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Wer hinter dem bekanntesten Stadtplan von Bautzen steckt

Der Schreiberplan beeindruckt durch Genauigkeit - und war für seinen Zeichner das Sprungbrett auf dem Weg zum Kartografen. Das zeigt eine neue Schau.

Volontärin Katharina Banda hat im Museum Bautzen zur Ausstellung „Die ganze Welt im Blick“ das Ferienprogramm mit vorbereitet. Dabei können Kinder in den Fußstapfen Johann George Schreibers die Welt der Perspektiven erkunden.
Volontärin Katharina Banda hat im Museum Bautzen zur Ausstellung „Die ganze Welt im Blick“ das Ferienprogramm mit vorbereitet. Dabei können Kinder in den Fußstapfen Johann George Schreibers die Welt der Perspektiven erkunden. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die große, weite Welt öffnete sich früher für viele beim Aufklappen des Atlanten. Heute reicht ein Klick bei einem Online-Kartendienst - und auf geht es virtuell an einen gewünschten Ort rund um den Erdball.

„Die ganze Welt im Blick“ hatte bereits der Kartograf Johann George Schreiber im 18. Jahrhundert. Auf den gebürtigen Oberlausitzer geht wohl Bautzens bekanntester Stadtplan zurück. Der Kupferstich beeindruckt durch seine Detailgenauigkeit. Schreibers Wirken über die Spreestadt hinaus zeigt derzeit eine neue Sonderausstellung im Museum Bautzen.

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Johann George Schreiber wird im Dezember 1676 in Spremberg (heute Neusalza-Spremberg) geboren. Dass der Junge einmal zu einem der bedeutendsten Feldmesser, Kartografen und Kupferstecher im damaligen sächsisch-thüringischen Raum werden sollte, ist nicht absehbar.

Schreiber beweist früh sein Talent

Vater Hans ist ein einfacher Tischler, mindestens vier weitere Mäuler müssen er und seine Frau Anne stopfen. Doch schon früh weiht wohl der Handwerker seinen Sohn in die Techniken des Möbelmachens ein. Auch in der Kirchschule scheint sich der kleine George schlau anzustellen.

Dort unterrichtet der Lehrer und Organist Leonhardus Weise den wissbegierigen Schüler. Vielleicht rät er dem Vater, den Sprössling weiter auf die Schule zu schicken. Vielleicht träumt auch Hans Schreiber davon, dass sein Sohn aus den einfachen Verhältnissen herauskommen soll.

Er stimmt zu, dass sein Kind an die Neue Evangelische Ratsschule nach Bautzen wechseln darf. Und noch mehr: Er wird wohl auch den Spargroschen der Familie dafür hervorgeholt haben. Mit 14 Jahren kommt Johann George Schreiber 1691 vom kleinen Spremberg in die Hauptstadt der Oberlausitz.

Die erste neuzeitliche Karte für die Region

Wie muss den kleinen Dorfjungen die große mittelalterliche Stadt mit den hohen, manchmal reich verzierten Häusern fasziniert haben? An der Ratsschule jedenfalls nimmt der Rektor Johann Rosenberg den Schüler unter seine Fittiche und sorgt dafür, dass er freie Kost, Logis und Geld für Kleidung bekommt.

„Sein künstlerischer Förderer aber wird der Geistliche Heinrich Basilius Zeidler“, sagt Ausstellungskurator Hagen Schulz. Eine seiner ersten Radierungsübungen einer Bautzener Stadtansicht aus dem Jahr 1698 ist auch in der Sonderausstellung zu sehen.

Zeidler besorgt dem jungen Schreiber vielleicht bei den Räten den Auftrag, einen „Riss von der Stadt Bautzen herzustellen, so dass man alle Häuser sehen könnte“. Hagen Schulz sagt: „Die verschiedenen Arten von Perspektiven kannte man damals schon, wie Schreiber aber gearbeitet hat, wissen wir letztlich nicht.“

Diese Ansicht ist Johann George Schreibers erste bekannte künstlerische Arbeit. Er fertigte die Zeichnung an und stach das Bildmotiv in Kupfer. Die Arbeit zeigte die Stadt in Form eines idealisierten Bildes von einem gedachten Standpunkt aus.
Diese Ansicht ist Johann George Schreibers erste bekannte künstlerische Arbeit. Er fertigte die Zeichnung an und stach das Bildmotiv in Kupfer. Die Arbeit zeigte die Stadt in Form eines idealisierten Bildes von einem gedachten Standpunkt aus. © Museum Bautzen

Vermutlich läuft der Schüler über Monate durch die Stadt und zeichnet. Am 12. August 1700 übergibt er dem Stadtrat den ersten Bautzener Stadtplan. Jenes Zeitdokument aktualisiert er nochmals nach den großen Bränden Anfang des 18. Jahrhunderts an der Spree.

Die Fertigkeiten für das Kupferstechen bringt sich Johann George Schreiber vermutlich selbst bei. Seine Kunst jedenfalls spricht sich schnell herum. Die Landstände beauftragen ihn 1700 mit der Erstellung einer aktuellen Landkarte für das Markgrafentum Oberlausitz.

Auch das Wissen über die Landvermessung muss er sich autodidaktisch beigebracht haben. Fünf Jahre Zeit steckt er in das Projekt. „Seine fertige Karte war schließlich nach den Karten von Bartholomäus Scultetus aus dem 16. Jahrhundert das erste neuzeitliche kartografische Werk für die Region“, sagt Hagen Schulz.

Schreiber druckt Landkarten aus aller Welt

Schreiber wechselt nach Leipzig. Dort studiert er wohl Mathematik, Geometrie und Astronomie. Zeitgleich erhält er Aufträge von Herzog Moritz-Wilhelm von Sachsen-Zeitz und Friedrich August I. von Sachsen.

Für sie fertigt er Landkarten ihrer Herrschaftsbereiche an. Am Hof des Herzogs von Sachsen-Zeitz hält er sich länger auf. Nach dessen Tod wird Schreiber 1718 freischaffender Künstler und Kartograf in Leipzig. Er gründet einen Landkartenverlag, der unter dem Namen „Schreibers Erben“ bis ins 19. Jahrhundert existiert.

Zu seinen Dienstleistungen zählen Stadtansichten, Taschenkalender, Reisekarten und Karten für kleine Atlanten. Aus seiner Werkstatt kommt der „Atlas Selectus von allen Königreichen und Ländern der Welt - Zum bequemen Gebrauch in Schulen, auf Reisen und bey dem Lesen der Zeitungen“.

Schreiber ist mehr als der Bautzener Stadtplan

Das kleinformatige Kartenwerk war für jedermann erschwinglich und enthielt unter anderem von Schreiber gefertigte Welt- und Kontinentkarten; Länder, von denen auch der kleine Tischler-Sproß trotz seiner inzwischen großen Bekanntheit nur träumen konnte. Experten schätzen, dass der Kartograf zu Lebzeiten 200.000 Landkarten-Drucke verkaufte.

„Wir wollen mit der Ausstellung zeigen, dass Schreiber mehr ist als der Bautzener Stadtplan“, sagt Hagen Schulz. So findet sich in einer Vitrine der Schreibersche Miniaturkalender von gerade einmal 4,9 mal 3,9 Zentimeter.

Leihgeber sind unter anderem das Kupferstich-Kabinett in Dresden, die Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar und das Deutsche Buch- und Schriftmuseum in Leipzig. In der Messestadt stirbt der „Zeichenmeister“ 1750.

Sein „Schreiberplan“ von Bautzen aber überlebt die Jahrhunderte. Als Nachdruck ist er an mancher Wand in Bautzen zu finden, und den Forschern liefert er wegen seiner detailreichen Genauigkeit nach wie vor Aufschluss über die Geschichte der Stadt.

Die Sonderausstellung „Die ganze Welt im Blick. Der Kupferstecher und Verleger Johann George Schreiber (1676-1750)“ ist bis 2. Januar zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Weitere Informationen unter www.museum-bautzen.de

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