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Was vom Zittauer Webertor übrig geblieben ist

Am 3. November 1861 stürzte der Turm ein. Seine Architektur hatte viele fasziniert, auch einen böhmischen Scholar. Die Geschichte dahinter.

Von Heike Schwalbe
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Das Webertor nach dem Einsturz. Carl Herrmann Hoffmann und Adolph Thomas bewahrten das Ereignis um 1865 mit einer Lithographie der Nachwelt. Im kleinen Bild: Modell des Webertores von 1934 (beide Exponate im Besitz des Stadtmuseums).
Das Webertor nach dem Einsturz. Carl Herrmann Hoffmann und Adolph Thomas bewahrten das Ereignis um 1865 mit einer Lithographie der Nachwelt. Im kleinen Bild: Modell des Webertores von 1934 (beide Exponate im Besitz des Stadtmuseums). © Heike Schwalbe (Repro)

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts schritt ein Trupp Reisender aus dem Böhmischen kommend gen Zittau. Unter ihnen befand sich ein junger Scholar aus Wartenberg. Auf seiner Lehr- und Wanderfahrt wollte er in der Stadt um Arbeit, Brot und Obdach bitten. Inmitten von Amtsträgern, Handwerkern, Händlern und Gärtnern mit ihren Waren passierte der junge Mann das Webertor, das ihn sofort faszinierte: Dieser viereckige Torturm, oben das Plateau mit einem Mastbaum in der Mitte, gehalten von acht eisernen Ketten!

Der Reisende wurde in Zittau als städtischer Archivar eingestellt. Da brauchte er nicht lange zu suchen, bis er etliche Aufzeichnungen zum 1607 erbauten Webertor fand. Er konnte Angaben zu einem Vorgängerbau aufspüren, nachdem 1562 die vollständige Ummauerung Zittaus mit seinen in alle vier Himmelsrichtungen weisenden Toren abgeschlossen war. Er las, dass das Webertor zwischen dem Speiviel und der Mandaupforte eher wie eine Bastei ausgesehen hatte. Der Turm war von einem ziegelgedeckten Walmdach gekrönt, sogar ein Türmer konnte hier einziehen. Der Scholar erfuhr, dass 1676 Risse im Mauerwerk entdeckt wurden und der Turm deshalb Stützpfeiler und Anker bekam.

Doch das half nichts. 40 Jahre später, 1716, musste der Turm abgerissen werden. Aber schon ein Jahr später stand bereits ein neuer Webertorturm. Auch er war viereckig mit noch höheren und größeren Portalen, über denen vier große Wappenbilder prangten. Im Jahr darauf erhielt die Plattform vier überlebensgroße Figuren. In nordwestliche Richtung blickte nun König Ottokar, nach Südwesten der Römer Horatius Cocles als Sinnbild für Tapferkeit und Wehrhaftigkeit, nach Südosten die Figur für Gerechtigkeit und zum Nordosten eine, die zur Vorsicht mahnte. Darunter verlief der schindelbedachte hölzerne Wehrgang durch den Turm.

Als 1757 Europa in den Siebenjährigen Krieg taumelte und die Oberlausitz hineingezogen wurde, weilte der Archivarius aus Wartenberg immer noch in Zittau. Er war hier sesshaft geworden. So musste er den Artilleriebeschuss der Stadt und den darauf folgenden großen Stadtbrand miterleben. Zuvor hatte er noch versucht, wichtige Dokumente zu retten und ins Kloster zu bringen. Danach verlieren sich seine Spuren im Dunkel der Geschichte.

Die Geschichte des Webertores aber wurde weitergeschrieben. In jenem Krieg hatte es nur geringe Beschädigungen erfahren. 1779 wurde es umfassend renoviert. Doch die Militärtechnik entwickelte sich weiter. Es kam die Zeit, dass weder Mauern noch Tore eine Stadt schützen konnten. Außerdem platzte Zittau ohnehin aus allen Nähten, Stadttore wurden zu Verkehrshindernissen. Moderne Profanbauten sollten die mittelalterliche Wehrarchitektur ersetzen. So begann man sie abzureißen. Das zog sich hin bis 1869. Dabei hatte man im Stadtrat lange über den Erhalt des Webertorturmes debattiert.

Während man sich heftig um ihn stritt, geschah es: Am 3. November 1861 gegen 3 Uhr, also vor 160 Jahren, stürzte er zusammen. Nachdem der erste Schrecken verflogen war, wurde der Schuttberg beiseite geschafft und schließlich auch dieser Abschnitt der Stadtbefestigung zu einem Park mit Wegen und Bäumen umgestaltet. So wie einst die Stadtmauern zusammenwuchsen, so wuchsen nun die Parkanlagen zusammen und bildeten den Grünen Ring von Zittau. Das hätte dem böhmischen Scholar gewiss auch gefallen.

Was vom Zittauer Webertor übrig blieb

  • Der steinerne Löwe, der einst den westlichen Giebel des Torhauses schmückte (geschaffen von den Bildhauern Gottlieb Anders und Gottfried Jäch) befindet sich seit 1874 am Wasserturm an der Bahnhofstraße, man nennt das Ensemble auch Löwenbrunnen.
  • Die Wetterfahne mit dem Engel von der Spitze des Tores wird in den Städtischen Museen Zittau aufbewahrt. Zuvor befand sie sich von 1873 bis 1993 auf dem Turm des Johanneums. Dort dreht sich heute deren Kopie.