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Kinderarzt-Mangel in Altenberg

Die Altenberger hätten gern kürzere Wege zum Arzt. Doch die Zahl der Zulassungen hängt an der Zahl der Einwohner- egal, wie schwer sich die Praxis erreichen lässt.

Hausärztin Maika Jorgel in ihrer Praxis in Geising.
Hausärztin Maika Jorgel in ihrer Praxis in Geising. © Egbert Kamprath

Als Maika Jorgel vor drei Jahren in Geising nach Räumen für ihre Hausarztpraxis suchte, bekam sie viel Hilfe: "Auch der Altenberger Bürgermeister Thomas Kirsten hatte sich da mit reingekniet", erinnert sie sich. Letztlich fand sie am Bahnhofsplatz den passenden Standort. Seit dem hat nicht nur Geising, sondern ganz Altenberg mit all seinen Ortsteilen von Liebenau bis Hermsdorf eine neue Praxis - eine von fünf in Altenberg, Lauenstein und eben Geising. 

Dass Jorgel auch noch Kinder ab der U3 aufnimmt, also ab der Vorsorgeuntersuchung für vier Wochen alte Babys, ist ein Hauptgewinn für die Region: "Ich bin zwar niedergelassene Hausärztin, aber ich habe auch Berufserfahrung aus einer Kinderarztpraxis", sagt sie. 

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Wege bis Dippoldiswalde und Glashütte

Die nächste "richtige" Kinderarztpraxis liegt 21 Kilometer oder auch 30 Autominuten von Altenberg entfernt in Dippoldiswalde. In der großen Familienkompass-Umfrage, die die Sächsische Zeitung zusammen mit der Freien Presse und der Leipziger Volkszeitung im Frühjahr 2020 unter mehr als 14.000 Eltern in ganz Sachsen durchgeführt hat, gaben die Altenberger ihrer Stadt mitsamt aller zugehörigen Ortsteile die Note 2,9. 

Der sachsenweite Durchschnitt liegt bei 2,8. Zwei Themenkomplexe ziehen in Altenberg den Durchschnitt nach unten: "Familienpolitik", die die Altenberger mit 3,2 statt der sachsendurchschnittlichen 2,6 bewerten. Und "Gesundheit", der sie eine 3,5 statt der durchschnittlichen 3 geben.  

Altenberger Zentrum ist die Randlage

Bei "Gesundheit" wiederum ist es der Mangel an Kinderärzten, der sich in der 3,6 widerspiegelt: 62 Prozent der Altenberger empfinden die Versorgungslage als schlecht - und damit einhergehend natürlich auch die Erreichbarkeit. Maika Jorgel suchte sich ihre Praxisräume zwar mit Bedacht am Geisinger Bahnhof und in unmittelbarer Nachbarschaft der Bushaltestelle. Doch an dieser Stelle fällt eine dritte Kategorie als unterdurchschnittlich bewertet ins Auge: Im sächsischen Durchschnitt liegt die "Gute ÖPNV-Anbindung" bei einer 2,2. Doch ein Drittel der Altenberger sieht die Erreichbarkeit ihrer Ortsteile mit Bus und Bahn sehr viel kritischer und vergab nur eine 3.   

Auch andere grenznahe Gebiete wie das Zittauer Gebirge kennen dieses Problem eines Zentrums in Randlage: ein ganzer Halbkreis fehlt. Wo andere sich bei der Suche nach Fachärzten in alle Himmelsrichtungen orientieren können, bleibt den Altenbergern nur der Norden gen Glashütte und Dippoldiswalde. Entsprechend lang werden ihre Wege. 

Unbesetzte Hausarztstellen im Weißeritzkreis

Die Krankenkassenärztliche Vereinigung (KV) wiederum weist Stellen für Praxisniederlassungen nicht danach aus, wie lang und umständlich es für die Einwohner ist, um hinzukommen. Sie geht nach der Einwohnerzahl. Der Schlüssel für Fachärzte gilt für den ganzen ehemaligen Weißeritzkreis - und so wird die Altenberger Region auch dann als offiziell gut versorgt eingestuft, wenn beispielsweise die nächste Frauenarztpraxis im 17 Kilometer entfernten Glashütte liegt. 

Dennoch liegen die Altenberger nicht nur subjektiv richtig mit ihrer Meinung, zu wenig Haus- und Kinderärzte vor Ort zu haben: Es ist tatsächlich so, dass die KV in der entsprechenden Bedarfsplanung noch Luft für 5,5 Praxiszulassungen für Hausärzte im Großraum Dippoldiswalde und Altenberg sieht, und immerhin auch eine halbe Zulassung für Kinderärzte. 

Viele Kinderärzte in Pirna

Besonders im Vergleich zum ehemaligen Nachbarkreis Sächsische Schweiz fällt dieser Mangel ins Auge: Dort gibt es bei etwa 130.000 Einwohnern 13 Kinderärzte - fünf davon allein in Pirna. Im alten Weißeritzkreis zählt die KV dagegen für rund 120.000 Einwohner nur 7,5 Ärzte. "Da ist die Bedarfsplanung eindeutig nicht richtig angepasst", meint Jorgel. Eine Lösung fände sie, wenn die KV nachsteuert und beispielsweise, wenn Zulassungen frei werden, Praxen aus dem Raum Sächsische Schweiz in den Weißeritzkreis verlegen würde. 

"Hier fangen die Hausärzte die fehlenden Kinderärzte auf", sagt sie über die Situation in Altenberg. "Doch mit jedem Patienten, den wir aufnehmen, müssen wie auch für eine qualitative Umsetzung sorgen." Damit meint sie nicht die fachliche Kompetenz, sondern die schnelle Behandlung: "Kein Patient ist glücklich, wenn er monatelang auf Termine oder stundenlang im Wartezimmer warten muss." Sie selbst nimmt noch Kinder im Babyalter auf und Familienmitglieder von Patienten, die sie bereits behandelt, "aber für eine zugezogene Familie hätte ich beispielsweise nicht mehr genügend Kapazitäten." 

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