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Böllerverbot: Angst vor illegalem Feuerwerk

Das Verbot könnte mehr Leute verleiten, sich illegale Polenböller zu besorgen. Was das bedeuten kann, hat der Martin B. aus Zittau leidvoll erfahren.

Von Susanne Sodan & Markus van Appeldorn
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Bundespolizistin Jessica Große klärt an der Andert-Oberschule in Ebersbach über gefährliche Polenböller auf. Sie zeigt dafür Attrappen vor.
Bundespolizistin Jessica Große klärt an der Andert-Oberschule in Ebersbach über gefährliche Polenböller auf. Sie zeigt dafür Attrappen vor. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Es war der Silvestertag 2012, der das Leben von Martin B. nachhaltig änderte. Damals zündete ein Freund des jungen Zittauers in seiner unmittelbaren Nähe eine sogenannte "Kugelbombe" - einen der gefährlichsten verbotenen Polenböller. Und danach war Martins Leben keine Party mehr. Die Detonation verletzte ihn so schwer am Kopf, dass er sein linkes Auge verlor. Und auch nach mehreren Jahren und etlichen Operationen war die Augenhöhle noch so stark zerstört, dass er nicht einmal ein Glasauge einsetzen konnte. Ein leider gar nicht so seltenes Schicksal.

In diesem Jahr gibt's wegen der Corona-Krise erneut ein Verkaufsverbot für Böller und Feuerwerk. Mancher befürchtet, dass dieses Verbot noch mehr Menschen als sonst dazu verleiten könnte, sich mit lebensgefährlichen und illegalen Böllern zu versorgen.

Martin B. möchte andere junge Menschen warnen und sie davor behüten, ein ähnliches oder gar schlimmeres Schicksal zu erfahren. Deshalb hat er der Bundespolizei ein Foto von sich zur Verfügung gestellt - als Abschreckungsmaterial. Jessica Große, Präventionsbeauftragte bei der Bundespolizei in Ebersbach, zeigte es dieser Tage den Achtklässlern der Andert-Oberschule in Neugersdorf. Rund 25 Schulen besucht sie in der Weihnachtszeit mit ihrem Informationsvortrag "Finger weg von verbotenen Feuerwerkskörpern". Auch andere unappetitliche Bilder von entstellten Gliedmaßen bekommen die Kinder da zu sehen - und zu hören, welche Folgen das für die Betroffenen hatte. Die Bundespolizei hofft, damit viele junge Menschen für die Gefahr zu sensibilisieren und auch dafür, welche strafrechtlichen und finanziellen Folgen das für sie haben kann, wenn sie mit verbotenem Feuerwerk hantieren oder Schaden anrichten.

Polenböller enthalten gefährlichen Sprengstoff

Die Gefahr der Polenböller liegt in dem verwendeten Sprengstoff und ihrem Aufbau. Gewöhnliche Chinakracher sind mit Schwarzpulver gefüllt und mit Pappe ummantelt. In den verbotenen Böllern kommt jedoch ein sogenannter "Blitzknallsatz" zur Detonation - das ist ein industrieller Sprengstoff, viel stärker als Schwarzpulver. Verpfropft sind diese Knaller mit einer Gipskapsel - die wird bei der Detonation zu einem lebensgefährlichen Geschoss. In Oschatz wurde durch so ein Gips-Geschoss an Silvester 2001/2002 ein unbeteiligter junger Mann getötet. Blitzartig abbrennende Lunten lassen oft nicht einmal genug Zeit, sich von den Böllern zu entfernen. "Bei unsachgemäßer Lagerung, etwa durch Feuchtigkeit oder starke Temperaturschwankungen kann dieser Blitzknallsatz sich auch von selbst entzünden", schildert Jessica Große eine weitere Gefahr. Die Knallkörper sind also schon brandgefährlich, wenn man sie transportiert.

Das diesjährige Verkaufsverbot für Böller hat die Bundesregierung auch deswegen erlassen, um zu vermeiden, dass Kliniken durch die Behandlung von Feuerwerksverletzungen zusätzlich belastet werden. Die Polizeigewerkschaften hatten sich für ein Böllerverbot ausgesprochen. "Schon aus präventiv-polizeilicher Sicht und zur Eindämmung von Gefahren ist ein Böllerverbot grundsätzlich von Vorteil", sagt Michael Engler, Sprecher der Bundespolizei Ludwigsdorf. "Andererseits wird möglicherweise ein Anreiz geschaffen, sich Feuerwerk auf anderen Kanälen, insbesondere über das Internet, zu beschaffen", fürchtet er.

Weniger Böller-Verletzte in den Kliniken

Auch Anja Leuschner, Pressesprecherin der Polizeidirektion Görlitz, will eine Zunahme nicht ausschließen. "Nicht zugelassene Feuerwerksartikel werden jedes Jahr aus den Nachbarstaaten nach Deutschland eingeführt. Möglicherweise kann es zu einem leicht erhöhten Konsum dieser Feuerwerkskörper kommen", sagt sie. Jedoch sei anzunehmen, dass praktisch „immer dieselben“ Personen illegal Feuerwerkskörper einführen. "Die Polizei wird in den Tagen vor und an Silvester natürlich mit zusätzlichen Kräften unterwegs sein", so Leuschner. Große Sorgen macht sich Leuschner jedoch nicht: "Es ist davon auszugehen, dass sich im Vergleich zum letzten Jahreswechsel keine signifikanten Änderungen ergeben. Auch im letzten Jahr bestand ein Verbot des Verkaufes von Feuerwerk. Hinzugekommen ist dieses Jahr lediglich eine Beschränkung des Zusammentreffens im öffentlichen Raum."

Alfred Klaner, Pressesprecher der Bundespolizei in Ebersbach, nimmt die Gefahr durchaus ernst. "Durch das Verkaufsverbot ist es möglich, dass Feuerwerk vermehrt im benachbarten Ausland oder im Internet gekauft wird", sagt er. Das Verbringen von illegalem Feuerwerk über die Grenze stelle in der Regel eine Straftat nach dem Sprengstoffgesetz dar. Die Bundespolizei werde wie in jedem Jahr im Rahmen ihrer Streifentätigkeit im Grenzgebiet auch auf Feuerwerk aus dem Ausland achten und vermehrt stichprobenartige Kontrollen durchführen. "In den vergangenen Jahren stiegen die Feststellungen von illegalem Feuerwerk im Dezember immer etwas an", schildert er seine Erfahrungen.

Jana-Cordelia Petzold, Sprecherin des Klinikums Oberlausitzer Bergland mit den beiden Häusern in Zittau und Ebersbach, fürchtet keine erhöhte Belastung. "Die Bevölkerung hat sich aus unserer Sicht trotz der schwierigen Umstände gut auf die besondere Lage und Situation eingestellt. Es gibt immer Ausnahmen, diese sollten wir auch immer mit einkalkulieren", sagt sie. Dennoch: "Jedes Jahr gibt es Verletzungen im Gesichtsbereich sowie an den oberen Extremitäten, die durch Fehlgebrauch oder durch nicht zugelassene Silvesterböller verursacht sind." Zahlen hat sie keine. Die aber kann ihre Kollegin Melanie Freiwerth vom Städtischen Klinikum Görlitz liefern. Demnach ist die Zahl der Notfälle in der Silvesternacht in den vorigen Jahren zurückgegangen. An Silvester 2018 seien dort 63 Patienten in der Notaufnahme behandelt worden, davon mussten 14 in die Unfallchirurgie. Am Neujahrstag kamen 69 Patienten in die Notaufnahme, darunter 25 unfallchirurgische Fälle. Bei wie vielen genau es sich um Verletzungen durch Feuerwerkskörper handelte, lässt sich nicht ermitteln, die Zahlen können auch andere Notfälle beinhalten. Zum Jahreswechsel 2020/21 kamen 60 Patienten in die Notaufnahme, zehn mussten in die Unfallchirurgie.