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Kleine Sender aus Dresden retten Nashörner

Das Projekt Icarus will die Tierbewegungen studieren. Doch die Technik aus Dresden kann noch mehr.

Für Nashörner könnten die kleinen Mini-Sender aus Dresden lebensrettend sein. Sie warnen die Ranger in afrikanischen Nationalparks vor Wilderern.
Für Nashörner könnten die kleinen Mini-Sender aus Dresden lebensrettend sein. Sie warnen die Ranger in afrikanischen Nationalparks vor Wilderern. © imago stock&people

Sie wollen sein Horn. Wilderer sind auf dem Weg zu dem Nashornbullen. Auf dem Schwarzmarkt bringt sein Horn immerhin bis zu 55.000 Euro. Nach Informationen des Bundesumweltministeriums wurden im ersten Halbjahr 2021 allein in Südafrika 249 Rhinozerosse gewildert, 132 davon im Touristenmagneten Krüger-Nationalpark. Doch diesmal hat das Nashorn Glück. Park-Ranger haben die Wilderer bemerkt und kommen dem Tier zu Hilfe. Die Beschützer wurden gewarnt – von Zebras, Giraffen und Antilopen. Denn die tragen einen ganz speziellen Knopf im Ohr. Entwickelt und gebaut wird der in Dresden.

Seit 2013 ist die hiesige Firma Inradios Teil eines gigantischen deutsch-russischen Projekts: Icarus. Mit fünf Gramm leichten Sendern, den sogenannten Tags, übertragen schon jetzt über 1.000 Tiere Daten ihres Standorts, außerdem Druck-, Feuchtigkeits-, Temperatur-, Beschleunigungs- und Magnetfelddaten von ihrem aktuellen Lebensraum. Die Technik dafür haben Stefan Bittner und Marco Krondorf, Gründer des Unternehmens Inradios, und ihr Team entwickelt. Eine am russischen Modul der Internationalen Raumstation ISS angebrachte Antenne sorgt dafür, dass die Daten beim Überfliegen der Tiere eingesammelt werden. Im Anschluss überträgt sie das System an die russische Bodenstation. Von dort gelangen die Daten in eine riesige Datenbank des Projekts, der Movebank.

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Fast 10.000 Stück der nur fünf Gramm leichten Sender stellt das Dresdner Unternehmen Inradios für das Icarus-Projekt her. Aktuell gibt es Ideen für noch kleinere Varianten.
Fast 10.000 Stück der nur fünf Gramm leichten Sender stellt das Dresdner Unternehmen Inradios für das Icarus-Projekt her. Aktuell gibt es Ideen für noch kleinere Varianten. © MPIAB, MaxCine

Ende Juli hielt der Dresdner Mario Beck kurz den Atem an. Plötzlich war Funkstille. Bei Inradios ist er Icarus-Projektleiter. „Damals gab es ein Andockmanöver an die ISS, das allerdings etwas missglückte“, erzählt er. Das russische Forschungsmodul Nauka hatte die Raumstation versehentlich aus seiner regulären Flugbahn geschoben. „Damit wurde auch unsere Icarus-Antenne plötzlich aus ihrer korrekten Richtung gedreht.“ Keine Informationen mehr, nichts Neues in der Datenbank. Glücklicherweise konnte das Problem behoben werden, und die Antenne übertrug wenig später wieder die Daten der Tiere. „Solche Dinge können passieren, und wir konnten dadurch auch lernen, wie wir mit solch einer Situation umgehen“, sagt Beck. Schließlich sei die ISS ein Experimentalsystem.

Ziegen als Frühwarnsystem für Erdbeben

Insgesamt 6.000 Tags für das Besendern der Tiere haben die Dresdner für Icarus schon produziert. Knapp 10.000 werden es bald sein. Zahlreiche Wissenschaftler weltweit nutzen die Technik. „Aktuell sind schon um die 100 Projekte gestartet“, erläutert Uschi Müller, Icarus-Koordinatorin und Mitarbeiterin der Max-Planck-Institute für Verhaltensbiologie Radolfzell/Konstanz, die die Leitung im Forschungsverbund mit übernommen haben. Seit März 2021 fließt der Datenstrom kontinuierlich.

Viele Projekte gibt es im Partnerland Russland. „Wir haben aber auch Ziegen am Vulkan Ätna mit Tags versehen“, berichtet sie. Es ist die Fortführung eines älteren Vorhabens. Vor gut zehn Jahren hatte Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell und Initiator von Icarus, bereits dortige Ziegen mit GPS-Halsbändern versehen. Das Ergebnis: Einige Stunden bevor der Vulkan ausbricht, werden die Ziegen in seiner Nähe unruhig und flüchten. Mit den kleinen Tags soll das nun weiter beobachtet werden. Ob sich Tiere auch darüber hinaus als Frühwarnsystem für Naturkatastrophen eignen, will Icarus in den nächsten Jahren herausfinden.

Ziegen am Vulkan Ätna auf Sizilien tragen die Sender als Ohrmarke. So werden die Tiere zum lebendigen Frühwarnsystem für Vulkanausbrüche.
Ziegen am Vulkan Ätna auf Sizilien tragen die Sender als Ohrmarke. So werden die Tiere zum lebendigen Frühwarnsystem für Vulkanausbrüche. © MPIAB, MaxCine

Bei Säugetieren werden die kleinen Sender wie ein Ohrstecker am Ohr angebracht. Vögel tragen eine Art Tag-Rucksack, der mit weichen Silikonbändern unter dem Gefieder gehalten wird. Damit schauen die Forscher Störchen beim Flug in den Süden zu. „Oder wir klären die Frage, ob die Rußseeschwalben wirklich die ersten fünf Jahre ihres Lebens ausschließlich in der Luft verbringen.“ Angeblich schlafen und fressen sie auch während des Fliegens und kehren nur zum Brüten auf ihre Ursprungsinsel zurück. „Wir werden sehen, ob das stimmt oder ob sie sich nur irgendwo verstecken, wo sie bisher noch niemand entdeckt hat“, sagt Uschi Müller. In der „Animal Tracker App“ kann jedermann mitverfolgen, wie und wo sich die Tiere global bewegen. „Wer eines der besenderten Tiere sogar beobachtet, kann dies direkt dort eintragen und uns informieren.“

Neue Technologie für Insekten

In Südafrika wollen die Icarus-Forscher helfen, den Wilderern zuvorzukommen, die auf Nashornjagd sind. „Nicht nur die Nashörner selbst wurden dafür mit Tags versehen“, erzählt die Wissenschaftlerin. Auch Giraffen, Gnus oder Zebras, die in ihrem Territorium leben, schicken ihre Daten in die Datenbank. „Sie reagieren deutlich früher als das Nashorn mit Flucht, wenn Wilderer in dem Gebiet unterwegs sind.“ Ein wichtiges Zeichen für die Ranger vor Ort, die sich dann auf die Suche nach den Jägern begeben können. „Wir verschaffen den Rangern damit Zeit, die Wilderer abzufangen.“

Die kleinen Sender-Rucksäcke bringen Martin Wikelski und seine Forschungskollegen unter anderem an Papageien an, um ihre Flugrouten zu erforschen. Per App kann ihnen jeder beim Fliegen.
Die kleinen Sender-Rucksäcke bringen Martin Wikelski und seine Forschungskollegen unter anderem an Papageien an, um ihre Flugrouten zu erforschen. Per App kann ihnen jeder beim Fliegen. © MPIAB, MaxCine

Aktuell ist es noch nicht möglich, Tiere unter einem Gewicht von 100 Gramm mit den Tags auszustatten. Zwar gibt es bereits Methoden, um beispielsweise Bienen mit GPS-Sendern zu versehen. Allerdings könnte diese technische Lösung die Daten nicht über die ISS-Antenne senden, sondern müsste stationär ausgelesen werden. Deshalb ist das nächste Ziel für Mario Beck und seine Dresdner Kollegen, Tags mit einem Gewicht von einem Gramm zu entwickeln. Inradios-Mitgründer Marco Krondorf ist seit einem Jahr Professor für Nachrichtentechnik an der HTWK Leipzig und begleitet das Projekt ebenfalls weiter.

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„Für dieses sehr geringe Gewicht brauchen wir aber ein vollkommen neues Konzept“, formuliert Beck die Herausforderung. Wenn es klappt, wären die Sender auch bei Insekten nutzbar. „Dann könnten wir vielleicht sogar Heuschreckenplagen sicher voraussagen“, blickt Uschi Müller in die Icarus-Zukunft.


Infos und Download-Links für die Animal Tracker App gibt es unter www.sz-link.de/animaltracker.

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