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Aus nach drei Schokoladen-Generationen

Neumanns haben über 70 Jahre hinweg in der Oderwitzer Schoko-Fabrik gearbeitet. Nach dem siebenten Familienmitglied ist nun Schluss - unfreiwillig.

Romy Frerich und ihr Partner Stefan Neumann mit ihrem Baby Finn und Opa Reiner Neumann. Letzterer hat 50 Jahre in der Oderwitzer Schokoladenfabrik gearbeitet.
Romy Frerich und ihr Partner Stefan Neumann mit ihrem Baby Finn und Opa Reiner Neumann. Letzterer hat 50 Jahre in der Oderwitzer Schokoladenfabrik gearbeitet. © Matthias Weber/photoweber.de

Der kleine Finn ist gerade mal acht Wochen alt. Trotzdem steht schon fest, dass er unfreiwillig mit einer langen Familientradition brechen muss. Über drei Generationen hinweg haben die Neumanns in der Oderwitzer Schokoladenfabrik ihre Brötchen verdient. Eine vierte Schokoladenmacher-Generation wird es mit Finn nicht geben. Ende April 2022 wird das Werk, das heute Kathleen heißt, geschlossen. Finns Papa Stefan Neumann ist der letzte von sieben Familienmitgliedern, der hier arbeitet.

"Ich wollte nie etwas anderes werden", sagt der 39-jährige Oderwitzer. Schon als Kind stand für ihn fest, dass er einmal, so wie sein Vater, Osterhasen und Weihnachtsmänner und viele andere leckere Sachen aus Schokolade herstellt. "Vaters Arbeitssachen haben immer so gut gerochen, wenn er nach Hause kam", erzählt er.

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Stefan Neumann 2006 an seinem Arbeitsplatz in der Masse-Abteilung in der Schokoladenfabrik in Oderwitz. Genau an diesem Platz arbeitete bereits sein Vater Reiner Neumann schon. Die Tafel Schokolade im Bild rechts hat Stefan Neumann unter anderem bei seine
Stefan Neumann 2006 an seinem Arbeitsplatz in der Masse-Abteilung in der Schokoladenfabrik in Oderwitz. Genau an diesem Platz arbeitete bereits sein Vater Reiner Neumann schon. Die Tafel Schokolade im Bild rechts hat Stefan Neumann unter anderem bei seine © Jens Böhme (Archiv), Repro Matthias Weber/Holger G

Dabei war es gar nicht so einfach für Stefan Neumann in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Nach der Schule bekam er hier keinen der begehrten Ausbildungsplätze. So hat er erst einmal seinen Facharbeiter als Einzelhandelskaufmann in einem Möbelgeschäft gemacht. Abgeschrieben hatte er seinen Traumjob dennoch nicht. Und als das Möbelgeschäft ihn nach der Lehre nicht übernahm, fing er als Saisonarbeiter bei Riegelein/Kathleen an.

Als das Unternehmen ihm schließlich anbot, noch einmal eine Ausbildung anzufangen, zögerte Stefan Neumann nicht. Drei Jahre lang pendelte er damals zwischen dem Blockunterricht für Süßwarenfachkräfte in Solingen und dem Betrieb in Oderwitz und überraschte dann 2005 seine Eltern wie auch die Firma mit einem Spitzenzeugnis.

Das Kathleen Schokoladenwerk in Oderwitz soll 2022 geschlossen werden.
Das Kathleen Schokoladenwerk in Oderwitz soll 2022 geschlossen werden. © Matthias Weber/photoweber.de

Stefan Neumann hatte seinen Facharbeiter mit einem Zensurendurchschnitt von 1,1 gemacht und seine Auszeichnung als Jahrgangszweitbester aller deutschlandweit ausgebildeten Süßwarenfachkräfte abgeschlossen. "Ich bin kein Streber. Mir ist es einfach leicht gefallen", sagt er. Mit dem Zeugnis hätte er in der Süßwarenbranche überall in Deutschland anfangen können. Aber der Oderwitzer wollte in der Heimat bleiben. Die ganze Familie sei dem Betrieb schließlich verbunden. Und das hat sich bis heute nicht geändert.

Stolz den Arbeitsplatz und Spind des Vaters übernommen

Das Schicksal wollte es, dass Stefan Neumann genau den Arbeitsplatz seines Vaters Reiner als Linienführer in der Masse-Abteilung übernahm. Als der nach 50 Betriebsjahren in Rente ging, fing Stefan in der Schokoladenfabrik an. Natürlich wurde er von den Kollegen am Vater gemessen. "Aber das war nie ein Problem", sagt Stefan. Und nach ein paar Jahren klappte es sogar, das er den Spind seines Vaters übernehmen konnte.

Von 2006 bis 2020 arbeitete er in dem Bereich, wo die Schokoladenmasse hergestellt wird. "Du würdest es heute nicht mehr wiedererkennen", sagt er zu seinem Vater. Um die Schokoladenmasse herstellen zu können, hatte einst Reiner Neumann noch 50-Kilogramm-Säcke schleppen müssen. Und dokumentiert wurde damals alles handschriftlich. Heute ist alles elektronisch gesteuert. Vieles wird nicht mehr von Hand gemacht. Und die Säcke sind nur noch halb so schwer.

Als es mal Bananen gab, rannten alle weg

Schmunzelnd denkt der 77-jährige Reiner Neumann an ein paar Pannen zurück, über die er heute lachen kann. "Einmal gab es Bananen in der Betriebs-HO. Da sind plötzlich alle weg gewesen und das Band lief weiter", erzählt er. Weil sie niemand einsortierte, landeten die Mokka-Bohnen alle im Abfall. Und ein anderes Mal musste er sonntags ins Werk, weil jemand vergessen hatte, das Band abzuschalten und es weiterlief, obwohl niemand da war. "Da war ich das erste Mal im Werk", erinnert sich Sohn Stefan. Denn sein Vater hatte ihn als kleinen Jungen dahin mitgenommen, wo es immer so gut riecht.

Mit 50 Betriebsjahren hat Reiner Neumann mehr als sein halbes Leben im Werk verbracht. Auch seine Frau Ilona lernte er hier kennen. Die Familientradition der Schokoladenmacher reicht bei Neumanns rund 70 Jahre zurück. Finns Uropa Martin war damals der erste Schokoladenmacher in der Familie. Als einziger aller später nachfolgenden Familienmitglieder arbeitete er nicht in der Produktion, sondern als Kaufmann im Büro.

Seither dreht sich bei Neumanns alles um die Schokolade. Denn auch seine Frau, Uroma Herta, hatte hier als Verpackerin gearbeitet. Und ganz selbstverständlich erlernten später ihre Söhne Fritz und Reiner die Berufe eines Konfekt- beziehungsweise Schokoladenmachers. Und wie Reiner, lernte auch der ältere Bruder Fritz seine Frau Ursula im Betrieb kennen. Bis heute gehört Schichtarbeit für die Neumanns zum ganz normalen Berufsalltag.

Seit 2020 ist Stefan Neumann nun Teamleiter in der Schokoladenfabrik. "Vorher habe ich mehr oder weniger allein gearbeitet. Jetzt arbeite ich in der Schicht mit 50 bis 60 Leuten zusammen. Das macht schon noch mehr Spaß", sagt der 39-Jährige.

Einige Kollegen suchen schon einen neuen Job

Obwohl er täglich zwei bis drei kleine Proben kosten muss, ist Stefan der Schokolade nicht verfallen. Er hat sie auch nicht über. "Ich mag mehr gefüllte Schokolade", sagt er. Das mit jedem Tag das Ende des Schokoladenwerkes in Oderwitz näher rückt, verdrängt bei ihm die tägliche Arbeit. "Ich denke ehrlich gesagt, momentan noch nicht so daran", gesteht er. Das Thema kommt bei ihm nur dann hoch, wenn ein Kollege davon spricht, das er sich nach etwas anderem umsieht.

Natürlich wird darüber unter den Kollegen gesprochen. Viele ehemalige Textilwerker sind als ungelernte Mitarbeiter in der Schokoladenfabrik eingestiegen. Die kennen bereits die Situation, sich um einen einen neuen Arbeitsplatz kümmern zu müssen.

Stefan Neumann würde gern in der Lebensmittelbranche bleiben oder irgendwo als Teamleiter arbeiten. Aber irgendwie klingt bei ihm die Hoffnung mit, dass es - wie und als was auch immer - mit dem Werk weitergeht. "Es wäre doch schade, wenn so ein schöner Bau leer stehen würde und verkommt", sagt er. Vater Reiner hat es in der Oderwitzer Schokoladenfabrik auf 50 Betriebsjahre gebracht, Mutter Ilona auf 40 und Sohn Stefan wird bei 21 aufhören müssen.

"Wer weiß, was unser Finn mal wird", sagt Stefans Lebenspartnerin Romy Frerich. Die 32-Jährige ist Arzthelferin. Vielleicht wird er Mediziner?

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