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So wird die Bautzener Dampflok gerettet

Die fast 80 Jahre alte Lok rostet hinter dem Bautzener Bahnhof vor sich hin. Viele tun was dagegen - doch es werden mehr Helfer gebraucht.

Heinrich Schleppers ist dankbar, dass die Bautzener Lok von der Firma Käppler & Pausch aus Neukirch neue Verkleidungen für die Dampfzylinder erhielt. Die alten waren durchgerostet.
Heinrich Schleppers ist dankbar, dass die Bautzener Lok von der Firma Käppler & Pausch aus Neukirch neue Verkleidungen für die Dampfzylinder erhielt. Die alten waren durchgerostet. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Wenn die alte Bautzener Dampflok reden könnte - ihre Erzählungen würden mehrere spannende Bände füllen. Im ersten Band ginge es um ihr Leben auf den Gleisen, wie sie zwischen dem Bau 1943 in Wien und dem Betriebsende 1986 in Bautzen mehr als 10.100 Tage unterwegs war, dabei fast 71.000 Tonnen Kohle brauchte und mehr als 2,3 Millionen Kilometer fuhr. Oder anders gesagt: etwa 54-mal um die Erde.

Der zweite Band begänne 1988 mit dem Umsetzen vom Bahngleis auf den Platz vor dem Bautzener Bahnhof. Ein Kapitel würde darüber berichten, wie die Ostsächsischen Eisenbahnfreunde 2002, vor der 1.000-Jahr-Feier Bautzens, der Lok frische Farbe verpassten, ohne den Eigentümer erst groß zu fragen. Das war damals die Deutsche Bahn AG, und es war kein Geheimnis, dass sie das in ihren Augen nutzlos gewordene Dampfross nicht liebte.

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Aufmerksamkeit nur zum Denkmaltag

Dem jüngsten Band gäbe die Dampflok wohl den Titel "Meine Freunde". Denn ohne die hätte sie keine Chance mehr auf ihren 80. Geburtstag in zwei Jahren. Der Verein Ostsächsische Eisenbahnfreunde - der Name ist Programm - übernahm die "alte Dame" 2018 in seinen Besitz. Es war das Beste, was der Lok passieren konnte.

Im selben Jahr musste die Lok umziehen, vom Vorplatz des Bahnhofs auf die Rückseite. Darum kümmerte sich vor allem Heinrich Schleppers. Der Bautzener Unternehmer und CDU-Stadtrat sammelte zusammen mit dem Löbauer Verein Spenden für den Transport, besorgte den Tieflader und organisierte die Fahrt über die Eisenbahnbrücke - eine Meisterleistung bei fast 140 Tonnen Gewicht. Am kommenden Montag jährt sich der Tag des Umzugs zum vierten Mal.

Seitdem steht die Dampflok an der Packhofstraße zum Güterbahnhof und findet dort weniger Aufmerksamkeit als sie verdient. Eine Ausnahme war der Tag des offenen Denkmals am vergangenen Sonntag - da lockte die Lok mehr als 700 Neugierige an. Und so sehr sich alle freuten, dass es die Lok noch gibt, so waren viele doch auch erschrocken über den Zustand.

Vom Lack des Jahres 2002 ist nicht mehr viel übrig. Rost nagt nicht nur am großen Dampfkessel, sondern praktisch überall. Frische Farbe würde die Schäden nur übertünchen, aber nicht beheben, erklärt Heinrich Schleppers. "Vor einer neuen Lackierung muss alles Durchgerostete erst einmal verschwinden." Das geht nur mit mühevoller Handarbeit.

Am einfachsten wäre es zwar, die Lok abzustrahlen. Aber am alten Eisen haftet teilweise noch bleihaltige Farbe, wie sie vor Jahrzehnten üblich war. Um diese Farbe abzustrahlen, müsste aus Gründen des Umweltschutzes das gesamte Gefährt eingehaust werden. "Das ist zu kostspielig", weiß Eisenbahnfreund Schleppers.

Neue Verkleidungen für Dampfzylinder

So bleibt nur die Restaurierung Stück für Stück. Und die schaffen die Eisenbahnfreunde nicht allein. In den vergangenen Monaten freute sich der Verein beispielsweise über Hilfe des Metallbearbeitungsunternehmens Käppler & Pausch aus Neukirch. Der Betrieb sponserte neue Verkleidungen für die beiden Dampfzylinder. Das sind, vereinfacht gesagt, die Stellen, wo einst Wasserdampf das Fahrwerk antrieb.

Das Berufsfortbildungswerk Bautzen hilft mit zwei neuen Türen zum Fahrerhaus. Eine davon hängt schon im Rahmen, die zweite Türöffnung ist noch provisorisch mit Holz verkleidet. Neues, festes Holz liegt auch auf dem Fußboden im Innern des Fahrerhauses - dafür sorgte die Bautzener Firma Hentschke Bau. Von Hentschke stammt auch der Bauzaun rund um die Lok.

Heinrich Schleppers knüpft Kontakte, Sponsoren helfen, die Eisenbahnfreunde bringen dann die Ersatzteile in unzähligen Stunden nach Feierabend an - so läuft es derzeit an der Packhofstraße. Um überhaupt arbeiten zu können, hat der Verein ein Stromaggregat gekauft. 2.000 Euro dafür spendierte die Stadt Bautzen.

Vereinschef sauer: Viele reden nur

Für jede Hilfe sind die Eisenbahnfreunde dankbar - und trotzdem kann Vereinschef Alfred Simm seine Enttäuschung nicht verbergen: Viele würden nur reden, aber nichts tun. "Wenn nur zehn Prozent der Menschen, die für die Rettung des Denkmals waren, gelegentlich mal aktiv würden, aber nicht nur mit dem Mund, könnte die Lok besser aussehen."

Heinrich Schleppers zeigt, wo am einfachsten und ohne jegliche Vorkenntnisse geholfen werden könnte: Aus dem Schotter unter der Lok sprießt Unkraut. "Mal Unkraut jäten kann doch eigentlich jeder", findet der Eisenbahnfreund. Wer helfen wolle, könne sich jederzeit beim Verein melden. Und Schleppers nimmt auch die Deutsche Bahn in die Pflicht, welcher der Güterbahnhof und damit auch das Areal hinter der Lok gehört: "Da müssten mal Sträucher verschnitten werden."

Am 23. April 1943 wurde die Lok an die Bahn übergeben. Es bleiben noch gut eineinhalb Jahre, um der "alten Dame" ein Festkleid zum 80. Geburtstag zu verpassen. Dazu gehört auch ein Dach, für das Heinrich Schleppers noch günstige Angebote sucht. Denn schließlich soll es im "Leben" des Dampfrosses noch so manches Kapitel geben...

Kontakt: Ostsächsische Eisenbahnfreunde, Telefon 03585 219600, Mail [email protected], www.osef.de

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