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Zittaus größter Bauunternehmer geht

Warum Osteg-Geschäftsführer Frank Scholze seinen Betrieb nach 30 Jahren verlässt - und sein Nachfolger jetzt 181 Vornamen lernen muss.

Führungs- und Generationswechsel bei der Osteg: Petra und Frank Scholze (r.) übergeben die Firmenleitung an Jan Wildenhain l.) und Marco Matthäi.
Führungs- und Generationswechsel bei der Osteg: Petra und Frank Scholze (r.) übergeben die Firmenleitung an Jan Wildenhain l.) und Marco Matthäi. © Matthias Weber/photoweber.de

Auf der Äußeren Weberstraße läuft's. Zufrieden stemmt Frank Scholze die Hände in die Hüften. Auf seine Leute kann sich Zittaus größter Bauunternehmer verlassen. Seine Leute aber auch auf ihn. Scholze ist auf die Baustelle gekommen, um zu fragen, ob irgendwo oder irgendwem gerade der Schuh drückt. Er ist hier zwar der Chef, aber er ist auch einer von ihnen: Bauingenieur, jahrelang selbst Bauleiter, einer, der jeden seiner 181 Mitarbeiter und Azubis mit Vornamen kennt - und der genau weiß, wovon er redet.

An diesem Nachmittag auf der Baustelle redet Frank Scholze vom Abschied. Nach 30 Jahren werden er und seine Frau Petra, Mitgesellschafterin und Prokuristin, die von ihnen mitgegründete Oberlausitzer Straßen-, Tief- und Erdbaugesellschaft, verlassen. 

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Er sei jetzt 64, sagt Frank Scholze, und seine Entscheidung habe ganz pragmatische Gründe. Nicht, dass er sich schon zu alt fühlen würde für den Job: "Aber es wird Zeit, dass wir jetzt hier mal die Jungen ranlassen". Nur noch wenige seien wie er und seine Frau von Anfang an dabei, sagt er. Nach und nach werde die ganze Mannschaft verjüngt.

"Die jungen Leute wollen ihre Maschinen heute per Computer steuern, die Firma muss sich aufs digitale Zeitalter einstellen", sagt der Oderwitzer. "Das ist wichtig, um dranzubleiben." Aber für einen wie ihn, der nicht mal E-Mails beantwortet, sei das nichts mehr. 

Besserwisser geben der Firma keine Chance

Dranbleiben musste Scholze immer. Seit drei Jahrzehnten. Seit jenem 1. Juli 1990, dem einzigen Tag, an dem es in den Wende-Wirren möglich war, dass ehemalige PGH-Mitglieder Gesellschafter einer GmbH werden konnten. An jenem Tag also gründeten 40 Mitarbeiter der Zittauer "PGH Steinsetzer und Straßenbauer" Hals über Kopf die Osteg. "Und du, Frank, machst den Geschäftsführer", haben sie beschlossen. 

Frank Scholze erzählt das schmunzelnd: "Ich war jung und unerfahren, aber sehr motiviert", sagt er und lacht: "Manche Besserwisser aus den Altbundesländern haben uns damals jegliche Chance in der Marktwirtschaft abgesprochen." Scholze, damals 34, hat die Besserwisser eines Besseren belehrt: Von acht damals gegründeten größeren Baufirmen hat es die Osteg als einzige geschafft. Im Sommer 1996 stehen 244 Mitarbeiter in Lohn und Brot.

Aber es kommen auch schwierige Zeiten: Ende der 1990er setzt das große Firmensterben am Bau ein. Auch der Osteg macht das finanziell zu schaffen. Scholze bietet auf öffentliche Ausschreibungen zu Preisen, bei denen nichts hängenbleibt, die zum Teil sogar unter den Kosten liegen - nur damit seine Leute weiter Arbeit haben. Und seine Leute honorieren das. "Es haben immer alle zur Stange gehalten, wenn es mal schwierig war, da ist keiner weggerannt", erzählt der Geschäftsführer.

Weiterdenken in schwierigen Zeiten

Und es kommen auch jetzt wieder schwierige Zeiten. "Die Hochwassermaßnahmen sind alle so gut wie fertig", erklärt Scholze, "und Breitband wird auch bald überall liegen." Da muss er sich nach neuer Arbeit für seine Leute umtun. Für die vielen Hochwasserprojekte hatte die Osteg extra Betonbauer für die Stützmauern gesucht. "Die Leute muss ich ja jetzt irgendwie weiterbeschäftigen, auch wenn keine Stützmauern mehr zu bauen sind."

Deswegen will die klassische Tiefbaufirma jetzt auch im Hochbau Fuß fassen. "Aber da mussten wir erst mal eine Ausschreibung gewinnen", erzählt Frank Scholze. Die Osteg hat gewonnen: Das erste große Hochbauprojekt ist der Bau der Weinau-Turnhalle in Zittau. "Da bin ich den Stadträten wirklich dankbar, dass sie uns da ihr Vertrauen gegeben haben", sagt Scholze.

"Wir müssen immer weiterdenken", ist sein Credo, "langfristig immer einen Schritt voraus sein." Wenn alle Mitarbeiter nach der Winterpause wieder einsteigen, braucht er 30 bis 35 Baustellen. "Die müssen im Frühjahr da sein", erklärt Scholze. Gerade baut die Osteg alleine in Zittau auf elf Baustellen, auf der Äußeren und der Inneren Weberstraße zum Beispiel, auf der Amalien- und der Bergstraße. Osteg-Mitarbeiter erschließen den Eigenheimstandort an der Peschekstraße und den Baugrund für Arnell im Weinau-Gewerbegebiet.

Auch das ist so ein Anspruch, den die Mitarbeiter honorieren: Frank Scholze schickt seine Leute nicht weit weg auf Montage. "Wir bauen regional", sagt er. Vielen seiner Mitarbeiter sei das wichtiger als der Verdienst.

Führungswechsel ist schon vollzogen

Und Scholze wäre nicht Scholze, hätte er nicht auch seinen Ausstieg schon weit vorausschauend geplant. "Vor drei Jahren hat er mich das erste Mal gefragt", erzählt Marco Matthäi. Seit 1. September ist der 39-Jährige neben Scholze gleichberechtigter Geschäftsführer. Matthäi hat bei der Osteg Tiefbauer gelernt, ist zum Studium gegangen und als Bauingenieur wiedergekommen.

Und auch die Nachfolge für Scholzes Frau Petra haben die beiden Eheleute und Geschäftspartner auf diese Weise geregelt: Jan Wildenhain, 38 Jahre alt und wie Petra Scholze Betriebswirt, ist seit dem 1. September gleichberechtigter Prokurist. Wildenhain hatte sich 2015 auf die Stelle als Lohnbuchhalter beworben. "Wir haben aber schnell gemerkt, dass er mehr kann", schmunzelt Petra Scholze.

Bis zum Jahresende wollen die Alten die Jungen jetzt noch "hilfreich begleiten", wie Frank Scholze das nennt, neumodisch würde man "coachen" sagen. "Wir lassen sie aber selber entscheiden über all die Dinge, die das neue Jahr betrifft", betont der Firmengründer. Eins braucht er ihnen nicht beizubringen, sagt sein Nachfolger Marco Matthäi: "Das A und O: Immer pünktlich und gute Arbeit abliefern! Das haben Scholzes uns die ganzen Jahre vorgelebt."

Nur eins muss Marco Matthäi bis zum Jahresende noch machen: Die Vornamen der 181 Mitarbeiter lernen.

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