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Theater: Verkleinern, schließen, fusionieren?

Ein Gutachten empfiehlt den Umbau der Bühnenlandschaft in der Oberlausitz. Warum die Verantwortlichen in Bautzen trotzdem gelassen bleiben.

Wegen Corona bleiben die Zuschauersitze im Bautzener Theater zurzeit leer. Ein Gutachten gibt der Einrichtung aber gute Noten. Intendant Lutz Hillmann freut sich darüber.
Wegen Corona bleiben die Zuschauersitze im Bautzener Theater zurzeit leer. Ein Gutachten gibt der Einrichtung aber gute Noten. Intendant Lutz Hillmann freut sich darüber. © Archivfoto: Steffen Unger

Bautzen/Görlitz. Paukenschlag an der Neiße: Ein neues Gutachten zur Finanzierung der Theater im Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien sorgt derzeit vor allem am Görlitzer Theater für unruhige Zeiten. Die Untersuchung der Münchner Beraterfirma Actori stellt auf 323 Seiten mehrere Einsparungsszenarien für die Bühnen in der Region zusammen. Im Papier finden sich Vorschläge wie die Fusionierung der Orchester des Sorbischen National-Ensembles und der Neuen Lausitzer Philharmonie, die Zusammenlegung der Schauspielsparten in Bautzen und Zittau – und das Ende der Görlitzer Musiktheater-Ensembles. Übrig bliebe ein Theater für eingekaufte Inszenierungen.

Während in Görlitz die Diskussion in lautem Fortissimo geführt wird, schlagen die Verantwortlichen im Landkreis Bautzen leiseres Piano an. Hintergrund des Gutachtens, erklärt Landrat Michael Harig (CDU), ist das Auslaufen den Kulturpakts ab dem Jahr 2023 für das Gerhard-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau. Die Mittel aus dem Freistaat gaben Theatern und Orchestern 2019 die Möglichkeit, Strukturveränderungen einleiten, um die Existenz ihrer Häuser zu sichern.

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Sehr gute Noten für das Bautzener Theater

„Jedem im Kulturkonvent war klar: Die Finanzierung ist ohne Kulturpakt ab 2023 nicht möglich. Deshalb wurde die Untersuchung auf Initiative des Landkreises Görlitz und der Stadt Görlitz beauftragt, um nach Möglichkeiten zu suchen, die Theaterlandschaft in ihrer Breite und innerhalb des bestehende Finanzrahmens aufrechtzuerhalten“, sagt Konventmitglied Jan Budar, Direktor der Stiftung für das sorbische Volk, aus deren Mitteln sich unter anderem das Deutsch-Sorbische Volkstheater und das Sorbische National-Ensemble (SNE) finanzieren.

Die Untersuchung fand von Februar bis September 2020 statt und beinhaltete unter anderem zahlreiche Interviews mit Entscheidungsträgern aus den Theatern und Verwaltungen. In ihrer Vorbemerkung schreiben die Verfasser der Studie, dass Actori mit der Darstellung möglicher Optimierungs,- Kooperations- und Strukturstellhebel für die Theater im Kulturraum beauftragt wurde. „Die Übersicht soll als Diskussionsgrundlage für eine zukünftige Aufstellung der Theater dienen“, heißt es.

Detailliert beschreibt das Papier die Arbeit der einzelner Häuser. Sowohl das Bautzener Theater als auch das SNE erhalten sehr gute Noten. „Das Untersuchungsergebnis bestätigt den guten Zustand des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen“, sagt Theaterintendant Lutz Hillmann. SNE-Geschäftsführerin Diana Wagner freut sich über das Schlagwort "steigende Erträge" sowie die Vorstellungs- und Besucherzahlen im Gutachten. Die Wirkung der eingeleiteten Konsolidierungsmaßnahmen sei deutlich erkennbar, sagt sie.

Massiver Stellenabbau beim Sorbischen Ensemble

Sparen ist eine Kunst, zeigt die Vergangenheit: Hinter den Lausitzer Bühnen liegen bereits seit der Wende zahlreiche Umstrukturierungen. „In Bautzen wurden Musiktheater, Orchester und das Ballettensemble aufgegeben oder abgewickelt. Diese Strukturmaßnahmen haben bis heute eine stabile Finanzierung unseres Theaters ermöglicht“, sagt Michael Harig. Diana Wagner verweist auf den massiven Stellenabbau in allen Sparten beim SNE in den vergangenen Jahren und zeitgleich auf keinerlei Signale des Geldgebers über erneute Sparzeiten.

„Durch die Erhöhung der Zuwendungen für die Stiftung für das sorbische Volk für die Jahre 2021 bis 2025 besteht kein Grund, über Haustarifverträge beim SNE nachzudenken“, sagt Jan Budar. Im Raum stehen sie nun aber mal - die Sparmodelle – und Actori räumt ein, dass einzig die Strukturmaßnahmen zu signifikanten Einsparungen führen würden. Drei Varianten haben die Gutachter durchgerechnet. Ein minimale Einsparung würde die Fusion der Schauspielsparten in Bautzen und Zittau mit zwei Ensemble zu einem Kulturraumschauspiel bringen. Sogar mehr Geld kostet die Fusion der Orchester des SNE und der Neuen Lausitzer Philharmonie zum Kulturraumorchester, da Musiker bei einem größeren Klangkörper höhere Gehälter erhalten.

Kulturraumorchester wird Absage erteilt

Das größte Einsparpotential biete nach Actori-Berechnungen das Aus des Görlitzer Theaters. Die Regie über das Musiktheater soll das Bautzener Theater übernehmen, dessen Inszenierungen dann im gesamten Kulturraum gezeigt würden. Das Görlitzer Theater würde Spielstätte für Fremd-Produktionen.

Während in Görlitz die letzte Variante scharf kritisiert wird, erteilen Diana Wagner und Jan Budar dem Kulturraumorchester eine Absage. „Wir haben mit dem Aufführen sorbischer Bühnenmusik wie dem Spielen sorbischer Instrumente eine besondere Spezifik. Eine reine Fusionierung würde die Leistungsfähigkeit des SNE nachhaltig einschränken“, sagt der Stiftungsdirektor. Intendant Lutz Hillmann kündigt an, als Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen des Deutschen Bühnenvereins werde er niemals für die Schließung von Theatern oder von Sparten eintreten.

Görlitzer Intendant kämpft um sein Haus

Daniel Morgenroth, neuer Intendant am Gerhard-Hauptmann-Theater, sieht noch lange nicht den letzten Vorhang im Görlitzer Haus. „Ich kämpfe für den Erhalt unseres Theaters mit all seinen Sparten und in seiner künstlerischen Breite. Das bedeutet, dass die Finanzierung auf eine solide Basis gestellt werden muss und heißt, dass die Landesregierung dringend die Mittel aus dem Kulturpakt ab 2023 nicht nur erhalten, sondern darüber hinaus auch dynamisieren muss“, sagt er.

Ob sein Ja zur Kultur in Dresden gehört wird, muss sich zeigen. Die Kreisräte in den Kultur- und Bildungsausschüssen der Landkreise Bautzen und Görlitz kennen das Gutachten indes seit 1. Dezember 2020. „Im Ergebnis der vom Landkreis Görlitz organisierten Klausurtagung sollten weitere gemeinsame Abstimmungen stattfinden“, sagt Landrat Harig. Er wirbt darum, über das Reformpapier nachzudenken. „Veränderungsprozesse führen immer zu vielfältigen Fragestellungen. Letztlich stehen aber alle Städte und Gemeinden sowie die Landkreise vor der Frage, wie wir dauerhaft unsere Aufgaben in der Zukunft finanzieren können“, sagt er. Der Görlitzer Landrat Bernd Lange (CDU) hat angekündigt, dass er sich am Montag bei einem Pressegespräch zum internen Papier äußern will.

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