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„Ein Bismarck-Denkmal richtet sich gegen die Sorben“

Gegen Bautzens Pläne, ein Bismarck-Denkmal wiederaufzubauen, gibt es Widerstand. Warum ein Historiker des Sorbischen Instituts das so kritisch sieht.

Von Theresa Hellwig
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Friedrich Pollack arbeitet am Sorbischen Institut in Bautzen. Die Pläne der Stadt, das Bismarck-Denkmal auf dem Czorneboh wieder zu errichten, kritisiert er scharf.
Friedrich Pollack arbeitet am Sorbischen Institut in Bautzen. Die Pläne der Stadt, das Bismarck-Denkmal auf dem Czorneboh wieder zu errichten, kritisiert er scharf. © René Meinig

Bautzen. Die Debatte im Hauptausschuss des Bautzener Stadtrates verlief ruhig. Hochgekocht ist sie erst später - als die Entscheidung längst gefallen war: Der AfD-nahe Verein „Bautzener Liedertafel“ darf das Denkmal des ehemaligen Reichskanzlers Otto von Bismarck auf dem Czorneboh wieder aufbauen und der Stadt schenken. Vor allem vonseiten der Sorben gab es Kritik. Warum genau, erklärt Friedrich Pollack, Historiker und Leiter der Abteilung Kulturwissenschaften am Sorbischen Institut, im Gespräch mit Sächsische.de.

Was haben Sie empfunden, als Sie gehört haben, dass Bautzen das Bismarck-Denkmal wieder aufbauen will?

Ich war wirklich fassungslos. Ich hätte nicht gedacht, dass sowas im Jahr 2021 nochmal passiert. Es gab in der Vergangenheit woanders Versuche, eingerissene Bismarck-Denkmale wieder aufzubauen. In Freiberg hatten wir so eine Debatte zum Beispiel in den 1990er-Jahren. Jetzt sind wir aber 30 Jahre weiter. Das ganze Land guckt kritisch auf historische Denkmäler und prüft, ob sie stehenbleiben können oder ob man sie kontextualisieren muss. Ob Straßen umbenannt werden müssen und so weiter. Bautzen tut, als hätte es diese Debatten nicht gegeben.

Wieso steht Bismarck so sehr in der Kritik?

Bismarck war preußischer Ministerpräsident und Kanzler des Deutschen Reiches, ab 1871. Er war die zentrale Figur in der preußischen Innen- und Außenpolitik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er ist für einige Kriege verantwortlich, zum Beispiel die deutschen Einigungskriege. Sein sozialpolitisches Handeln ist unter dem Stichwort „Zuckerbrot und Peitsche“ bekannt. Er gab den Arbeitern das Zuckerbrot der Sozialversicherung, hielt aber in der anderen Hand die Peitsche – die Sozialistengesetze. Er verbot die Verbände der Sozialdemokraten und ihre Arbeiterbewegung.

Bismarck ist auch bekannt für seine Politik getreu dem Motto „Blut und Eisen“. Er meinte, dass Entscheidungen nicht durch parlamentarische Mehrheitsbeschlüsse herbeigeführt werden - sondern militärisch. Was das Parlament entscheide, interessiere ihn nicht.

Warum ist das Denkmal vor allem in Bautzen ein Problem?

So ein Bismarck-Denkmal in Bautzen würde sich gegen die Sorben richten. Die Stadt bekennt sich in ihrer Hauptsatzung zum jahrhundertelangen Miteinander von Deutschen und Sorben. Und zwar gleich im ersten Paragraphen. Das widerspricht sich vollkommen mit dem Ansatz, ein Bismarck-Denkmal aufzubauen. Wir wissen doch um seine Minderheitenpolitik.

Wie sah die aus?

Die preußischen Behörden setzten insbesondere seit der Reichsgründung 1871 alle Hebel in Bewegung, um eine Assimilierung der Sorben voranzutreiben und ihre Kultur zu unterdrücken. Das passierte insbesondere im Schulwesen. Sorbischer Sprachunterricht und auch generell Schulunterricht in sorbischer Sprache wurden abgeschafft. Es sind bewusst nur deutschsprachige Lehrer an sorbischen Schulen eingesetzt worden.

Ein Denkmal des ehemaligen Reichskanzlers stand einst auf dem Czorneboh - und soll nach einem Beschluss des Hauptausschusses des Bautzener Stadtrates dort auch wieder stehen.
Ein Denkmal des ehemaligen Reichskanzlers stand einst auf dem Czorneboh - und soll nach einem Beschluss des Hauptausschusses des Bautzener Stadtrates dort auch wieder stehen. © SZ/Uwe Soeder, privat

Betraf die Unterdrückung der Sorben unter Bismarck nur die Schulen?

Nein. Man muss das ganze deutsch-national-patriotische Klima in der Zeit sehen. Darin gedieh der antislawische Chauvinismus, den die Sorben dann auszuhalten hatten. Das hat ihre Assimilation in der Zeit beschleunigt; Sorbisch war als rückständisch verschrien. Die Sorben waren vielen Anfeindungen ausgesetzt.

Sie sagen, das Denkmal könnte sich zum Anlaufpunkt für Rechtsextreme und Reichsbürger entwickeln.

Dass so ein heroisierendes Feldherrendenkmal nicht nur Geschichtsinteressierte und Wanderfreunde anzieht, halte ich für eine reale Gefahr. Und wenn ich mir ansehe, aus welcher Richtung in Bautzen die Initiative kam, darf ich mich nicht wundern, wenn hinterher genau das passiert.

Sie zielen auf den AfD-nahen Verein Bautzener Liedertafel ab, der das Ganze initiiert hat?

Genau. Es hat mich schon sehr gewundert, dass eine Initiative, die von einem AfD-nahen Verein ausgeht, in der Stadt nicht weiter hinterfragt wird. Der Verein äußert sich bislang auch gar nicht zu seinen Motiven – worum es denen bei dem Denkmal genau geht. Das halte ich für dubios. Ich hätte mir gewünscht, dass da die Alarmglocken läuten und jemand mal nachfragt. Mich wundert generell, dass das so schnell abgehandelt wurde und in den Hauptausschuss beispielsweise keine Fachleute eingeladen wurden, um darüber zu informieren.

Bismarck-Steine, -Eichen, -Türme und -Denkmale gibt es überall. Er stünde nicht nur in Bautzen auf dem Sockel.

Nach seinem Tod sind viele Bismarck-Denkmale gebaut worden, das stimmt. Das hängt mit dem Kult zusammen, der damals um ihn getrieben wurde. Aus seiner Zeit heraus kann man diesen Hype erklären. Nach Bismarck geriet Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. außenpolitisch in Bedrängnis, die ersten Krisen deuteten sich an, das Bündnissystem funktionierte nicht mehr. Man erinnerte sich an die gute alte Zeit. Wenn Denkmäler heute noch so stehen, dann kann man die so einordnen.

Es folgt ein großes Aber?

Man muss da ganz deutlich unterscheiden zwischen Geschichte – also Vergangenem – und der Erinnerungs- und Gedenkkultur, also dem, was wir heute daraus machen. Wenn wir ein Denkmal neu aufbauen, ist das etwas völlig Anderes. Damit holen wir die Geschichte in die Gegenwart. Wir sagen damit: Wir wollen uns heute ein Vorbild an Bismarck nehmen. Und das kann nicht sein.

Gibt es aus Ihrer Sicht eine angemessene Möglichkeit, das Denkmal wieder aufzustellen? Es gibt im Stadtrat den Vorschlag, eine Tafel anzubringen und über die Kritikpunkte aufzuklären.

Das ist mir schleierhaft. Ein Bismarck-Denkmal bleibt ein Bismarck-Denkmal. In dem Beschluss ist die Rede von einem Denkmal nach historischem Vorbild. Das alte war fast drei Meter groß und anderthalb Tonnen schwer. Bismarck thronte auf dem Sockel. Mit Pickelhaube und Eisernem Kreuz. So ein Personenkult ist doch völlig aus der Zeit gefallen. Eine Texttafel ist ja deutlich kleiner. Sie könnte das niemals angemessen aufarbeiten und ins Verhältnis setzen.

Wenn man ein Denkmal auf dem Czorneboh will, sollte man zunächst einmal klären, woran genau man hier eigentlich erinnern möchte. Warum greift man dann nicht die Symbolik des verwaisten Sockels auf und macht auf die Brüche und Narben der Geschichte aufmerksam? Aber diese Debatte wurde leider bislang versäumt.