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Triage in Zittau? Wirbel um Aussage des Klinik-Chefs

Eine Aussage des Ärztlichen Direktors am Klinikum Oberlausitzer Bergland macht bundesweit Schlagzeilen. Klinikum und Kreis dementieren. Was hat wer gesagt?

Ein Blick auf die Covid-Station im Zittauer Krankenhaus.
Ein Blick auf die Covid-Station im Zittauer Krankenhaus. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Zittau. Entscheiden Ärzte am Zittauer Klinikum inzwischen, welcher Corona-Patient behandelt wird und welcher nicht, weil nicht genügend Kapazitäten zur Verfügung stehen? Das legen Aussagen des Ärztlichen Direktors des Klinikums Oberlausitzer Bergland (KOB), Mathias Mengel, nahe, die er am Dienstagabend in einer Videoschalte vor rund 100 Zuhörern getätigt hat. Seither berichten Medien bundesweit, in Zittau müsste ein Klinikum erstmals die Triage anwenden, also entscheiden, wer von den Covid-19-Erkrankten die besten Chancen hat und deshalb lebensrettende Behandlungen erhalten soll.

Mathias Mengel selbst wollte sich am Mittwoch auf Nachfrage der SZ nicht zu den Aussagen in der Videokonferenz äußern. Das Klinikum hat aber inzwischen Stellung bezogen: "Alle Patienten, die in unsere Krankenhäuser kommen, erhalten die bestmögliche Therapie", sagt Sprecherin Jana-Cordelia Petzold. Wenn man bei der Aufnahme von Patienten in den Corona-Stationen Grenzen erreiche, würden diese an die umliegenden Krankenhäuser ausgeflogen. Explizit darauf angesprochen, ob Patienten in der Folge verstorben seien, weil ihnen vor Ort als Folge einer Triage beispielsweise kein Intensivplatz zur Verfügung gestanden habe oder keine Sauerstoffgabe möglich war, betonte die Sprecherin: "Das ist in unserem Hause nicht vorgekommen."

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Das bestätigte auch Kreis-Dezernentin Martina Weber gegenüber der SZ. Der Landkreis sei stetig in Kontakt mit allen Kliniken: "Eine Triage ist in keinem Krankenhaus im Kreis bisher vorgekommen." Bislang habe man die nötige Versorgung für die Erkrankten immer gewährleisten können - gegebenenfalls durch Verlegungen. Einen Fall, wo das nicht möglich gewesen sei, habe es so nicht gegeben.

Nach Angaben des Zittauer Oberbürgermeisters Thomas Zenker (Zkm), der in dem Videoforum am Dienstag dabei war, sei die Brisanz der Aussagen Mengels in der Runde durchaus zu spüren gewesen. "Dr. Mengel hat berichtet, dass man inzwischen schon entscheiden musste, wer Sauerstoff erhält und wer nicht", sagt Zenker. Mit rund zehn Intensivplätzen in Zittau seien die Grenzen ohnehin bei den derzeitigen Erkrankungszahlen rasch erreicht.

Auf Nachfrage zu dieser Aussage, betonte Mengel in der Videorunde dann, dass es vielfach vor allem um die Entscheidung gehe, wer von den Patienten für eine Verlegung infrage komme - also eine Chance habe, einen solchen Transport von 300 Kilometern und mehr zu überstehen, betont Zenker. Dazu stehe das KOB in Verbindung mit dem Koordinationszentrum in Dresden, wo die Verlegung von Covid-Patienten koordiniert werde.

Der Ärztliche Direktor des Klinikums, Mathias Mengel (rechts), hat in einem Video-Forum geäußert, dass nicht allen Patienten am hiesigen Krankenhaus geholfen werden kann.
Der Ärztliche Direktor des Klinikums, Mathias Mengel (rechts), hat in einem Video-Forum geäußert, dass nicht allen Patienten am hiesigen Krankenhaus geholfen werden kann. © Matthias Weber

Nach Angaben Zenkers betonte Mengel zudem, dass das Krankenhaus mit einer hohen Belastungslage kämpfe und nicht nur bei den Behandlungskapazitäten, sondern vor allem beim Personal an Grenzen stoße, da auch viele Mitarbeiter erkrankt oder in Quarantäne seien. Der Begriff "Triage" - also das Sichten und Klassifizieren von schwer erkrankten Patienten für eine weitere Behandlung - sei in dem Zusammenhang gefallen.

Zenker betont in dem Zusammenhang: Die Leistungsgrenze in den Krankenhäusern sei überschritten. „Wir brauchen für unsere Region dringend eine wirksame und schnelle Unterstützung bei der Verlegung von Patienten an andere Standorte. Es ist klar erkennbar, dass wir in dieser Lage aus eigener Kraft nicht weiterkommen.“ Die Unterstützung durch die Bundeswehr sei bereits ein wichtiger Baustein für die Aufrechterhaltung des Klinikbetriebs und werde weiter dringend benötigt. Transporte in weit entfernte Standorte sollten nicht die Kapazitäten der hiesigen Rettungsdienste blockieren, dafür müssten Alternativen gefunden oder der Flugdienst verstärkt werden.

Für die Weihnachtstage sieht sich die Klinik nach Angaben Mengels mit einer weiter hohen Belastung konfrontiert, deshalb erwäge man - aus Mangel an Behandlungsplätzen in Sachsen und Südbrandenburg - Patienten nach Norddeutschland auszufliegen.

Rund 100 Zuhörer hatte die Runde, die von der AG Dialog - einer Initiative, die auf die Zittauer Kulturhauptstadtbewerbung zurückgeht - organisiert worden war. Thema war "Corona in Zittau und der Oberlausitz - Hinter den Kulissen der Pandemie". Dabei sollte Bürgern die Möglichkeit gegeben werden, sich zu diesem gerade in der Oberlausitz sehr umstrittenen Thema ein eigenes Bild zu machen, indem sie live von Medizinern eine Einschätzung erhalten.

Weit weniger dramatisch - und keineswegs so wie jetzt kolportiert werde - hat die Diskussionsrunde der Oderwitzer Mediziner und Sprecher der Hausärzte im Süden des Kreises, Gottfried Hanzl, wahrgenommen: "Es ging darum, dass entschieden werden muss, ob jemand mit einer schweren Covid-19-Erkrankung noch hier vor Ort behandelt werden kann oder in ein anderes Klinikum beispielsweise nach Dresden verlegt werden muss", erklärt Hanzl, der am Mittwochmorgen mit Mengel nochmals gesprochen habe. "In keiner Weise ist dort der Eindruck entstanden, dass man entscheidet, ob man einem Menschen hilft oder nicht", erklärt Hanzl.

Nach dem Videoforum am Dienstag und den Aussagen von Chefarzt Mengel ist das Krankenhaus deutschlandweit in den Schlagzeilen. Hier dreht ein Filmteam von RTL am Zittauer Klinikum.
Nach dem Videoforum am Dienstag und den Aussagen von Chefarzt Mengel ist das Krankenhaus deutschlandweit in den Schlagzeilen. Hier dreht ein Filmteam von RTL am Zittauer Klinikum. © Matthias Weber

Nach Auffassung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn können noch alle Patienten in deutschen Kliniken versorgt werden. Auf eine entsprechende Frage in einem ZDF-"spezial" sagte der CDU-Politiker am Mittwochabend: "Ja, es können alle Patientinnen und Patienten versorgt werden, aber eben unter größter Belastung und teilweise auch Überlastung in den einzelnen Kliniken".

Man habe eine unterschiedliche Lage in Deutschland, sagte Spahn. "Besonders in Sachsen auch ein sehr sehr hohes Infektionsgeschehen, auch eine im Schnitt ältere Bevölkerung, damit mehr schwere und schwerste Verläufe, und das macht zum Beispiel auch schon das Verlegen von Patienten von einer Klinik zu einer anderen notwendig, um Kapazitäten freizuhaben." Die Lage sei sehr angespannt und "das zeigt eben, es war, ist und bleibt richtig", die härteren Einschränkungen beschlossen zu haben. (mit dpa)

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