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Die Glücklichen vom Tharandter Wald

In der Forststadt geht es nicht nur um die Bäume. Tharandt ist auch die familienfreundlichste Kommune Sachsens. Was macht die Menschen dort so glücklich?

Schick: Das Tharandter Stadtzentrum von der Burg aus gesehen. Nach der Flutkatastrophe 2002 wurde der Ortskern runderneuert.
Schick: Das Tharandter Stadtzentrum von der Burg aus gesehen. Nach der Flutkatastrophe 2002 wurde der Ortskern runderneuert. © Norbert Millauer

Tobi und Flo verteilen Futter. Eine Möhre für Möhrchen. Und eine für Knuddel. Die zwei Kaninchen haben immer Lust auf was zu knabbern. Sie wären noch fröhlicher, wenn sie wüssten, dass sie selbst nicht aufgegessen werden, im Gegensatz zu den anderen sechs Stallbewohnern. Vor dem Schlachten gibt es immer heiße Diskussionen, erzählt Papa Richard. Wenn es nach den Jungs ginge, würde nie ein Hase im Kochtopf landen. Doch irgendwann ist es eben soweit. Die Kinder kennen das auch nicht anders. „Dadurch geht es.“ Tharandt. Hier findet man die Hasenställe, den Garten und das Wohnhaus von Florian, Tobias, Cindy und Richard Georgi. 

Tharandt hat fünfeinhalb Tausend Einwohner – und Weltgeltung, wegen Heinrich Cotta, der hier die moderne Forstwirtschaft begründete und die Nachhaltigkeit in den Wald brachte. Jetzt erhält die Forststadt einen weiteren Titel: familienfreundlichste Kommune Sachsens. Die große Wohlfühl-Umfrage von Sächsischer Zeitung, Freier Presse und Leipziger Volkszeitung hat Tharandt, flankiert von der benachbarten Stuhlbauerstadt Rabenau, die Gesamtnote 2,38 eingebracht, und damit den ersten Platz.

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Suche nach dem Kita-Platz führt zum Umzug

Mit Tharandt kriegt man sieben auf einen Streich. Sechs Ortsteile liegen auf den Höhen. Nur die Kernstadt kriecht in den Schluchten herum, entlang des Schloitzbaches und der Wilden Weißeritz. In Tharandt, so scherzen vor allem die Hochlandbewohner, braucht man ein kurzes und ein langes Bein. Und Toleranz gegen Lichtmangel. Die Georgis haben Glück: großes ebenes Grundstück und freier Himmel Richtung Süden. „Hier gibt es fast den ganzen Tag Sonne“, sagt Richard.

Wohlfühlort: Cindy, Richard, Florian (l.) und Tobias Georgi stehen in ihrem Tharandter Garten vor dem alten Ginkgobaum.
Wohlfühlort: Cindy, Richard, Florian (l.) und Tobias Georgi stehen in ihrem Tharandter Garten vor dem alten Ginkgobaum. © Daniel Schäfer

Richard Georgi ist gewissermaßen ein Cotta-Erbe. In Tharandt hat er Forstwissenschaften studiert. Hergezogen ist er aber erst nach dem Abschluss. Das war vor zehn Jahren. Zuvor hatte er mit seiner Frau Cindy, einer Hydrologin, in Dresden gelebt. Anlass zum Umzug war die Suche nach einem Kita-Platz. Zwar fand sich einer in Dresden. Doch mit der Einrichtung wurden die Eltern nicht recht warm. So rückte Tharandt in den Blickpunkt, Richards Studien- und damals bereits Arbeitsstätte. Die Zusage aus der Kita kam prompt, und die Chemie stimmte auch, sagt Cindy. „Wir haben uns sofort heimisch gefühlt.“

Neuer Kindergarten startet noch dieses Jahr

Erfüllte Kitaplatzwünsche, lange Öffnungszeiten, Anzahl und Engagement der Erzieher, gesunde Ernährung – bei der Kinderbetreuung schneidet Tharandt an vielen Stellen sehr gut ab. Vor acht Jahren baute die Kommune einen neuen großen Kindergarten in die Mitte des Ortsteils Kurort Hartha mit über hundert Plätzen. Noch dieses Jahr wird in Tharandt eine weitere Kita eröffnet, die zweite in der Kernstadt.

Kein bisschen zu früh, denn die vorhandenen Häuser und Tagesmütter sind praktisch ausgebucht. Tharandt wächst. Zuzug gibt es laut Statistik vor allem der Bildung wegen, was an der TU-Fachrichtung Forstwissenschaften und ihren achthundert Studenten liegen dürfte, und durch Familien mit Kindern. 2018 kamen fast zwanzig Familien neu nach Tharandt. „Wir merken es an den Bauanfragen“, sagt Richard Georgi, der seit vorigem Jahr Stadtrat ist. Die Kapazitäten auf den Zuwachs einzustellen sei jetzt die Herausforderung für Tharandt.

Glücklich am Wald: Anna und Martin Schindler sitzen mit Paul (l.), Luisa und Nils im Wohnzimmer ihres Eigenheims in Kurort Hartha.
Glücklich am Wald: Anna und Martin Schindler sitzen mit Paul (l.), Luisa und Nils im Wohnzimmer ihres Eigenheims in Kurort Hartha. © Daniel Schäfer

Tharandt zieht an. Im Mittelalter ging es los, mit der Meißnischen Grenzburg auf dem Felssporn über der Weißeritz. In ihrem Schutz begann die Siedlung zu wachsen. Dann kam Cotta. Tharandt wurde Wissenschaftsstadt und Badeort und Sanatorium. Goethe war hier, Schiller auch, dann die Romantiker, die Dichter, die Maler. Immer ging es ihnen um das Eine: die Natur.

Und so ist es für viele bis heute. Auch für die Georgis. Wenn der Hausgarten mal zu klein wird, geht es raus in den Forstbotanischen Garten oder in den Tharandter Wald. Wenn kein Fleisch mehr in der Tiefkühltruhe lieg, steigt Jäger Georgi auf den Hochsitz. Wenn der Kamin neues Futter braucht, wird zwei Tage lang Holz gehackt, das direkt vor der Haustür gewachsen ist. „Ein Stück gelebte Nachhaltigkeit“, nennt das der Wahl-Tharandter.

Heimvorteil im Wettlauf um die Pilze

Naturnähe und Ruhe werden auch in den Ortsteilen hoch geschätzt. Etwa von den Schindlers in Kurort Hartha. 2016 ist die Familie, die einige Zeit in Freital wohnte, ins Eigenheim am Hartheberg gezogen. Es gibt nichts Schöneres, sagt Anna Schindler, als morgens die Vorhänge aufzuziehen, ins Grüne zu gucken und die Vögel zwitschern zu hören. Die Großstadt braucht sie allenfalls zum Bummeln. Dagegen kommen die Dresdner öfters hier raus und stellen den Wald mit ihren Autos zu. „Die wollen unsere Pilze klauen“, lacht Anna. Aber die Schindlers sind schneller. „Wir schnappen bloß den Korb und los geht’s.“

Mädchen - und Jungs - für alles und alle: Matthias Kittel, Bettina Weber und Vicki Füchtner (v.l.) vor ihrem Mehrgenerationenhaus Kuppelhalle.
Mädchen - und Jungs - für alles und alle: Matthias Kittel, Bettina Weber und Vicki Füchtner (v.l.) vor ihrem Mehrgenerationenhaus Kuppelhalle. © Norbert Millauer

Mit der S-Bahn erreichen die Tharandter Dresdens Prager Straße in knapp zwanzig Minuten. Mit dem Regionalexpress sind es sogar nur zwölf. Viele nutzen das. Der Parkplatz am Bahnhof Tharandt wird jetzt ausgebaut. Wie oft fahren Georgis in die große Stadt? Da müssen sie scharf nachdenken. Vielleicht zweimal im Jahr? Wenn überhaupt. Tharandt hat ja alles, was man braucht: Ärzte, Läden, einen Supermarkt, sogar eine von inhabergeführte Buchhandlung. Und Schulen. Die Schindler-Kinder können zu Fuß hingehen, die Georgis auch. Sogar zum Gymnasium, das mal die Mittelschule von Tharandt war. Es wird vom Christlichen Schulverein betrieben und ist weit über die Stadtgrenzen hinaus populär.

Mittelschule verloren, Gymnasium gewonnen

Als der Freistaat die Mittelschule dichtmachte, hat Tharandt dem Schulverein fast eine halbe Million Euro Starthilfe geleistet und so verhindert, dass der riesige Bau mitten im Ort ein Geisterhaus wurde. Die Investition zahlt sich aus, sagt Silvio Ziesemer, Tharandts parteiloser Bürgermeister. Seine Tochter geht gern ins Evangelische Gymnasium. Er selbst ist bei den Arbeitseinsätzen der Eltern dabei. „Dort entsteht ein toller Zusammenhalt“, sagt er. „Fantastisch.“

Tharandt ist wie die meisten Kommunen von chronischem Geldmangel geplagt. Viele Gewerbe, an die vierhundert, gibt es. Aber keine Großsteuerzahler. Die Vereine, es sind um die fünfzig, werden gefördert, so gut es eben geht. Zum Beispiel die Kuppelhalle, das Mehrgenerationenhaus, eingerichtet im alten Tharandter Wannenbad. Die Kuha macht Angebote für alle Altersgruppen, speziell auch für Kinder und Familien. Tobias Georgi spielt hier Schach, Paul Schindler Klavier. Hier findet man Anschluss und Hilfe. Netzwerke bilden sich. Das, so sagt die Kuha-Sozialpädagogin Vicki Füchtner, trägt zum Gemeinschaftsgefühl in der Stadt bei. „Ich lebe gern hier.“

"Keine Pizza-Mentalität." Tharandts Bürgermeister Silvio Ziesemer ist stolz darauf, dass die Einwohner statt abzuwarten selbst mit anpacken.
"Keine Pizza-Mentalität." Tharandts Bürgermeister Silvio Ziesemer ist stolz darauf, dass die Einwohner statt abzuwarten selbst mit anpacken. © Andreas Weihs

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