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Die Neuen am Theater: Wo sie herkommen, was sie antreibt

Frank Schilcher und Niklas Krajewski vervollständigen das Bautzener Ensemble. Sie gehören zwei Generation an und haben ganz unterschiedliche Biografien.

Von Miriam Schönbach
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Frank Schilcher (l.) und Niklas Krajewski gehören seit Beginn der neuen Theater-Spielzeit zum Bautzener Ensemble. Zu erleben sind sie derzeit unter anderem im Kinderstück „Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“.
Frank Schilcher (l.) und Niklas Krajewski gehören seit Beginn der neuen Theater-Spielzeit zum Bautzener Ensemble. Zu erleben sind sie derzeit unter anderem im Kinderstück „Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Eine Stunde ist noch Zeit bis zur nächsten Probe. Für Niklas Krajewski und Frank Schilcher laufen die Vorbereitungen für den Bautzener Bühnenball. Am Vormittag haben sie im Applaus des jungen Publikums bei „Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ gebadet. Nach einer kurzen Pause sind sie nun schon wieder zurück im Haus.

Mit dem Rhythmus aus Vorstellungen, Proben und Textlernen ist für die Schauspieler am Bautzener Theater nach der Corona-Pause fast der Alltag zurückgekehrt. „Trotzdem sind wir noch nicht ganz im Normalbetrieb. Wir bringen jetzt viele der vorproduzierten Inszenierungen heraus, bevor es mit neuen Stücken losgeht“, sagt Niklas Krajewski.

Der 25-jährige Schauspieler und sein Kollege sind die Neuen im Bautzener Schauspiel-Ensemble. Zwei Generation sitzen sich beim Gespräch gegenüber, zwei ganz unterschiedliche Biografien sowieso. Für Frank Schilcher ist das Bautzener Theater kein Neuland. Als Choreograf hat der Leipziger bereits in mehreren Produktionen hier seine Spuren hinterlassen. Seine künstlerischen Anfänge liegen allerdings in Ballettsaal. „Wobei“, sagt er, „eigentlich wurde ich schon auf dem Maskenbildner-Tisch gewickelt. Theater war und ist mein Zuhause“.

Gegen den eigenen Willen zur Ballettschule geschickt

Der Maskenbildner-Tisch steht seinerzeit – Anfang der 1970er-Jahre – im Viersparten-Theater in Plauen. Schon der Vater ist Schauspieler, die Mutter sorgt dafür, dass sich die Darsteller auch rein äußerlich in ihre Rollen verwandeln können. Mit drei Jahren steht Frank Schilcher erstmals im „Kaukasischen Kreidekreis“ im Rampenlicht.

Fortan verbringt er jede freie Minute auf den Hinterbühnen und lässt sich vom Zauber des Theaters einfangen. Vom Kinderballett wird er als Jugendlicher zur Ballettschule in Leipzig delegiert, obwohl er eigentlich Schauspieler werden will.

Weil für seine künstlerische Laufbahn „über seinen Kopf entschieden wird“, macht Frank Schilcher absichtlich Schwierigkeiten bei der Ausbildung in Leipzig. Nach dem Rauswurf führt ihn sein Weg zur Staatlichen Ballettschule in Berlin. Er träumt davon, nach dem Abschluss dort an die Schauspielschule „Ernst Busch“ zu wechseln. Der Zuständige fragt ihn, was er sich einbilde, zwei Studienplätze in Anspruch zu nehmen. „Ich habe 25 Jahre gewartet. Jetzt bin ich am Ziel“, sagt der 54-Jährige.

Im Stück "Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete" ist Niklas Krajewski als Kasperl (mit roter Mütze) zu erleben, während Frank Schilcher den Wachtmeister Dimpflmoser (l.) spielt.
Im Stück "Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete" ist Niklas Krajewski als Kasperl (mit roter Mütze) zu erleben, während Frank Schilcher den Wachtmeister Dimpflmoser (l.) spielt. © Miroslaw Nowotny

Für Niklas Krajewski sind diese Erzählungen spannende Einblicke in ein Kollegenleben aus einer anderen Zeit. Der gebürtige Hamburger macht sich mit 14 Jahren auf den Weg zur Bühne. „Ich hatte viele Interessen: Weltliteratur, Musik und Film“, sagt der Schauspieler.

Noch als Schüler bewirbt er sich bei einer freien Schauspielgruppe in seiner Heimatstadt, die eine Inszenierung pro Jahr herausbringen. Auf der Bühne findet er diese Welt, die er als Ventil für seine Interessen benötigt.

Als Niklas Krajewski nach dem Abitur 2016 seine Schauspielausbildung an der Theaterakademie Vorpommern beginnt, hat Frank Schilcher seinen Tanz- und Choreografie-Job an den Nagel gehängt. „Ich wusste, mit 40 Jahren ist Schluss als Tänzer. Das ist Hochleistungssport“, sagt der Schauspieler. Während er noch am Opernhaus in Halle eine Tanzpremiere vorbereitet, lernt er nebenbei den Text für eine Inszenierung im Thalia-Theater an der Saale. Aus dem ersten Berufsleben bringt er Rhythmus, Timing und Gefühl mit. Zusätzlich nimmt er Sprecherziehung und studiert erste Rollen.

Nach vier Probentagen als Tempelherr auf der Bühne

Dieses Handwerkszeug bekommt Niklas Krajewski bei seinem Schauspielstudium an der Ostsee. Nach dessen Ende erhält er am Theater in Greifswald sein erstes festes Engagement. Nach einem Intendantenwechsel dort ist er nun glücklich, dass er in das Bautzener Ensemble aufgenommen wurde. Frank Schilcher dagegen erhielt als häufiger Gast im Haus von der Dramaturgin eine Mail, ob er nicht einen Schauspieler zwischen 40 und 60 Jahren kennen würde, der gern zum Vorsprechen an die Spree kommen möchte. Da hat er mal sein Interesse angemeldet.

Für Niklas Krajewski war das Bautzener Debüt ein Sprung ins kalte Wasser. „Wir hatten vier Probentage für den Nathan“, sagt er. Die Herausforderung hat er gern angenommen, als überzeugter Eisbader weiß er, dass nach dem kalten Wasser-Schock das Glücksgefühl kommt. Der Schauspieler hat die Rolle eines Tempelherren in dem bereits produzierten Lessing-Stück übernommen. Im Räuber Hotzenplotz ist er Kasperl, während Frank Schilcher als Wachtmeister Dimpflmoser zu erleben ist. Auch in der Inszenierung „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ stehen die beide Neulinge zusammen auf der Bühne.

„Provinz muss nicht provinziell sein. Es liegt an uns, was wir hereingeben“, sagt Niklas Krajewski. Als Büchner-Fan sieht er sich irgendwann zum Beispiel in „Dantons Tod“. Frank Schilcher dagegen wünscht sich, den Conférencier in „Cabaret“ oder den „Rocky Horror“-Kultstar Dr. Frank N. Furter irgendwann einmal zu spielen. Doch jetzt müssen sie erstmal los zu „Holmes und dem Theatergeist“. Die Proben zum Bühnenball beginnen in fünf Minuten.

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