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Der Minoler von Heidenau

Im Landkreis steht eine von deutschlandweit noch vier Minol-Tankstellen. Wer steckt hinter dem lila Relikt?

Eine echte Rarität: die Minol-Tankstelle von Heidenau. Außer hier gibt es die alte DDR-Marke nur noch an drei weiteren Orten im Osten Deutschlands.
Eine echte Rarität: die Minol-Tankstelle von Heidenau. Außer hier gibt es die alte DDR-Marke nur noch an drei weiteren Orten im Osten Deutschlands. © Marko Förster

Sie sind ein schönes Paar: die lila Minol-Tankstelle von Heidenau und der lichtgraue Wartburg 353 S aus Eisenach, der eben davor parkt. Beide Marken stammen aus der DDR. Aber so richtig passen sie nicht mehr zusammen. Der alte Herr, der den "Wabu" seit 1984 fährt - 170.000 Kilometer weit inzwischen - tankt zwar Benzin. Aber den muss er erst mal im Kanister nach Hause fahren. Dort mixt er dann das Öl dazu, erzählt er, "in aller Ruhe". Etwas anderes bleibt ihm auch nicht übrig. Zwar hat Minol hier überlebt. Doch das Gemisch 1:50 aus der Zapfpistole ist versiegt.

Die Zahl der Minol-Kenner nimmt ab

Minol. Was ist denn das? Manche fragen wirklich danach, sagt Sven Boden. Vor allem den Jüngeren fehlt das Verständnis. Und die Älteren, die es gut finden, dass es diese Marke noch gibt, werden immer weniger. Für Sven Boden keine Überraschung. Die Wende ist ja auch schon dreißig Jahre her. Damals, in der DDR, gab es Minol, und nur Minol. 1.250 Tankstellen soll das volkseigene Spritkombinat zuletzt betrieben haben. Heute gibt es bundesweit noch vier Minol-Stationen, alle im Osten, zwei davon in Sachsen, eine davon in Heidenau.

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"Ein gewisser Seltenheitswert." Sven Boden, 50, aus Dresden ist der Pächter von Heidenaus Minol-Tankstelle. Die Familie führt die Zapfstation seit 1996.
"Ein gewisser Seltenheitswert." Sven Boden, 50, aus Dresden ist der Pächter von Heidenaus Minol-Tankstelle. Die Familie führt die Zapfstation seit 1996. © Daniel Schäfer

"Ich hatte einfach Glück", sagt Sven Boden, wenn man ihn fragt, wie er ausgerechnet der Pächter solch einer Rarität geworden ist. Minol gab es an diesem nördlichsten Heidenauer Zipfel, der schon weit nach Dresden hineinragt, nie. Es gab überhaupt keine Tankstelle an diesem Platz. 1996, als Boden die Zapfstation gemeinsam mit seiner Mutter übernahm, war sie gerade frisch erbaut worden, unter der Flagge des französischen Mineralölunternehmens Elf. Kurz darauf wurde Elf zu Total. Und dann, vor etwa zehn Jahren, wurde Total in Heidenau zu Minol. Sicher kein Nachteil, denkt Sven Boden. "Wir haben doch einen gewissen Seltenheitswert."

Wiederbelebung sichert Markenrechte

Die Marke Minol aus der kleinen DDR ist dem Mineralölriesen Total offenbar nicht total schnurz. Minol gehöre zu den Wurzeln des Unternehmens, zu denen man sich bekenne, hieß es zum 70. Minol-Geburtstag 2019. Das Minol-Netz war nach dem Ende der DDR an Elf verkauft worden. Das Signet Minol verschwand daraufhin komplett. Die Markenrechte jedoch blieben erhalten und landeten fusionsbedingt bei Total. Wird ein Markenrecht nicht ausgeübt, droht die Löschung. Um das zu verhindern, öffnete Total wieder eine Handvoll Zapfstellen unter dem Minol-Banner.

Tankt bei Minol, weil es praktisch ist: Fliesenlegermeister Uwe Scholz aus Dohna füllt seinen Firmenwagen mit Diesel auf.
Tankt bei Minol, weil es praktisch ist: Fliesenlegermeister Uwe Scholz aus Dohna füllt seinen Firmenwagen mit Diesel auf. © Daniel Schäfer

Warum ausgerechnet in Heidenau eine Minol entstand? Vielleicht wegen der vielen freien Tankstellen im Gebiet, sagt Sven Boden. Als Minol kann auch er den Treibstoff preiswerter anbieten. Ob ihm die nostalgische Marke extra Kundschaft beschert, weiß er nicht zu sagen. Jedenfalls setzt er den Anteil der Stammkunden relativ hoch an, mit siebzig, vielleicht sogar achtzig Prozent. Die Tankstelle steht nicht an der großen Hauptstraße. "Wer hierher kommt, der kommt bewusst."

Der Minol-Pirol grüßt hinterm Ladentisch

Abgesehen von den Buchstaben hat das neue Minol-Logo mit dem alten kaum etwas gemein. Weil das Rotgelb schon von Shell besetzt ist, wählte man Lila. Im Shop sieht es aus, wie in fast jeder Tanke. Im Angebot ist, was bei Total im Katalog steht. Da bleibt für extra ostalgische Waren kaum Luft. Nur wer sich sorgfältig umschaut, sieht den Minol-Pirol vom Regal winken. Was er einst zu zwitschern hatte, können heute noch viele gelernte DDRler herbeten: "Stets dienstbereit zu Ihrem Wohl ist immer der Minol-Pirol." Zu verkaufen ist der komische Vogel aber nicht.

"Stets dienstbereit zu Ihrem Wohl..." Verkäuferin Sandra Schaffenhauer hält das Maskottchen des VEB Kombinat Minol in der Hand, den Minol-Pirol.
"Stets dienstbereit zu Ihrem Wohl..." Verkäuferin Sandra Schaffenhauer hält das Maskottchen des VEB Kombinat Minol in der Hand, den Minol-Pirol. © Daniel Schäfer

Hinter die Ladentheke geht Sven Boden eher selten. Tut er es doch mal, wenn seine Mädels Urlaub haben oder jemand krank ist, fängt er sich schon mal einen Spruch ein: "Oh, ein Neuer!" Meistenteils sitzt der Chef im Hinterzimmer und erledigt Schriftkram oder tütet die Münzmassen aus den Staubsaugerautomaten und Waschboxen ein. Dass er kaum mehr an die Kunden ran kommt, tut ihm ein bisschen leid. Denn das ist es, was ihm Spaß macht an seinem Job, und letztlich den Umsatz bringt: "Freundlich sein, die Leute gut bedienen."

Billiger Preis sticht Nostalgie

Sven Boden ist eigentlich gelernter Koch. Doch Benzindunst hatte er schon immer in der Nase. Großvater und Vater führten Taxi-Unternehmen in Dresden. Als Junge fuhr er mit dem Papa oft zur Minol-Tanke am Sachsenplatz, um das Kontingent für die Firma abzuholen. Das Netz der Tankstellen war damals dünner als heute. "Da haben die Leute angestanden, um ein paar Liter zu erhaschen", sagt Boden. Dafür kostete der Liter "Normal" Jahr aus, Jahr ein immer das gleiche Geld: eine Mark fünfzig.

Auch nur zum Anschauen gedacht: Kaffeepott mit dem Minol-Logo aus der DDR. Nicht alle Tankstellenkunden wissen heute noch etwas damit anzufangen.
Auch nur zum Anschauen gedacht: Kaffeepott mit dem Minol-Logo aus der DDR. Nicht alle Tankstellenkunden wissen heute noch etwas damit anzufangen. © Daniel Schäfer

Heutzutage springen die Preise an der Anzeigetafel laufend hin und her. Mal einen Cent hoch, dann wieder drei runter, dann wieder zwei hoch. Fünf bis sieben Änderungen kann ein Tag bringen, sagt der Pächter. Das passiert ferngesteuert, nach einer Logik, die er nicht durchschaut. Wenn er wissen will, was der Super gerade kostet, muss er die Lamellen seines Rollos beiseite biegen und aus dem Fenster gucken. Und die Leute gucken auf ihre Handy-Apps und entscheiden dann, ob sie bei Minol tanken oder wo anders. Der bessere Preis, sagt Boden, zählt mehr als die Nostalgie.

Corona weckt den Autoputzfimmel

Corona hatte die Preise stürzen lassen. Der Liter Super kostete bei Sven Boden zeitweise unter eins zwanzig. Der Treibstoffabsatz schrumpfte. Dafür haben die Leute wie verrückt ihre Autos gewaschen und geputzt, erzählt der Pächter. Der Verbrauch von Cockpitspray, Lederpflege und Scheibenreiniger zog an. Der Umsatz bei den Tabakwaren verdoppelte sich sogar. Nein, langweilig wurde es an der Heidenauer Minol trotz des Lockdowns nie. "Es war die ganze Zeit Betrieb."

Ab 2003 belebte Total die Marke Minol neu. Weil die Farben Rot und Gelb von Shell verwendet werden, entschied man sich für Rosa mit Lila.
Ab 2003 belebte Total die Marke Minol neu. Weil die Farben Rot und Gelb von Shell verwendet werden, entschied man sich für Rosa mit Lila. © Daniel Schäfer

Wie geht es weiter mit der Rarität Minol? Der Zeitgeist ist gegen den Verbrennungsmotor. Aber das macht Sven Boden keine Angst. Der Verbrenner wird noch eine ganze Weile da bleiben, sagt er, bis er in Rente geht auf alle Fälle. Reich geworden sein wird er bis dahin nicht mehr, sagt er, und grient dazu. "Aber wo wird man das schon?"

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