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Warum verliert Bautzen die Bäckerausbildung?

Die schulische Ausbildung der Azubis findet künftig nur noch in Görlitz statt. Wie der Freistaat die Entscheidung begründet - und was der Landkreis dagegen unternimmt.

Noch lernen Bäckerlehrlinge wie Marc Schleichert (l.) am Berufsschulzentrum in Bautzen bei Ausbilder Rüdiger Bär (r.). Doch bald wird das Geschichte sein.
Noch lernen Bäckerlehrlinge wie Marc Schleichert (l.) am Berufsschulzentrum in Bautzen bei Ausbilder Rüdiger Bär (r.). Doch bald wird das Geschichte sein. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Der Einspruch der Bautzener Handwerker kam zu spät. Am Donnerstag dieser Woche machten die Kreishandwerkerschaft sowie die Innungsobermeister der Bäcker und Friseure ihrem Ärger darüber Luft, dass der Nachwuchs für diese und einige andere Berufszweige künftig nicht mehr in Bautzen ausgebildet werden soll, sondern in Görlitz. Sie hätten sich, stand in ihrem Brief, die Ausbildungsmöglichkeiten in beiden Städten angeschaut. Und dabei nichts gefunden, was für Görlitz, aber gegen Bautzen spricht.

Aber selbst wenn die Handwerker eher protestiert hätten - es wäre vergeblich gewesen. Um im Bilde zu bleiben: Das Brot ist längst gebacken. Sachsens Kultusministerium hatte sich ja auch schon über das Nein des Landkreises Bautzen zur neuen Struktur der Berufsausbildung im Freistaat hinweggesetzt.

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Ministerium wischt Nein aus zwei Landkreisen vom Tisch

Alle Landkreise und kreisfreien Städte waren vom Ministerium gefragt worden, ob sie mit dem Entwurf für die neue Struktur einverstanden sind. Zwei Kreise - außer Bautzen auch Mittelsachsen - haben ihre Zustimmung verweigert. Die Reaktion darauf liest sich in der Sprache des Ministeriums so: "Das Kultusministerium hat sich nach umfassender Prüfung und Abwägung aller Argumente entschieden, ausstehende Einvernehmen zu ersetzen, so dass der Berufsschulnetzplan zum 1. August 2021 in Kraft treten soll." Die Zustimmung des Landtags war dazu nicht nötig - nach dem Schulgesetz des Freistaates kann das Kultusministerium den Teilschulnetzplan für die Berufsbildenden Schulen allein beschließen.

Mit anderen Worten: Das Nein aus den Landratsämtern in Bautzen und Freiberg wurde vom Tisch gewischt. Ebenso die Einwände, die Landtagsabgeordnete aller Couleur immer wieder vorbrachten und noch -bringen - allen voran die Bautzener Marko Schiemann (CDU) und Frank Peschel (AfD).

Sächsische.de hat Kultusminister Christian Piwarz (CDU) mit der Frage konfrontiert, was er gegen die Bäckerausbildung in Bautzen hat. Eine klare Antwort darauf kam vom Minister nicht. Stattdessen antwortete seine stellvertretende Pressesprecherin Susann Meerheim und wiederholte die Argumente, die aus Sicht des Ministeriums für Görlitz sprechen: Rückläufige Schülerzahlen in der Oberlausitz würden nur noch einen Standort für die Ausbildung einiger Berufe rechtfertigen.

Weniger Lehrlinge durch Abwanderungswelle

Konkret beim Bäckerhandwerk: Am Beruflichen Schulzentrum Bautzen starteten seit 2011 insgesamt 90 junge Leute eine Bäckerlehre, in Görlitz jedoch 115. Eine Friseurausbildung hingegen begannen seit 2011 in Bautzen 225 Lehrlinge, in Görlitz 161. Allerdings haben zuletzt immer mehr Jugendliche die Friseurlehre in Görlitz begonnen, in Bautzen hingegen weniger. Ein Argument des Ministeriums lässt sich nicht vom Tisch wischen: Friseur ist nicht mehr der Traumberuf, als der er mal galt. Vor zehn Jahren begannen in ganz Sachsen noch 322 junge Leute eine Friseurlehre, 2020 waren es 188.

Das hat etwas mit der Attraktivität und den Verdienstmöglichkeiten in den Berufen zu tun, ist aber auch Spätfolge der Abwanderungswelle nach 1990: Es fehlen hier die Frauen, die vor 16, 18 Jahren die heutigen Lehrlinge zur Welt brachten. Diese Kinder wurden nicht in Bautzen, Kamenz oder Hoyerswerda geboren, sondern zum Beispiel in München, Stuttgart oder Hamburg.

Das Ministerium verweist darauf, dass die Beruflichen Schulzentren im Landkreis Bautzen ab 1. August mehr gewinnen als verlieren. Zwar wandern Bäcker, Friseure und noch einige andere Ausbildungsrichtungen ab, dafür bekommt der Landkreis aber mehr Lehrlinge in den Berufsbereichen Metall-, Elektro- und Verfahrenstechnik. Sie kommen teilweise aus Dresden und den Landkreisen Meißen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Görlitz an die Beruflichen Schulzentren nach Bautzen und Radeberg.

Auch die Kreishandwerkerschaft und die Obermeister der Innungen freuen sich über den Zuwachs in den technischen Berufen. Trotzdem kritisieren sie, dass sich die Anzahl der im Landkreis Bautzen beschulten Berufe von 76 auf 59 reduziert. "Das kann keine Option zur Stärkung des ländlichen Raumes sein." Dieser Rückgang liegt zum einen an der Verlegung einiger Berufe an andere Orte, etwa im gastronomischen Bereich nach Zittau. Zum anderen gibt es aber auch eine Reduzierung durch neue Berufsbezeichnungen. So werden beispielsweise im Elektronik- und Informatikbereich fünf Berufe zu einem neuen - nämlich Informationselektroniker - zusammengefasst.

Die Kritik, der ländliche Raum werde nicht gestärkt, weist das Ministerium zurück: "Alle Landkreise werden durch die Planungen gestärkt und sind im Ergebnis, vor allem im Hinblick auf die Standort- und Planungssicherheit, bessergestellt als vorher." Der AfD-Landtagsabgeordnete Frank Peschel hingegen sagt, der Landkreis Bautzen sei der Verlierer der neuen Struktur. Er kritisiert, dass am Freitag im Landtagsausschuss Bildung und Schule der AfD-Antrag, den Teilschulnetzplan für ein Jahr auszusetzen, abgelehnt wurde.

Wird der Landkreis gegen den Schulnetzplan klagen?

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Bleibt die Frage, ob der Landkreis Bautzen gegen den Teilschulnetzplan für die Berufsbildenden Schulen klagen wird. So fordert es jedenfalls die AfD-Fraktion im Kreistag. Am 31. Mai sagte Landrat Michael Harig (CDU), dass er nicht klagen könne, ehe ihm etwas Schriftliches aus Dresden vorliegt. Nach Auskunft von Ministeriumssprecherin Susann Meerheim hat Kultus am 17. Mai einen schriftlichen Bescheid ans Bautzener Landratsamt geschickt. Eine nochmalige Rückfrage von Sächsische.de beantwortet Kreissprecherin Sabine Rötschke wiederum so: "Ein Bescheid liegt dem Landkreis bisher nicht vor."

Nun soll sich der Kultur- und Bildungsausschuss des Kreistages am 28. Juni mit dem weiteren Vorgehen befassen.

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