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Wie Jordanien trotz Krieg im Nachbarland um Touristen wirbt

Angesichts des eskalierenden Nahostkonflikts trauen sich nur noch wenig Urlauber in das Land der Bibel. Zu recht? Wir waren im Februar in Jordanien unterwegs und haben viel über das Land und seine Kultur gelernt.

Von Torsten Hilscher
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Filmfreunde, genau hingeschaut: Die Wüstenlandschaft des Wadi Rum war bereits Kulisse für mehrere Hollywood-Blockbuster. Darunter „Dune 1 und 2“, „Transformers“ oder „Königin der Wüste“.
Filmfreunde, genau hingeschaut: Die Wüstenlandschaft des Wadi Rum war bereits Kulisse für mehrere Hollywood-Blockbuster. Darunter „Dune 1 und 2“, „Transformers“ oder „Königin der Wüste“. © Torsten Hilscher

Es sind gleich zwei Dinge, die den Gast aus Sachsen bei seiner Ankunft überraschen: Da ist die Flasche jordanische Gose auf dem Hotelzimmer. Ein obergäriges Bier, dass es sonst nur im Raum Leipzig gibt. Und da sind die vielen VW-Elektrostromer des Typs ID.4 – made in Zwickau. Nahezu auf jeder Straße, nicht nur in der Hauptstadt Amman.

Die erste Lektion nach der Ankunft am Flughafen von Amman erteilt Fremdenführer Nasr Ebdah. Nämlich, was das Land an diesem Abend bewegt. Fußball! Jordanien hat gegen Katar verloren. Natürlich war der Schiedsrichter bestochen … „Außerdem haben wir sie gewinnen lassen. Sie sollen uns ja weiter unterstützen“, witzelt Nasr, 70 Jahre alt. Er spricht fließend Deutsch, hat in den 1970er-Jahren in West-Berlin studiert, später an der Fern-Uni Hagen.

Von ihm werden wir in den kommenden Tagen viel über das Land, seine Kultur, aber auch die Bedeutung von Familie erfahren. Vor allem aber über das Selbstverständnis dieser noch jungen Nation, die erst 2021 den 100. Jahrestag der Staatsgründung feierte.

Ein Land mit biblischen Wurzeln

Die Geschichte dahinter, die Wurzeln des Landes, sind wichtig, um seine Rolle im Nahen Osten zu verstehen. Jordanien ist ein Verbündeter der arabischen Gemeinschaft, der zugleich nie den diplomatischen Faden zum Nachbarn Israel verlor. Ein Spagat, der in diesen Tagen von Bedeutung ist. Denn Israel und Jordanien verknüpft mehr als die Jordan-Anrainerschaft, sind doch beide „Land der Bibel“. Davon zeugen eben der Jordan, der Berg Nebo, wo Moses das Gelobte Land sah, ehe er starb. Auch der Berg Hor und das Land Moab sind bekannt aus dem Alten Testament; die Israeliten waren hier überall.

Ob auf Kamelen oder Dromedaren – ein frühmorgendlicher Ausritt in die Wüste hinterlässt einen bleibenden Eindruck.
Ob auf Kamelen oder Dromedaren – ein frühmorgendlicher Ausritt in die Wüste hinterlässt einen bleibenden Eindruck. © Torsten Hilscher

Das junge Jordanien tut sich mit dieser Historie nicht leicht. So hängt zum Beispiel eine Replik der berühmten Mescha-Stele eher versteckt im Jordanischen Archäologischen Museum auf dem Zitadellenhügel von Amman. Sie ist nichts weniger als der erste außerbiblische Beleg der Existenz Israels. Auch Nasr eiert herum, als er die Entdeckung der deutschen Gäste bemerkt, spricht nebulös von einer „politisch problematischen Sache“.

Behörden versprechen sicheres Reisen

Andererseits braucht das Land die Bibeltouristen. Darum betont Nasr: „Niemand muss Bedenken haben. Kommen Sie her, es ist sicher!“ Das habe vielleicht auch mit der Politik des jordanischen Königs zu tun. „Wir versuchen, immer neutral zu sein.“ Zudem versuche sich sein Land immer wieder in der Rolle des Vermittlers. Es sei zudem ein sehr stabiles Land. Auch das Jordan Tourism Board als oberste staatliche Behörde für den Fremdenverkehr betont die Ungefährlichkeit eines Urlaubs derzeit.

Tourismus ist eine der wirtschaftlichen Säulen. Denn anders als seine arabischen Brüder verfügt Jordanien über keine sprudelnden Ölquellen. Trotzdem ist der neue Nahostkrieg allgegenwärtig. Bereits am Frankfurter Flughafen drehen Sicherheitsbeamte Passagieren in die Nahostregion selbst die Taschentücher um. Bei der Einreise nach Jordanien erfolgen äußerst gründliche Passkontrollen. Zuvor flog die Maschine statt wie sonst über Haifa entlang der libanesischen Grenze, um Jordanien im Norden zu erreichen und von dort im 90-Grad-Winkel das südlicher gelegene Amman anzusteuern.

Touristenzahlen erholen sich nur langsam

Im jordanischen Fernsehen wiederum ist der Krieg täglich Hauptthema – aus arabischer Sicht. Jüdische Stimmen und Bilder des Pogroms der Hamas vom 7. Oktober 2023 finden sich allein auf englischsprachigen Kanälen. „Die Palästinenser sind unsere Brüder“, sagt Nasr. Bis zu 75 Prozent der zwölf Millionen Einwohner sind palästinensische Flüchtlinge. Die meisten kamen 1936, 1947, 1967 und auch jetzt.

Umtriebiger Wüsten-Wirt: Alzawaideh Awad betreibt am Lawrence-Canyon einen gut gehenden Zeltausschank.
Umtriebiger Wüsten-Wirt: Alzawaideh Awad betreibt am Lawrence-Canyon einen gut gehenden Zeltausschank. © Susanne Strätz

Wie konkret sich der derzeitige Krieg auf die Touristenströme auswirkt, weiß die Familie von Alzawaideh Awad. Der hochgewachsene Beduine betreibt im Wadi Rum in einem langgestreckten Zelt einen Mix aus Bistro und Souvenirverkauf. Dabei helfen ihm einige seiner 17 Kinder, die er mit seinen drei Frauen hat. „Früher kamen zwischen 500 und 2.000 Touristen pro Tag. Jetzt sind es 100“, sagen er und ein größerer Sohn. Inzwischen steige die Zahl langsam wieder, wenn auch schleppend. Auch andernorts ist zu hören, dass 2023 fast schon wieder Vor-Corona-Niveau erreicht wurde, aber seit den Massakern jenseits des Jordan Flaute herrscht.

Dabei gibt es diesseits des Jordan Einmaliges zu entdecken. Allein ein Blick aus dem Zelt des kinderreichen Beduinen lässt den Atem stocken. Hier ritt 1916/17 Thomas Edward Lawrence mit den vereinten arabischen Stämmen. Der britische Offizier wurde als Lawrence von Arabien bekannt, sein Wirken 1962 von Hollywood verfilmt. Übrigens an Ort und Stelle. Ein Gedenkstein im Lawrence-Canyon erinnert an ihn. An diesem Tag des Besuchs ist das Konterfei pitschnass. Der einzige Regentag im Jahr beschert entlang der Felswände aber auch Wasserfälle, die es sonst nicht gibt.

Dieser Wasserfall im Wadi Rum existiert nur an einem einzigen Tag im Jahr. Hier der Schnappschuss vom 15. Februar 2024.
Dieser Wasserfall im Wadi Rum existiert nur an einem einzigen Tag im Jahr. Hier der Schnappschuss vom 15. Februar 2024. © Torsten Hilscher

Bereits auf der Zufahrt zum Wadi erinnern Spuren an den verwegenen Lawrence, sogar sächsische. Wir betreten eine Station der Hedschasbahn, einst die längste Wüstenbahn der Welt, die von Damaskus aus bis nach Mekka führte. Geplant von Heinrich August Meißner (1862-1940). Der gebürtige Leipziger hatte in Dresden studiert, bevor es ihn in den Orient verschlug. Die Lokomotiven für die Hedschasbahn ließ er bei Hartmann in Chemnitz fertigen. Noch heute sind die zu bewundern. Wer mag, kann sich nach Vorbestellung auf einer Fahrt mit echten deutschen Kleinbahnwagen von Beduinen „überfallen“ lassen.

Ebenfalls oft in Film gegossen ist das „Schatzhaus“ der Felsenstadt Petra. Doch das meistfotografierte Motiv Jordaniens (es war in Wirklichkeit Festsaal und Mausoleum) bildet nur den Auftakt einer versunkenen Welt. „Sie war die Hauptstadt der Nabatäer“, sagt die Berliner Jordanien-Expertin Susanne Strätz. „Das Volk erbaute Petra, griechisch für Fels, zwischen 500 vor und 500 nach Christus.“

Bildhauerkunst: das Höhenkloster in Petra. Die Felsenstadt wurde zwischen 500 vor und 500 nach Christus erschaffen. Dann versank sie für Jahrhunderte im Nebel des Vergessens. Das versteckte Tal kann auf eigene Faust oder auch gern auf einem Esel erkundet
Bildhauerkunst: das Höhenkloster in Petra. Die Felsenstadt wurde zwischen 500 vor und 500 nach Christus erschaffen. Dann versank sie für Jahrhunderte im Nebel des Vergessens. Das versteckte Tal kann auf eigene Faust oder auch gern auf einem Esel erkundet © Torsten Hilscher

Anders als noch heute vermutet, lebten die wenigsten Bewohner in Felsenhäusern. Vielmehr bevölkerten die meisten der wohl 75.000 Einwohner eine weite Ebene. Umgeben wird das sagenhafte Reich von einem Gebirge, das die Überreste noch immer gut versteckt. Wer einmal drin ist, kann sich frei bewegen. Ein Restaurant sowie mietbare Esel und Dromedare erleichtern die Touren.

So oder so ist gutes Schuhwerk angeraten. Für kleine Klettertouren entlang der Felswände beziehungsweise für den Anstieg über nicht immer gerade 900 Stufen hinauf zum Kloster Ad Deir. Laut Strätz ist die beste Reisezeit für Petra bis Ende April.

©  SZ-Grafik/Gernot Grunwald

Lieber genügend Geld tauschen

  • Jordanien ist ein muslimisches Land, allerdings in moderater Ausprägung. Das gilt auch für die Verfasstheit der Monarchie. Frauen müssen nicht zwingend Kopfbedeckung tragen. In Moscheen (wie auch in den zahlreichen Kirchen) gilt die dort übliche Kleiderordnung.
  • Die Landeswährung Dinar ist hoch bewertet. Ihre Kaufkraft liegt über dem Euro, zurzeit bei einem Kurs von 1:1,3. Für 1,30 Euro gibt es also einen Dinar. Zwar ist gerade in Hotels die Zahlung mit Euro möglich. Hohe Gebühren und Wechselgeld ausschließlich in der Landeswährung lassen davon allerdings abraten. Überhaupt fallen bei Transaktionen an Geldautomaten kräftige Gebühren an. Ein Umtausch vorab in Deutschland empfiehlt sich. Alkoholische Getränke werden selten angeboten. Wenn doch, sind sie extrem teuer.
  • Die beste Reisezeit ist jetzt. Ab Mai wird es im Nahen Osten heiß. Doch egal, für wann der Trip geplant wird, man sollte vielfältig einpacken. Denn Jordanien hat neben großen Wüstenflächen auch dichte Laubwälder und zerklüftete Gebirge. Eine Jordanien-Reise ohne Bergwanderschuhe ist daher nicht zu empfehlen. Lange Tücher sind ein weiteres Muss. Sie schützen Hals und Gesicht. Nachts kann es kalt werden, gerade in der Wüste. Daher ist Vielzweckkleidung für Ausflüge angezeigt.
  • Die Verfügbarkeit von Funknetzen unterscheidet das Land fundamental von Sachsen: Es gibt überall Empfang, auch an entlegenen Wüstenorten. Dann und wann schalten sich Anbieter aus Israel oder gar Gaza auf.
  • Unbedingt ansehen sollte man sich das Königliche Automobilmuseum in Amman, die alte Römerstadt Jerash, Akaba am Roten Meer, ebenso das Naturreservat Ajloun. In Kerak findet sich eine gut erhaltene Kreuzfahrerfeste. Das Wüstencamp „Sun City“ (mit Restaurant) gleicht einer menschlichen Marssiedlung.
  • Pauschal mit SZ-Reisen: Flugreise, 9Ü/HP, Termine im Oktober und November, ab 2.669 € p. P. im DZ.
  • Die Recherche wurde unterstützt von Lieb Management und Jordan Tourism Board.