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Vietnams Kontraste

Großstadt-Hektik und ländliche Idylle: Das Land in Südostasien überrascht Besucher immer wieder aufs Neue.

Von Kay Haufe
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Solche Holzkähne sind im Mekong-Delta eine Touristenattraktion – und noch heute ein bewährtes Transportmittel.
Solche Holzkähne sind im Mekong-Delta eine Touristenattraktion – und noch heute ein bewährtes Transportmittel. © Kay Haufe

Es knattert und knarzt, Benzingeruch liegt in der Luft. Mopeds schieben sich von allen Seiten vorbei an Autos und Bussen, bilden meterlange Pulks vor Ampeln. Sie geben den Takt an in Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon. Sie befördern fünfköpfige Familien und riesige Blumenarrangements, prall gefüllte Gemüsekörbe und Flachbildschirme im XL-Format. Viele Fahrer haben ihre Handys am Lenker montiert, geschützt mit einem Mini-Regenschirm vor Nässe.

Willkommen in Vietnam, dem Land mit fast 100 Millionen Menschen und 40 Millionen Mopeds. In Saigon, im Süden des Landes, habe jede Familie mindestens einen Motorroller, erklärt Reiseführer Sa. Rund 7,5 Millionen bilden einen scheinbar unendlichen Strom auf den Straßen der Stadt. Sa warnt: „Hier hält niemand für euch an, wenn ihr auf die Straße geht. Nutzt ausschließlich Ampeln, sonst endet das böse.“ Oder man hat einen Begleiter wie ihn, der uns auf dem Weg zum Opernhaus mit erhobenen Armen durch das Chaos führt.

In Ho-Chi-Minh-Stadt hat jede Familie einen Motorroller – mindestens.
In Ho-Chi-Minh-Stadt hat jede Familie einen Motorroller – mindestens. © Steffen Klameth

Die von französischen Architekten im Belle-Epoque-Stil entworfene Oper wurde 1900 eröffnet und ist eines der bekanntesten Gebäude in der Stadt. „Die Franzosen haben uns in der Zeit ihrer Kolonialherrschaft drei wichtige Dinge hinterlassen: Ihre Architektur samt der Parks, die Eisenbahn und das Baguette“, sagt der Guide und lacht. Und tatsächlich kommt sich der Besucher im Stadtzentrum manchmal so vor, als stünde er mitten in Europa. Etwa vor der Kathedrale Notre Dame. Oder dem Postamt im perfekt restaurierten Jugendstil, in dem wie vor hundert Jahren immer noch Briefmarken gekauft und Sendungen verschickt werden können.

Ein weiterer üppiger Kolonialbau ist das alte Rathaus in gedecktem Gelb mit eleganten Türmchen. Nicht zufällig haben die Vietnamesen vor dem früheren Sitz der Kolonialmacht ein großes Denkmal ihres einstigen Präsidenten und kommunistischen Führers Ho Chi Minh aufgestellt. Ihm zu Ehren wurde Saigon 1976 in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt. Diese Bezeichnung aber verwenden die Vietnamesen kaum, wie wir erfahren. Begründung: Sie sei einfach zu lang.

Erst gegen Abend nimmt die schwüle Hitze in der Stadt etwas ab. Dann füllen sich die kleinen Plastikhocker vor den Cafés und Restaurants auf den Fußwegen, nippen Teenager an farbigen Smoothies und lassen sich Pärchen Banh Xeo schmecken – mit Schweinefleisch oder Shrimps gefüllte vietnamesische Pfannkuchen.

Vor den winzigen Straßenständen, an denen Männer und Frauen auf kleinen Gaskochern Gerichte im Wok zubereiten, steigen Düfte gerösteter Gewürze auf. Zugegeben, es gehört etwas Mut und Überwindung dazu, eine Portion zu ordern; Gemüse wie Fleisch werden meist auf kleinen Plastikmatten direkt auf der Straße zerkleinert und die Töpfe mit Wasser, das in großen Flaschen angeschleppt wurde, an Ort und Stelle ausgewaschen. Aber wer sich traut, wird mit leckeren aromatischen Gerichten belohnt.

Überall in Vietnam werden auf Gehwegen Gerichte zubereitet, gekocht und gegessen.
Überall in Vietnam werden auf Gehwegen Gerichte zubereitet, gekocht und gegessen. © Steffen Klameth

Ab 22 Uhr nimmt nicht nur der Verkehr in Saigon schlagartig ab, auch die Restaurants und Garküchen schließen. „Die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit machen uns zu schaffen, wir gehen gegen 22 Uhr zu Bett“, erklärt Reiseführer Sa. Dafür wird morgens zeitig gestartet – auch um den täglichen Stau zu umgehen.

Der Weg über den völlig verstopften National Highway 1 nach Süden zum Mekong-Delta führt vorbei an fremd wirkenden Landschaften mit Reisfeldern, auf denen Familiengräber stehen, an Kuh- und Büffelherden und wie geduckt wirkenden Häusern. „Wir brauchen hier dringend mehr und neue Straßen. Hanoi im Norden hat deutlich mehr “, sagt Sa.

Nach zwei Stunden Fahrt biegt der Bus vom Highway ab und fährt vorüber an kleinen Gartenlokalen, in denen Hängematten dicht an dicht unter Blechdächern aneinandergereiht sind. „Hier gönnen wir uns zwei, drei Stunden Schlaf, wenn wir mit dem Motorroller zum Beispiel zum Neujahrsfest zu unseren Verwandten ins Delta fahren. Das ist günstiger als eine Hotelübernachtung, man muss nur einen Kaffee oder eine Instantnudelsuppe kaufen.“

Rund 40 Millionen Vietnamesen leben im Mekong-Delta, die meisten unmittelbar am oder sogar auf dem Wasser. In den hinteren Teilen der großen Transportschiffe für Reis haben sie sich einen Bereich mit Plastikplanen abgeteilt, in dem gegessen und geschlafen wird. In den Kanälen fließt das braune Wasser träge dahin. Wer eine Tour mit einem der traditionellen Holzboote macht, kommt vorüber an schmalen Wohnhäusern, schwimmenden Tankstellen und Läden, die vom Wasser aus beliefert werden. Bekleidung und Küchenausstattung sind an Metallgittern aufgehängt, weil sie aufgrund der hohen Feuchtigkeit in Schränken wohl schimmeln würden.

Sa spricht davon, dass im Oktober eigentlich die dreimonatige Floating Saison beginnt. Dann überschwemmt der Mekong die Gegend und bringt fruchtbaren Schlamm für das Ackerland, außerdem Fische, Krabben und Schnecken, die die Einwohner verkaufen. Doch seit drei Jahren kommt kein Hochwasser mehr, nachdem die Chinesen mehrere Staudämme an ihrem Teil des Mekongs gebaut haben.

Keine zwei Stunden Flug von Saigon entfernt präsentiert sich Vietnam mit der Stadt Da Nang von einer völlig anderen Seite. Moderne Hochhäuser säumen die Küstenstraße, Hotel reiht sich an Hotel, viele weitere sind im Bau. Vor 25 Jahren gab es hier im Zentrum des Landes nichts außer einer verlassenen amerikanischen Militärbasis. Jetzt ist es ein beliebtes Ziel von Strandurlaubern. Die Chinesen haben ein großes Shoppingcenter gebaut, und vor den Toren gibt es einen riesigen Vergnügungspark.

Für Touristen ist Da Nang vor allem auch Ausgangspunkt, um ins hübsche Hoi An zu gelangen. Diese Kleinstadt hat als Einzige im Land ihre Altstadt nicht im Vietnam-Krieg verloren; sie gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Dort finden sich chinesische Tempel in Holzbauweise neben villenähnlichen, bunt angemalten Häusern aus der französischen Kolonialzeit und schmalen vietnamesischen Häusern mit verzierten Fassaden. Autos und Mopeds sind hier nicht erlaubt, wohl aber Fahrradrikschas, die sich in wilder Manier ihren Weg durch die Besucherreihen bahnen. Laden reiht sich an Laden, Lederwaren, Schuhe, Bekleidung und auch die zauberhaften, bemalten Seidenlaternen gibt es hier. Diese hängen auf fast allen Wegen der Stadt, schmücken sogar die Boote auf dem Fluss Song Thu Bon und tauchen die Stadt abends in ein geradezu märchenhaftes Licht.

Schnell stellen Touristen fest, dass die geschäftstüchtigen Bewohner von Hoi An kein Nein beim Einkauf akzeptieren. Wenn die gewünschten Schuhe zu klein sind oder die Farbe des Kleides nicht passt, kein Problem. „Kommen Sie in zwei Stunden wieder, dann habe ich die Schuhe genäht“, sagt eine Ladenbesitzerin. Auch Preisverhandlungen werden elegant geführt – ganz nach dem Grundsatz, dass am Ende immer ein Geschäft zustande kommen muss.

Wer Lust hat, die Geschichte der einst bedeutenden Hafenstadt auf unterhaltsame Art zu erfahren, bucht sich ein Ticket für die Open-Air-Lichtshow „Hoi An Memories“. Sie zeigt, dass sich vor dreihundert Jahren die ganze Welt in dem kleinen Städtchen traf, um Handel zu treiben. Gespielt wird selbst bei Nieselregen, Regencapes aus Plastik sind im Eintrittspreis inkludiert.

Beliebt ist die Stadt auch bei den Vietnamesen selbst. Für sie ist Hoi An ein Ort, den man einmal im Leben gesehen haben muss. Besonders im Focus steht dabei die hölzerne Japanische Brücke, die Hochzeitspaare gern als Hintergrundmotiv wählen. Auch kulinarisch findet der Besucher auf den Straßen große Vielfalt: von gegrillten Tintenfischarmen bis hin zu Biogemüse.

Traumhochzeit: Hoi An ist ein beliebtes Ziel frisch vermählter Paare.
Traumhochzeit: Hoi An ist ein beliebtes Ziel frisch vermählter Paare. © Kay Haufe

Anreise: Am schnellsten und bequemsten reist man mit dem Flugzeug an. In zwölf Stunden fliegt Vietnam Airlines mehrmals wöchentlich von Frankfurt nach Ho-Chi-Minh-Stadt und Hanoi. Flüge in der Economy Class gibt es mit Bordverpflegung und 23 Kilo Freigepäck ab 805 Euro.

Innerhalb von Vietnam gibt es verschiedene Möglichkeiten zu reisen. Von Ho-Chi-Minh-Stadt ins Mekong Delta bietet sich ein Limousinen-Shuttle in Kleinbussen ab zehn Dollar pro Person an. Nach Da Nang gibt es von Ho-Chi-Minh-Stadt Inlandsflüge ab 68 Euro. Wer auf Komfort verzichten kann, fährt mit dem sogenannten Sleeper-Bus mit Schlafkabinen und Verpflegung für rund 40 Dollar quer durch Vietnam. Die Eisenbahn benötigt 40 Stunden für die Strecke von Ho-Chi-Minh-Stadt nach Hanoi (ab 57 Euro).

Pauschal-Rundreisen haben zahlreiche Veranstalter im Programm.

Die Reise wurde unterstützt von TMG und Vietnam Airlines.