merken
PLUS Zittau

Händler lassen ihre Geschäfte zu

Aus Protest einen Tag öffnen? Das wollen die Gewerbetreibenden im Raum Löbau-Zittau lieber nicht riskieren. Dabei ist die Lage für die meisten schon dramatisch.

Bärbel Thomas blickt in der Buchkrone am Zittauer Markt durchs Schaufenster. Sie ist nur da, um Bestelltes zu verpacken. Die Ladentür bleibt zu.
Bärbel Thomas blickt in der Buchkrone am Zittauer Markt durchs Schaufenster. Sie ist nur da, um Bestelltes zu verpacken. Die Ladentür bleibt zu. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Ein ganzes Schaufenster voller Kalender: Mit schöner Kunst, großartiger Landschaft, lebensweisen Gedanken, über wilde Alpen, kluge Frauen, nachdenkenswerte Sätze. Die 2021er Kalenderauswahl in der kleinen, feinen Buchhandlung am Zittauer Marktplatz ist riesig. Aber wer braucht denn im Februar oder März noch Kalender für 2021?

"Vielleicht können wir ja doch noch das eine oder andere schöne Stück verkaufen", hofft Bärbel Thomas, ihr Leben lang schon Buchhändlerin mit Leidenschaft. Wenn nicht, sind all die schönen Kalender in diesem Jahr für die Tonne. Bücher zählen im Lockdown nicht als Lebensmittel und auch nicht als Dinge für den täglichen Bedarf. Die "Buchkrone" am Zittauer Markt ist wie die meisten Einzelhandelsgeschäfte schon seit Mitte Dezember geschlossen.

Einkaufen und Schenken
Nur einen Klick entfernt
Nur einen Klick entfernt

Hier erhalten Sie nützliche Tipps und die aktuellsten Neuigkeiten rund ums Thema Einkaufen und Geschenke aus Ihrer Region.

Bärbel Thomas ist an diesem Montag nur im Geschäft, um ein paar Bestellungen zu verpacken. Die Ladentür bleibt geschlossen. Keiner der Händler in Zittaus Innenstadt, auch keiner in Löbau oder im Oberland ist dem bundesweiten Aufruf "#Wirmachenauf_merksam" gefolgt. "Was hätte es den Geschäftsinhabern auch bringen sollen - außer womöglich einem saftigen Bußgeld", sagt Zittaus Citymanager Stephan Eichner.

Ein Schaufenster voller Kalender für 2021 in der Buchhandlung "Buchkrone" am Zittauer Markt.
Ein Schaufenster voller Kalender für 2021 in der Buchhandlung "Buchkrone" am Zittauer Markt. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

So ein Protest mache doch keinen Sinn, ist Eichner überzeugt. Viel wichtiger sei es doch, jetzt möglich zu machen, was möglich ist - auf einen Bestell- und Lieferservice umzustellen zum Beispiel. Auf der Internetseite des Zittauer Gewerbe- und Tourismusvereins sind alle Händler und Gastronomen aufgelistet, die das anbieten.

Auch die "Buchkrone" steht in der Liste. Aber der Online-Handel ist schwierig und der Lieferservice kompliziert, sagt Wanda Heinke, die die Buchhandlung erst im Februar von ihrer Mutter übernommen hatte. "Da haben wir ja nicht geahnt, was auf uns zukommt." Zum Glück, sagt die 39-Jährige, kann die Buchkrone auf eine große Zahl treuer Stammkunden setzen. Die hätten ihr mit den Bestellungen den Dezember gerettet.

Aber bei Weitem sei das kein Vergleich mit einer normalen Vorweihnachtszeit gewesen. Und jetzt im Januar herrsche richtig Flaute. "Wenn jemand ein Buch im Internet bestellt, muss er schon gezielt nach uns suchen", sagt Wanda Heinke. Sonst findet er zuerst diesen bekannten Großanbieter mit A..., der ab einem gewissen Warenwert auch noch die Versandkosten erlässt. "Die Versandkosten zu erlassen, können wir uns gar nicht leisten", sagt Wanda Heinke.

An diesem Montagvormittag hat ihre Mutter Bärbel Thomas ein Dutzend Bücher verpackt - die Bestellungen der vergangenen Tage. Viel ist es nicht. "Wir haben ja auch das Problem, dass die Kunden hier nicht einfach klingeln und ihre Bestellungen abholen können", sagt Bärbel Thomas. Das ärgert auch Matthias Schwarzbach von der IHK in Zittau: "Wir als Kammer haben vehement um das Abholen von Waren nach telefonischer Vorbestellung gekämpft - leider ohne Erfolg", sagt er. Für viele Händler wäre das sehr wichtig gewesen. Und Sachsen ist das einzige Land, das das Abholen untersagt.

Händler bekommen keine Hilfen

Das Problem für die Händler: Sie bekommen so gut wie keine staatlichen Hilfen. Dabei kann nicht alle Ware später verkauft werden: Bekleidung zum Beispiel. "Wer kauft denn im März noch einen Wintermantel?", fragt die Chefin einer Modeboutique im Oberland, die nicht mit ihrem Namen genannt sein möchte.

Auch sie ist an diesem Montag in ihrem Geschäft. "Ich hab gerade die neue Sommerkollektion bekommen", erzählt sie. "Und nun weiß ich nicht, wohin mit der Winterware, die auch noch nahezu komplett im Laden hängt." Die Sommerware musste sie schon komplett bezahlen, sie hat dafür ihre Altersvorsorge angegriffen. Und eigentlich müsste sie jetzt die Herbst/Winterkollektion für 2021/22 ordern. "Wie das weitergehen soll, weiß ich nicht", sagt sie leise.

Nach einer Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sehen sich knapp zwei Drittel der Innenstadthändler in Existenzgefahr. Drei Viertel der Händler geben an, dass die staatlichen Hilfen nicht ausreichen, um eine Insolvenz abzuwenden.

Update: Der Text wurde am 19. Januar, 8.30 Uhr, geändert. Die Geschäfte sind seit Mitte Dezember geschlossen, nicht wie die Gaststätten seit Anfang November, wie es in der früheren Version hieß. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Weiterführende Artikel

Kurz vor der Pleite

Kurz vor der Pleite

Der "Irish Pub" in Zittau ist wie alle Kneipen seit mehr als elf Wochen geschlossen. Wirtin Elke Mäffert setzt das enorm unter Druck - auch wegen ausstehender Hilfe.

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Wer uns auf Social Media folgen will:

Mehr zum Thema Zittau