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Bautzen: Premiere mit Plexiglaswänden

Das Ballett des Sorbischen Ensembles beendet die unfreiwillige Bühnenpause. In einer besonderen Inszenierung kommen Utensilien der Corona-Zeit zum Einsatz.

Zwei Tänzer proben ihren Auftritt für die Inszenierung „EinRAUMwohnung“. Die Premiere am 31. Oktober ist die erste für das Ballett des Sorbischen National-Ensembles nach dem Corona-Aus im Frühjahr.
Zwei Tänzer proben ihren Auftritt für die Inszenierung „EinRAUMwohnung“. Die Premiere am 31. Oktober ist die erste für das Ballett des Sorbischen National-Ensembles nach dem Corona-Aus im Frühjahr. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Schlosserei steht groß auf der Tür. Die klassische Musik, die zu hören ist, passt so gar nicht zum Gelesenen. Der Blick durch die Fenster im Bautzener Gewerbepark in der Wilthener Straße verrät anderes. Hier wird nicht mehr geschweißt, stattdessen auf dem Ballettboden geschwitzt. An dessen Rand steht Choreografin Mia Facchinelli. Zwei Tänzer proben ihren Auftritt für die Inszenierung „EinRAUMwohnung“. Es ist die erste Premiere für das Ballett des Sorbischen National-Ensembles nach dem Corona-Aus im Frühjahr.

Mia Facchinelli behält den Blick auf der Tanzfläche, die gerade Alexander Bolk und Ohara Clementi betreten. Den Raum teilen zwei rollbare Plexiglaswände. Auf jeder Seite steht ein Tisch mit einem Sessel. Dazu erklingt Musik der sorbischen Komponisten Detlef Kobjela und Juro Mětšk. Die Welt scheint friedlich, bis sorbischer Punk der Band „Berlinska Dróha“ das Idyll auf der einen Seite der Tanzfläche zerstört. Rockend ergreift Ohara Clementi immer mehr Raum, ihr Gegenüber ist genervt, hackt auf seinen Laptop ein.

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Wohnzimmer und Küchen werden zum Probensaal

Die Choreografie ist Alexander Bolks Perspektive auf die Corona-Zeit. „Wir haben am 14. März noch im Ballettsaal gestanden und für die nächste Premiere geprobt. Dann war Schluss“, sagt der 25-jährige Absolvent der Dresdener Palucca-Schule. Nach einer kurzen Trainingspause machen die Balletttänzer ihre Wohnstuben und Küchen zum Probensaal. Per Videokonferenz schaltet die Ballettmeisterin ihre Kollegen am Morgen zum Proben zusammen. Sie wechseln Ballettstange gegen Stuhllehne. Schließlich, so Mia Facchinelli, gilt im Balletttanz: „Jeder Monat ohne Training braucht zwei Monate, um die Qualität wieder aufzubauen.“

In dieser Zeit entsteht schon die Idee zu dem etwas anderen Ballettabend. „Wir wollten schon länger eigene Choreografien von uns Tänzern machen. Doch bisher war der Spielplan immer zu eng“, sagt Alexander Bolk. Die Musikauswahl trifft Mia Facchinelli. Ihren Tänzer schickt sie Dutzende Titel zwischen Klassik, Folklore und Rock zu mit der Aufgabe, sich einzelne Titel auszusuchen und dafür etwas Eigenes zu kreieren. So entstehen acht Reflexionen über die unfreiwillige Bühnenpause. Es ist eine Welt, die sich plötzlich auf den Kopf stellt, neue Freiräume bietet, mehr Zeit, mehr Ruhe, aber eben auch weniger soziale Kontakte. „Unsere Arbeit ist Familienarbeit“, sagt Mia Facchinelli.

Wechsel der Tanzpartner ist nicht erwünscht

Alexander Bolk erinnert sich gut an die neu gewonnene Freiheit ohne das Proben- und Auftrittskorsett. „Ich habe in der ersten Zeit viel am Computer gesessen“, sagt er. Seine Choreografie erzählt aber auch, wie Nachbarn mit lauter Musik nerven und was so passieren kann. „Wir haben das kreative Potential des Lockdowns in den Ballettsaal weitergetragen“, sagt der Tänzer. Auf dem Ballettboden ist dagegen gerade Umbau angesagt. Seine Kollegen verschieben Plexiglaswände und Stühle. Ihr Weg führt sie danach immer zum Desinfektionsspender.

Seit Mai dürfen die Tänzer des Sorbischen National-Ensembles wieder gemeinsam proben. Los geht es in Vierer-Gruppen. Inzwischen kann das Ballett wieder als Ensemble üben. Seinen neuen Ballettsaal in der alten Theaterschlosserei im Gewerbepark hat es im August bezogen. Das alte Refugium an der Vogelkreuzung wird für einen Neu- und Umbau der Probenräume weggerissen. Auf und neben der Tanzfläche gelten strenge Regeln: Maximal acht Personen dürfen auf die Bühne - mit einem Abstand von anderthalb Metern. Es dürfen Paare gebildet werden. Partnerwechsel sind aber unerwünscht.

Wohnsituation der Tänzer wird zum Titel für das Stück

Trotzdem freuen sich die Tänzer, wieder im Rampenlicht zu stehen. „Es ist unser Lebenselixier, auf der Bühne zu stehen“, sagt Mia Facchinelli und nickt dem nächsten Tanzpaar zu. Die Musik erklingt. Ohara Clementi betritt die Bühne. Um sie werden die Plexiglaswände immer enger und beängstigender zusammengeschoben. Der Titel für den Ballettabend fand sich übrigens ganz schnell, schließlich leben die Tänzer oft nur in einer Einraumwohnung.

Nach einer guten Stunde beendet die Ballettmeisterin die Probe. „Ein bisschen putzen müssen wir noch“, meint sie. Das ist die Ballettsprache für Perfektionieren. Die Tänzer nehmen es mit einem Lächeln. Sie sind froh, dass sie ihre Wohnstuben wieder gegen den richtigen Ballettsaal tauschen konnten.

„EinRAUMwohnung“: Premiere am 31. Oktober um 19.30 Uhr im Burgtheater Bautzen, nächste Vorstellung am 20. November um 19.30 Uhr im Burgtheater

Karten: www.ansambl.de

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