Sie seien „gebeten worden, ein paar Jahre dranzuhängen“, hieß es oft. Ermers Vorgänger Joachim Dirschka hatte selbstherrlich gar mal eine Wahl der Leipziger Kammer einige Monate vorverlegt, um sich so eine weitere Amtszeit zu sichern – und damit auch im Handwerkstag. Regulär wäre er für eine Wiederwahl mit 65 Jahren zu alt gewesen.

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Stachel der Wahlschlappe sitzt tief

Ermer ist von einem anderen Schlag, aber nicht minder ehrgeizig. Der Landesobermeister der Bäcker möchte in den Bundestag. Dort wollte er schon 2017 hin, verlor aber das sicher geglaubte Direktmandat an den AfD-Kandidaten Karsten Hilse. Der Stachel sitzt tief, und die Tatsache, dass es Sachsens Premier Michael Kretschmer (CDU) ähnlich erging, war kein Trost. So nimmt der Katholik, seit 1990 CDU-Mitglied, einen neuen Anlauf – gegen denselben Widersacher.

„Wer mich kennt, weiß, dass ich ungern verliere“, sagt Ermer. Er schiebt seine Niederlage auf „die damalige Anti-Merkel-Stimmung“. Er brauche den Bundestag nicht zur Krönung seiner Laufbahn, wie einige behaupteten, betont der Bäckermeister. Vielmehr habe ihn die CDU gebeten, den Wahlkreis Bautzen I für sie zurückzugewinnen. „Ich habe die Wende und den Aufschwung erleben dürfen, da will ich der Gesellschaft etwas zurückgeben“, erklärt er seine Beweggründe. Er wolle den Strukturwandel in der Lausitz mitgestalten, „Frösche und Seen allein sind zu wenig“.

Geeignete Führungskräfte sind rar

Das Rennen um das Direktmandat ist offen. Und was passiert, wenn der Motorradfreak und Besitzer von drei Maschinen wieder 2. Sieger wird? „Nix, dann bin ich Bäckermeister“, sagt er. „Das ist keine Katastrophe für mich – aber für den Landkreis.“

Sachsens Handwerk hatte 2021 keine Wahl, Jörg Dittrich (51) keinen Gegenkandidaten. Geeignete Führungskräfte sind rar. Ein Präsident muss mehr können, als Ergebnisse von Konjunkturumfragen vorzulesen. Der promovierte Dachdeckermeister, seit 2012 an der Spitze der Dresdner Kammer, ist so einer. Dem Sprachrohr von Ostsachsens Mittelstand werden Ambitionen an die Spitze des Zentralverbands ZDH nachgesagt. Für die letzte Karrierestufe ist der Handwerkstag ein gutes Sprungbrett.

Dachdeckermeister Jörg Dittrich ist nun auch in Sachsens Handwerkstag ganz oben. Der Präsident der Dresdner Handwerkskammer spricht seit fast neun Jahren für 22.500 Betriebe in Ostsachsen. Der 51-Jährige ist verheiratet, Vater von sechs Kindern und im eig
Dachdeckermeister Jörg Dittrich ist nun auch in Sachsens Handwerkstag ganz oben. Der Präsident der Dresdner Handwerkskammer spricht seit fast neun Jahren für 22.500 Betriebe in Ostsachsen. Der 51-Jährige ist verheiratet, Vater von sechs Kindern und im eig ©  Ronald Bonss

Das Spitzenamt im Handwerk hat Ermers Betrieb nicht geschadet, zumal er sich vor acht Jahren von sieben auf drei Geschäfte in Bernsdorf, Hoyerswerda und Lieske verkleinert hatte. 30 Beschäftigte, 1,2 Millionen Euro Jahresumsatz – mehr als zuvor – seien „eine Wohlfühlgröße“.

Für den guten Zweck mit Schäuble angelegt

Aber warum sollte man den Posten haben wollen? Es gehe nicht um 1.000 Euro monatliche Aufwandsentschädigung, auch nicht um Eigenprofilierung, sagt Ermer. „Dem Amt gebührt Ehre, der Person weniger.“ Sein persönlicher Horizont sei durch Einblicke in andere Gewerke erweitert worden, sagt er. Man habe offene Türen zu Ministerien und Verwaltungen, „und wer fleißig ist, kann auch etwas bewegen“.

Und was konnte Ermer bewegen? „Das Größte war die Abschaffung der Mehrwertsteuerpflicht auf Spenden an Tafeln“, blickt er zurück. Der Bäckermeister hatte sich 2012 sogar mit Ex-Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) angelegt, weil er für seine gute Tat noch Tausende Euro nachzahlen sollte. „Es wäre billiger gewesen, die Lebensmittel wegzuschmeißen“, so Ermer. Es kam anders, die Regelung wurde gekippt. „So ein Ding landest Du nur einmal im Leben“, schwärmt er. „Es hätte mich auch den Posten kosten können.“ Darüber stehe für ihn nur die Auszeichnung mit der sächsischen Verfassungsmedaille, einem der höchsten Orden des Freistaats.

Erfolgloser Kampf gegen Bürokratie

Anderswo kämpfte er gegen Windmühlen. „Bei der Bürokratie ist man Sancho Pansa“, ist der Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt, resigniert. „Es gibt drei Bürokratieentlastungsgesetze, wird aber immer schlimmer.“ Ermer weiß warum: „An entscheidenden Positionen sitzen Anwälte, Polizisten, Pfarrer und Beamte, die nicht wissen, wie schlimm es ist, mit sinnlosen Vorschriften wie der Kassenbonpflicht für Händler leben zu müssen.“ Das sei „ein Grund, warum ich jetzt in die Bütt gehe“.

Seine größte Enttäuschung? „Am meisten ärgert mich, dass wir im Handwerk immer noch gegeneinander kämpfen.“ Profilierungssucht Einzelner mache die Wirkung nach außen schwerer. Das passiere in der Industrie nicht. Dort gebe es angestellte Geschäftsführer, denen es um die Sache gehe. „Im Handwerk sind alles Dickköppe – wie ich – und jeder hat recht“, schimpft er.

Als Ermer 2011 das Präsidentenamt antrat, fühlten sich die gut 59.000 Handwerksbetriebe in Sachsen mit 330.000 Beschäftigten wohl wie nie zuvor: 86 Prozent waren zumindest zufrieden. Der Bernsdorfer Bäcker selbst hatte bei der Konjunkturumfrage „befriedigend“ angekreuzt. „Das meint für mich gut“, relativierte er damals.

3.000 Betriebe weniger als vor zehn Jahren

Zehn Jahre später ist die Stimmung ähnlich gut, trotz der Pandemie. Allerdings zählt Sachsens Handwerk heute 3.000 Betriebe und 30.000 Beschäftigte weniger. Schmerzhafter Aderlass oder Angleichung an das Westniveau? Immerhin gilt Sachsen mit einer Handwerksdichte von 14 Betrieben auf 1.000 Einwohner, zwei über dem Bundesmittel, eher als überversorgt.

„Angestelltenjobs sind so attraktiv, dass immer weniger Menschen in die Selbstständigkeit gehen“, begründet Ermer. Andererseits gebe es tatsächlich zu viele kleine Betriebe, werde es zu weiterer Konzentration kommen. „Aber daran wird das Handwerk nicht kaputtgehen, sondern alles überleben“, ist er überzeugt. Immer wenn eine Gesellschaft wie jetzt in den Krisenmodus schalte, besinne sie sich auf regionale Kreisläufe. Das sei die Stunde des Handwerks, weil kleine Betriebe auf jede Situation reagieren könnten. „Ich bin überzeugt: Handwerk hat Zukunft, goldenen Boden und macht riesig Spaß.“

Das gibt der dreifache Vater auch seiner ältesten Tochter auf den Weg, die den einst schlesischen Familienbetrieb in vierter Generation fortführen soll. „In drei Jahren bin ich 60, dann ist Pumpe“, sagt der Meister, der auf Kirschkuchen mit Pudding und Butterstreuseln steht. Seine „Große“, Bäckermeisterin und Konditorin, sollte diese Drohung ernst nehmen. Ein Mann – ein Wort.

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