SZ + Bautzen
Merken

Große Aufregung um kleinen Waldfriedhof

Die Gemeinde Doberschau-Gaußig will knapp 95.000 Euro in die Umgestaltung von zwei Friedhöfen investieren. Doch das Vorhaben stößt nicht nur auf Befürworter.

Von Miriam Schönbach
 4 Min.
Teilen
Folgen
Mit Fördermitteln soll der Grubschützer Waldfriedhof umgestaltet werden. Landschaftsplanerin Beate Hübner (l.) erklärte bei der Bürgerinformation unter anderem Bürgermeister Alexander Fischer (M.) und dem Grubschützer Siegfried Kühn die Pläne.
Mit Fördermitteln soll der Grubschützer Waldfriedhof umgestaltet werden. Landschaftsplanerin Beate Hübner (l.) erklärte bei der Bürgerinformation unter anderem Bürgermeister Alexander Fischer (M.) und dem Grubschützer Siegfried Kühn die Pläne. © SZ/Uwe Soeder

Grubschütz. Normalerweise sind Friedhöfe Orte des stillen Erinnerns. Bei einem Vor-Ort-Termin auf Grubschütz‘ letzter Ruhestätte hat es allerdings laute Kontroverse um die Umgestaltung des grünen Areals am Dorfrand gegeben. Zahlreiche aufgebrachte Einwohner erwarteten bereits Bürgermeister Alexander Fischer (CDU) und die Landschaftsarchitektin Beate Hübner bei deren Ankunft mit den Worten: „Warum kann der Friedhof nicht bleiben, wie er ist?“ Nach gut eineinhalb Stunden hitziger Diskussionen und der Suche nach Kompromissen kehrte dann wieder die Stille zurück.

Die Eckdaten für Diskussion über den Gräbern sind schnell zusammengefasst. Der Gemeinderat Doberschau-Gaußig hatte beschlossen, eine Förderung für die Umgestaltung der Friedhöfe in Doberschau und Grubschütz über die Leader-Region Bautzener Oberland zu beantragen. Eine erste Summe floss bereits 2018 in den alten Teil der Doberschauer Anlage.

Im vergangenen Jahr ergab sich eine weitere Chance, um Leader-Geld für die Gemeinde aus dem Fördertopf zu akquirieren. Zum Projektaufruf im August griff die Verwaltung auf ihre verschobenen Vorhaben des einst geplanten und größeren Friedhofsprojekts zurück – und erhielt den Zuschlag über eine Förderung von rund 57.000 Euro. Dazu kommen nochmals 38.000 Euro Eigenmittel der Gemeinde.

Regenwasser dient zum Gießen der Gräber

Während in Doberschau in den Urnenfriedhof als Platz des zeitgemäßen Trauerns investiert werden soll, soll auf dem Grubschützer Waldfriedhof vor allem für Barrierefreiheit und die Rückkehr der ehemaligen Struktur mit einer Allee gesorgt werden. Von manchem Baum dieser einstigen Nadelbaum-Reihen schaut nur noch der Stumpf aus dem Gras, ihre dicken Wurzeln brechen aus dem Sandweg hervor. Wilde Koniferen haben sich über die Maße vermehrt.

Das Regenwasser von Dach der Trauerhalle wird in einem Plastebottich gesammelt und dient zum Gießen der Gräber. Auf dem Parkplatz hat an diesem Bürgerinfo-Nachmittag das letzte Auto schon keinen Platz zum Abstellen mehr gefunden. Gäste mit Rollator oder Rollstuhl hätten sicher ihre Schwierigkeiten, um Abschied vom geliebten Menschen zu nehmen.

Bei einer Bürgerbefragung hat im Übrigen eine Hälfte der beteiligten Dorfgemeinschaft einer Umgestaltung zugestimmt, eine zweite Hälfte meldete Zweifel am Projekt an. Gut 80 Rückläufe gab es aus dem Dorf mit 250 Einwohnern. Einer mit Skepsis ist Gemeinderat Siegfried Kühn. „Die Grubschützer haben eine besondere Beziehung zu ihrem Friedhof. Er hat eine ganz besondere Historie“, sagt er.

Diese Geschichte beginnt mit den letzten Kämpfen kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs um die Stadt Bautzen im April 1945. Als vier deutsche Soldaten in der Nähe der Schweinemästerei an der Neukircher Straße fallen, können sie weder auf dem Taucher – noch auf dem Michaelisfriedhof bestattet werden, haben Heimatforscher herausgefunden.

Denkmal erinnert an Gefallene

Sämtliche Brücken in Bautzen sind gesprengt, es ist kein Hereinkommen in die Stadt. In dieser Notsituation finden die Gefallenen ihre letzte Ruhe am Grubschützer Waldesrand. Ihnen folgen drei Hitlerjungen sowie zwei Frauen auf der Flucht, die höchstwahrscheinlich durch Soldaten der russischen Armee erschossen wurden. Die Ortschronisten Heinz Ebersbach, Egon Wolf und Erhard Tittel sind bei ihren Recherchen auch auf ein Grab mit drei russischen Soldaten gestoßen, die später auf den sowjetischen Ehrenfriedhof umgelagert worden sein sollen.

Das Denkmal an die gefallenen Grubschützer Kriegsopfer aus dem Jahr 2008 erinnert an diese Zeit. Die Totenhalle entstand in den 1960er Jahren aus Eigeninitiative im Dorf, ihren Umbau übernahm 2003/2004 die Gemeinde Doberschau-Gaußig. Knapp 50 Gräber gibt es aktuell auf dem Friedhof.

Alexander Fischer und Landschaftsarchitektin Beate Hübner schaffen es, die kritischen Grubschützer mit Kompromissen für das Projekt zu werben. „Es ist ein öffentlicher Platz, der einen ansprechenden Raum zum Trauern gibt. Aber ein Bürgermeister kann es auch nicht allen Recht machen“, sagte das Gemeindeoberhaupt.

Umgesetzt werden sollen auf dem Grubschützer Waldfriedhof nun ein befestigter Behinderten-Parkplatz, eine neue Wasserstelle mit dem Erhalt des alten Regenwasserbottichs, Sitzplätze, ein gemulchter Weg zum Denkmal, eine neue Allee mit kleinkronigen Laubbäumen und ein wassergebundener Hauptweg in natürlichem Grau. Auch an eine kleine Urnenanlage soll gedacht werden, wenn die erste Anfrage kommt. Die wildesten Koniferen sollen zudem verschwinden. Diese Wünsche fließen nun in den Projektplan ein, um dann den nächsten Schritt auf dem Weg der Förderung zu gehen.