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Warum eine Puppe zwei 80-Jährige rührt

Schwestern erinnern sich an ihre Vertreibung im Zweiten Weltkrieg und finden im Zittauer Franziskanerkloster Bezüge zu ihrem Schicksal.

Ausweisung aus Kleinschönau am 22. Juni 1945. Fotos wie dieses sind eine Seltenheit, da das Fotografieren in dieser Situation absolut nicht erwünscht war und ohnehin nur wenige Menschen eine Kamera besaßen.
Ausweisung aus Kleinschönau am 22. Juni 1945. Fotos wie dieses sind eine Seltenheit, da das Fotografieren in dieser Situation absolut nicht erwünscht war und ohnehin nur wenige Menschen eine Kamera besaßen. © Museum Zittau

Sie hatten nur zwei Stunden Zeit, ihre Sachen zu packen und das Haus in Poritsch zu verlassen. Die Zwillinge Christa Klinger und Erika Schmidt erinnern sich noch genau an den Tag vor 75 Jahren, auch wenn sie damals erst fünf Jahre alt waren, die jüngsten von sieben Kindern. Ihre Mutter packte lauter Säcke, erzählt Erika Schmidt. Ihre Brüder lagen noch im Bett und glaubten gar nicht, dass sie in zwei Stunden fortmüssen. Mit zwei Leiterwagen liefen sie los. „Wir wussten nicht, wo wir hingehen“, sagt Erika Schmidt. 

Ihr Vater war im Krieg, die Familie hatte zwei Jahre lang nichts von ihm gehört. Erst später in Zittau würden sie ihn wiedersehen. Aus dem Zittauer Zipfel auf der anderen Seite der Neiße, der nach dem Zweiten Weltkrieg an die Polen fiel, wurden sie vertrieben. Darum geht es nun auch in der Ausstellung „entKOMMEN. Das Dreiländereck zwischen Vertreibung, Flucht und Ankunft“ der Städtischen Museen in Zittau. Dabei spannt sich der Bogen von den böhmischen Glaubensflüchtlingen im 17. Jahrhundert bis in die heutige Zeit.

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Die 80-jährigen Zwillingsschwestern sind mit Fotos gekommen, um sich die Ausstellung anzusehen. Eins zeigt sie als Babys mit ihren Eltern. Sie hatten ein kleines Haus und spielten oft im Garten, erzählt Christa Klinger. „Das war schon eine schöne Zeit.“ Als sie am 22. Juni 1945 loszogen, wunderten sie sich noch, dass sie Wintermäntel anziehen mussten bei dieser Sommerhitze. „Wir schliefen nachts im Wald“, sagt Erika Schmidt. 

Zunächst fanden sie in Olbersdorf Zuflucht bei einer Familie. Bald ging es weiter nach Zittau, in einen Keller, wo sie ein Zimmer bekamen – für acht Personen, betont sie. Als ihr Vater 1946 aus der Kriegsgefangenschaft kam, sagten sie Onkel zu ihm. „Wir haben ihn nicht erkannt, weil er einen Bart hatte“, erklärt Erika Schmidt. Er fand eine Arbeit als Hausmeister und die Familie eine Wohnung.

"Unser Haus war weg"

Längst ist Zittau ihre Heimat. Alle sieben Kinder sind in der Stadt geblieben. „Wir wollten nie weg“, sagt Erika Schmidt. Nur einmal waren sie noch in ihrer früheren Heimat, 1972. „Als Polen die Grenze aufmachte, sind wir mal gucken gegangen in der Siedlung“, berichtet sie. „Da war nur noch ein Haufen Erde. Unser Haus war weg, das war kaputt.“ Das hatten sie schon gesehen, als sie über die Neiße guckten. „Die Fenster waren raus, die Türen raus und dann war’s ganz weg.“ Ein zweites Mal liefen sie nicht nach Poritsch, sagt Erika Schmidt. „Das ging zu tief.“

24.000 Menschen lebten im Zittauer Zipfel, sagt Museumsdirektor Peter Knüvener. Einige Vertriebene waren kurz nach dem Verlassen ihres Hauses noch mal dort und hätten zum Beispiel ihr Fahrrad mitgenommen. Viele solcher Gegenstände finden sich in der Ausstellung. Die Zwillingsschwestern berührt besonders eine Puppe. Die sieht genauso aus wie die von ihrer großen Schwester. 

Die Zwillinge Christa Klinger (r.) und Erika Schmidt.
Die Zwillinge Christa Klinger (r.) und Erika Schmidt. © Städtische Museen Zittau

Sie hatte ihre Puppe in ihrem alten Zuhause ins Bett gelegt und gesagt, sie kämen gleich wieder. Symbolisch ist auch der Handwagen gleich am Eingang der Ausstellung. Der Ausweisungsbefehl vom Juni 1945 für den Zittauer Zipfel ist zu sehen, ein Foto vom Sammelplatz, eine „Umsiedlerkiste“ aus dem Sudetenland, ein Damenfahrrad von 1935.

Die Schau ist nicht chronologisch geordnet, sondern thematisch, teils mit textilen Wänden, auf denen Erinnerungen von Zeitzeugen zu lesen sind. Mittendrin: ein kaputtes Handy, das von einem Flüchtling stammt, der erst vor Kurzem nach Zittau kam. Die Ausstellungsgestalter heben die Gemeinsamkeiten zwischen damaligen und heutigen Flüchtlingen hervor. 

Kein Vergleich zu heutigen Flüchtlingen

Christa Klinger freut sich darüber, dass ihre Mutter noch daran gedacht hat, die Fotos in die Tasche zu stecken: „Das ist sagenhaft!“ Bei den Flüchtlingen von heute ist es das Handy, auf dem sie Fotos von der Heimat haben und Kontakt zu ihrer Familie halten. Die Schicksale könne man nicht vergleichen, meint Christa Klinger. „Wir wollten ja nicht weg. Wir wurden ja gezwungen.“ 

Wird sie auf die Bilder vom Krieg in Syrien angesprochen, sagt sie: „In einem Kriegsgebiet möchte ich auch nicht leben.“ Als ihre Enkelin fünf Jahre alt war, sagte sie zu ihrer Schwiegertochter: „So alt waren wir damals.“ Ihre Stimme versagt, ihre Augen werden feucht. „Alles kann passieren, bloß kein Krieg“, sagt Erika Schmidt. „Was soll denn dann mit unseren Kindern werden?“

Viele der heutigen Flüchtlinge würden die deutsche Sprache lernen. „Das ist ganz wichtig“, sagt Christa Klinger. Sie glaubt, den Flüchtlingen heute geht es besser: „Sie haben ja eine Wohnung und kriegen alles bezahlt.“ Erika Schmidt sagt: „Wir haben viel gehungert.“ Ihre Mutter ging damals zur Wohlfahrt und auch auf die Dörfer zu den Bauern auf der Suche nach etwas Essbarem.

Beschimpft als "Neißezigeuner"

Ob sie sich damals in Zittau aufgenommen gefühlt haben, fragt der Museumsdirektor. Ob sie beschimpft wurden? „Nee“, antworten die Zwillinge. Ihre frühere Heimat gehörte ja zu Zittau. „Das war ja kein Ausland“, sagt Christa Klinger. „Damals gab es so viele Umsiedlerkinder. Keiner hat uns gehänselt.“ Manche waren sehr großzügig. „Wir haben auch mal ’ne Schnitte gekriegt“, sagt Erika Schmidt. „Mein Vater hat einem tschechischen Umsiedlerkind geholfen, das draußen alleine war, und gesagt: ‚Das kleine Mädel, das bleibt nicht die Nacht hier, das kommt mit rein‘“, erzählt die Schwester. 

Doch Museumsdirektor Peter Knüvener weiß von Vertriebenen, die als „Neißezigeuner“ bezeichnet worden sind und Sätze hörten wie „Du sollst verrecken im Dorfgraben.“ Ein Zitat in der Ausstellung heißt: „Die Deutschen wollten uns Deutsche nicht haben.“ Ein Zeitungsartikel von 1947 trägt die Überschrift „Alt- und Neubürger müssen eins werden!“.

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Sie antworten auf die Frage, ob sie sich noch an ihren ersten Kuss erinnern können. Oder: Was ist ihr Lieblingsort in Zittau? „Von Syrien nach Sachsen“ ist ein Zeitzeugenbericht überschrieben. Der gehört zum Begleitprogramm, genauso wie Familienführungen „Mit der Heimat im Koffer“.

Ausstellung bis 18. Oktober im Kulturhistorischen Museum Franziskanerkloster in Zittau, Klosterstraße 3, Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr geöffnet.

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