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"So eine schwere Situation noch nie erlebt"

Im Klinikum Oberlausitzer Bergland arbeiten Ärzte und Pflegekräfte am Limit - das machte die Triage-Aussage deutlich. Die Lage schildert Chefarzt Frank Ettrich.

Dr. Frank Ettrich, 53, ist Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin und seit 13 Jahren Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin am Krankenhaus in Ebersbach.
Dr. Frank Ettrich, 53, ist Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin und seit 13 Jahren Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin am Krankenhaus in Ebersbach. © Rafael Sampedro

Der Wirbel um die Triage-Aussage des Ärztlichen Direktors am Klinikum Oberlausitzer Bergland in Zittau, Mathias Mengel, in einem Online-Bürgerforum hat bundesweit die Alarmsirenen schrillen lassen. Dass tatsächlich aus Ressourcenknappheit Patienten nicht behandelt werden konnten oder können, dementieren Kreis und Klinik aber. Wie sieht es also konkret auf den Stationen aus? SZ sprach dazu mit dem Ebersbacher Chefarzt Frank Ettrich über das, was seine Kollegen und er gerade leisten müssen.

Fürs Foto nimmt Dr. Frank Ettrich die FFP-Maske ab. Auf dem Gang vor der Tür zur Intensivstation geht das ausnahmsweise mal kurz. Eine winzige Verschnaufpause. Anspannung und Müdigkeit stehen dem 53-Jährigen im Gesicht geschrieben. Seit 25 Jahren ist Frank Ettrich Arzt, seit 13 Jahren Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin am Krankenhaus in Ebersbach. Er hat viel Routine. Aber eine Situation, wie er sie gerade erlebt, hat es so noch nie gegeben, sagt er im Gespräch mit der SZ.

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Herr Chefarzt, können Sie beschreiben, was bei Ihnen im Krankenhaus gerade los ist?

Ehrlich gesagt: Das ist kaum noch zu beschreiben. Wir haben eine derartige Häufung von so schwer kranken Patienten, wie wir das noch nie erlebt haben. Für diese Situation ist die Klinik eigentlich gar nicht ausgelegt. Wir haben auf der Intensivstation in Ebersbach neun Betten, die ja normalerweise nie alle belegt sind. Und wir haben auch nur Personal für maximal neun "normal" schwerkranke Patienten. Ein Covid-Patient aber braucht ein Mehrfaches an Betreuung und liegt auch wesentlich länger auf der ITS und den Stationen. Unsere Betten reichen inzwischen nicht mehr.

Wie schaffen Sie das alles?

Wir sind personell absolut am Limit. Mein Horizont im Denken und Planen reicht inzwischen immer nur noch bis zum Ende der Schicht, maximal bis zum nächsten Morgen. Wir haben im Moment gerade ein Intensivbett frei, ob das heute Abend noch so ist, weiß ich nicht. Wir organisieren jeden Tag neu. Die Dienstpläne für morgen können sich morgen früh schon wieder geändert haben. Wir haben ganze Stationen geschlossen, hier in Ebersbach zum Beispiel die Gynäkologie, die Unfallchirurgie und die Ambulanzstation. Inzwischen haben wir 100 Betten auf Corona-Isolierstationen, die wir aber nicht mehr voll belegen können, weil uns das Personal fehlt.

Kann es passieren, dass Sie Patienten abweisen müssen?

Das passiert bereits. Wir haben vor Kurzem einen Covid-Patienten nach Leipzig verlegt, weil es in ganz Ostsachsen und auch in Dresden kein einziges freies Bett mehr gab. An der Uniklinik in Dresden gibt es dafür extra eine Koordinierungsstelle. Die Mitarbeiter dort kümmern sich darum, die Patienten alle an geeigneten Krankenhäusern unterzubringen. Wir müssen ja zusätzlich auch die Akutversorgung für alle anderen Notfälle aufrechterhalten.

Was ist das Problem an einer schweren Corona-Erkrankung? Was macht die Behandlung dieser Infektion so schwierig?

Die Patienten kommen mit einer ausgeprägten Luftnot und sind körperlich schwer beeinträchtigt. Aber sie sind wach und ansprechbar, erleben also die Beatmung voll mit. Das ist sehr ungewöhnlich und macht den Patienten Angst. Auffällig ist auch ein außergewöhnlich hoher Sauerstoffbedarf. Normalerweise hat ein Mensch ein Atemvolumen von fünf Litern pro Minute, wir beatmen die Patienten mit 15 bis 20 Litern. Normal ist in der Atemluft eine Sauerstoffkonzentration von 21 Prozent, wir müssen sie mit 80 bis 90 Prozent Sauerstoff beatmen. Ursache dafür ist eine ausgeprägte Lungenschädigung im Rahmen dieser Erkrankung.

Wie lange liegen Corona-Patienten auf der Intensivstation?

Sehr lange. An der Beatmung sind es meistens zwischen zwei und vier Wochen. Wir haben heute Vormittag eine Patientin auf die Normalstation verlegt, die wir sieben Wochen lang beatmet haben. Auch auf den anderen Corona-Stationen liegen die Patienten sehr lange. Unser Problem ist, dass wir den Krankenhausbetrieb unter diesen Bedingungen kaum noch schaffen. Dafür ist das Klinikum personell überhaupt nicht ausgelegt.

Zudem fehlen ja auch noch Mitarbeiter, die selber infiziert oder in Quarantäne sind.

Ja, das ist ein riesengroßes Problem. Von den insgesamt 600 Ärzten und Pflegekräften in Zittau und Ebersbach fehlen im Moment um die 100, die krank oder in Quarantäne sind. Auch positiv getestete Mitarbeiter ohne Symptome bleiben in der Regel zu Hause. Das fehlende Personal zu ersetzen - und das auch noch bei der schieren Menge an Patienten - ist jeden Tag eine neue Herausforderung.

Wie schaffen und verkraften die verbliebenden Mitarbeiter diese Situation denn noch?

Vor den Mitarbeitern können wir nur den Hut ziehen. Es ist unglaublich, was sie gerade leisten. Die Betreuung der Covid-Patienten ist eine große körperliche und seelische Belastung. Wenn eine Schwester früh ihre Schicht beginnt, legt sie die komplette Schutzkleidung an - von Kopf bis Fuß, ehe sie in das Zimmer eines Covid-Patienten geht. Die Schutzkittel und -hauben lassen nichts durch. Und die Arbeit an den Corona-Intensivpatienten, die sich nicht selbstständig bewegen können, ist körperliche Schwerstarbeit. Für jedes Aufsetzen im Bett brauchen sie Hilfe. Wenn die Schwester nach zwei, drei Stunden wieder aus dem Zimmer kommt, ist sie schweißgebadet und fix und fertig, muss sich umziehen - und beim nächsten Gang ins Zimmer wieder einkleiden. Das ist physisch unwahrscheinlich anstrengend.

Und psychisch?

Psychisch ist es vor allem ein Problem, dass wir kein Ende dieser Situation absehen können. Wir wissen nicht, wie lange das noch so geht, und wann wir wieder zu einem normalen Klinikalltag zurückkehren können. Es ist ja kein geregelter Betrieb mehr möglich. Es sind Stationen geschlossen, Mitarbeiter werden dahin verteilt, wo sie gerade gebraucht werden - personell sind wir völlig am Limit. Wir müssen jeden Tag neu denken. Und Weihnachten steht vor der Tür.

Müssen die Mitarbeiter dann möglicherweise mit Urlaubssperren rechnen?

Nein. Da haben wir uns ganz bewusst dagegen entschieden. Viele brauchen den Urlaub zur Regeneration. Das ist auch wichtig. Aber wir sehen schon mit großer Sorge auf die Feiertage. Und wir sind auch froh und dankbar, wenn jemand sagt, er kann seinen Urlaub verschieben.

Mit Corona ist ja auch das Sterben wieder mehr in den Mittelpunk gerückt. Haben sie auch Sorge, in eine Situation zu kommen, in der Sie über Leben und Tod des einen oder anderen entscheiden müssen?

Nein, wir haben glücklicherweise die Situation, dass viele Patienten niedergeschrieben haben, in welchem Umfang sie intensivmedizinisch behandelt werden möchten. Wir führen auch lange Gespräche mit Angehörigen, um schließlich den mutmaßlichen Willen des Patienten zur Weiterführung oder Begrenzung der Intensivmedizin zu ermitteln. Nicht alles, was technisch möglich ist, ist ja in jedem Fall auch sinnvoll. Auch die Frage, ob wir diesem oder jenem Patienten das letzte Beatmungsgerät zugestehen, mussten wir uns noch nicht stellen. Mit Hilfe der Corona-Leitstelle in Dresden konnten wir bisher alle Patienten entweder selbst versorgen oder einer guten medizinischen Versorgung zuführen.

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