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Zwei Bomben in zwei Tagen

Aufatmen nach zweiter Bombenentschärfung in zwei Tagen in Dresden: Hunderte Bewohner können in ihre Wohnungen zurückkehren, nachdem eine weitere Fünf-Zentner-Bombe unschädlich gemacht wurde.

© Jörn Haufe

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Eigentlich haben die Polizisten einen Spaß gemacht, als sie am Freitagmorgen gegen 7 Uhr Thermoskannen im Dresdner Backhaus abgeben. Die hatten sie noch vom Abend zuvor dabei, als sie dort im Einsatz waren. Vom Backhaus in der Huttenstraße hat man einen guten Blick auf die Bomben-Baustelle in der Augsburger Straße Nummer 7. „Wir kommen dann später wieder“, sagen die Polizisten zur Bäckerin – und nur aus Spaß.

Neuer Bombenfund am Freitag

Keine zwei Stunden später wird aus dem Spaß bitterer Ernst. Um 8.40 Uhr hat Baggerfahrer André Nitzsche schon wieder eine Bombe ausgegraben. Ist er ein Glückspilz oder ein Pechvogel? Nitzsche zittert noch ein bisschen, als gegen 9 Uhr die ersten Polizisten eintreffen, um die Augsburger wie am Donnerstag zu sperren. Die zweite Bombe am zweiten Tag der Erdarbeiten – es sind nicht einmal 24 Stunden vergangen. Der Blindgänger steckte gerade fünf Meter neben dem Ersten. Es ist wieder eine fünf Zentner schwere britische Fliegerbombe. Sie ist scharf, hat aber zwei Zünder, wird Sprengmeister Thomas Lange später sagen.

Der Baggerfahrer hat genug. „Das war noch Mal ein Schock, auch wenn ich jetzt schon fast von einer Gewohnheit reden kann“, sagt der 40-Jährige und zündet sich eine Zigarette an. Als er seiner Schwester davon am Telefon erzählt, kommt die sofort herbeigeeilt. „Ich hab Dir doch gesagt, Du sollst nicht noch einmal so ein Ding auf die Schaufel nehmen“, sagt Brit Kotte mit gespieltem Ernst. „Es wäre besser, wenn Du die Baustelle wechselst.“ Sie ist froh, dass ihrem Bruder erneut nichts passiert ist. Nitzsche sagt, vielleicht solle er nun auch Lotto spielen, bei seinem Glück.

Was dann kommt, ist das komplette Programm vom Vortag. Das gefährdete Gebiet samt der etwa 1 800 betroffenen Menschen. Mittags läuft die Evakuierung an. Anwohner werden informiert – es gibt Lautsprecherdurchsagen der Polizei und über die Sirenen der Feuerwehr. Die Wiederholung des Ausnahmezustands trifft alle, die im Umkreis von 300 Metern wohnen oder arbeiten. Sie sind inzwischen geübt.

Um halb drei ist der Ofen aus

Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller vom Dresdner Backhaus versucht die Situation gelassen zu sehen. „Aus Spaß“ hatte sie sich am Morgen Ohrringe mit einem Weihnachtsmann auf einer Rakete angesteckt, nicht ahnend, dass sie wenige Stunden später ihren Betrieb wieder räumen muss. Ein Schock. 10.000 Brötchen, 1.000 Brote und knapp 2.000 Stück Kuchen werden dort jeden Tag hergestellt, dazu unzählige Stollen. „Ausgerechnet in den wichtigsten zwei Wochen des Jahres passiert hier so etwas zwei Mal hintereinander“, sagt die 46-Jährige. Um halb drei schaltet sie ihre Öfen ab.

Markus Nikulski vom Roten Kreuz war schon am Donnerstag für den Einsatz der Helfer in der Notunterkunft im Martin-Andersen-Nexö-Gymnasium verantwortlich. Dass der Ehrenamtliche heute wieder in der Schulturnhalle die gerade weggeräumten Feldbetten aufstellen muss, ahnte der 24-Jährige nicht. Der Einsatz ist die dritte Evakuierung wegen einer Bombe in diesem Jahr für ihn. Die Notunterkunft am Pohlandplatz gibt es heute nicht. Zu wenige waren am Donnerstagabend gekommen. Es ist ein Kraftakt innerhalb von 24 Stunden noch einmal alle Freiwilligen zu mobilisieren, dazu ausgebildete Ärzte und Pfleger, die den vielen Älteren in der Ausnahmesituation beistehen.

Menschen wie Gertraude Merkel aus der Löscherstraße. Die 88-Jährige ist dringend auf Hilfe angewiesen, weil sie nicht mehr ohne Hilfe laufen kann. In der Notunterkunft wartet sie auf ihre Nachbarn. Als 1945 die Bomben fielen, versteckte sie sich im Keller des elterlichen Hauses auf der benachbarten Holbeinstraße. Durch das Fenster der Halle sieht sie jetzt den Hauseingang. „Ich hatte damals viel Glück, sonst wäre ich wohl auch umgekommen.“ Ihre Nachbarin Eva Feldmann bleibt indes nicht ganz so gelassen. „Wenn die jetzt nächste Woche wieder eine Bombe finden, komme ich nicht noch mal her“, schimpft die 85-Jährige. „Schon diesmal wollte ich gar nicht reagieren, aber die Polizei hat so lange geklingelt, bis ich doch gegangen bin.“

Pech haben die Schüler der privaten IBB Schule. In der Ganztagsschule sollte der am Donnerstag ausgefallene Weihnachtsmarkt stattfinden. Jetzt organisieren die Lehrer, dass die Grundschüler mittags abgeholt werden. „Unser Essen spenden wir der Dresdner Tafel“, sagt Geschäftsführerin Dagmar Mager.

Evakuierung dauert länger

Die Evakuierung des betroffenen Gebietes dauert trotz der Erfahrung vom Vortag aber weit länger. Etwa 300 Polizisten und rund 60 Männer von der Freiwilligen Feuerwehr sind auf den Beinen. Für Lange ist es inzwischen die 308. Bombe, die er jetzt entschärfen muss. Der zweite Fund hatte selbst ihn überrascht. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell wieder hier sein würde“, sagt er.

Aber erst nach 18.30 Uhr kann er anfangen. Nun ist es gespenstisch still an der Augsburger Straße. Der Wind pfeift und es ist deutlich kälter als bei Bombe Nummer 307. Obwohl Lange heute zwei Zünder aus dem Blindgänger ziehen muss, ist er schon nach nur einer Dreiviertelstunde fertig – um 19.18 Uhr gibt er Entwarnung. „Die Bombe war nicht scharf, weil der Zünder nicht entsichert war“, sagt er. Das konnte er aber erst sehen, als die beiden Zünder draußen waren.