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Beim Bier versöhnt

Der historische Bierstreit zwischen Dipps und Freiberg lebte noch einmal auf. Diesmal gab es keine Verlierer.

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© Egbert Kamprath

Von Marie-Therese Greiner-Adam

Dippoldiswalde. Es ist eine trübe braune Brühe, die sich in den Kesseln des Sudwerkes des Beruflichen Schulzentrums (BSZ) „Otto Lilienthal“ in Dippoldiswalde befindet. Das Gebräu ist warm, malzig, riecht nach Brot und enthält noch keinen Alkohol. So ähnlich sah wohl auch das Bier aus, das unsere Vorfahren im Mittelalter als Grundnahrungsmittel zu sich nahmen. Schließlich war das Gesöff zumeist sauberer als das Wasser, mit dem die Menschen damals vorliebnehmen mussten.

Das mundet

Die Auszubildenden des BSZ wissen genau, an welchem Rädchen sie drehen, welchen Hebel sie umlegen müssen, dass aus diesem Sud aus Wasser, Malz und Hopfen – später wird noch Hefe dazugegeben – einmal Bier wird, ganz nach dem deutschen Reinheitsgebot. Doch Brauer werden hier an der ehemaligen Müllerschule nicht ausgebildet. Lebensmitteltechnik nennt sich die Ausbildung, die die sechs Azubis im zweiten Lehrjahr hier absolvieren. Dazu gehört noch viel mehr als das Bierbrauen. Die Schüler lernen auch, wie man Wein oder Schnaps herstellt, können Brot backen, Schokolade und Käse herstellen.

Dass die Azubis überhaupt in einer Dippoldiswalder Mikrobrauerei Bier brauen dürfen, das ist ein Privileg, das die Einwohner der Stadt und Umgebung im 13. Jahrhundert aufgeben mussten. Die Rede ist vom historischen Bierstreit, der in einem Erlass des Markgrafen Heinrich III. unter Berücksichtigung der Meinung von sechs Bürgern der Städte Freiberg, Dippoldiswalde und umliegender Städte gipfelte. Der Landesherr beschloss, dass ab dem 1. September des Jahres 1266 nur noch in Freiberg Bier gebraut werden soll. Im Urteil spielen „gewinnbringende Zechen“ immer wieder eine Rolle. Es ist also davon auszugehen, dass die Freiberger Brauereien mehr Gewinn erwirtschafteten, erklärt die Gästeführerin Anja Graul. Handwerker und Bergleute mit Bier zu versorgen, war ein lukratives Geschäft.

Zwietracht ist Geschichte

Etwa 750 Jahre nach diesem Urteil prosten sich am Sonnabend Jens Peter (Freie Wähler), der Oberbürgermeister von Dippoldiswalde, und der ehemalige Oberbürgermeister von Freiberg, Bernd-Erwin Schramm (parteilos), zu. Ihnen ist zwar daran gelegen, dass die Geschichte ihrer Städte aufgearbeitet und Traditionen bewahrt werden, jedoch lieber in Zusammenarbeit statt Zwietracht. Peter betont, dass genau wie in Freiberg der Bergbau die Entwicklung von Dippoldiswalde maßgeblich beeinflusst hat und der soll künftig mehr zelebriert werden. Nach dieser öffentlichen Bekundung, dass der Bierstreit für immer beizulegen sei, ließen die Vertreter beider Städte die Biere noch einmal gegeneinander antreten, und zwar das Freiberger Pilsner und das Dippolds Bräu – das Pils der Lehrbrauerei des BSZ. Beurteilt wurden natürlich der Geschmack und der Geruch, aber auch die Farbe und die Konsistenz des Schaumes. Einen Gewinner oder Verlierer gab es nicht, die Geschmäcker sind schließlich verschieden.

Auch wenn keiner der Auszubildenden einmal in einer Brauerei arbeiten wird, betreiben sie die Braukunst auf einem hohen Niveau. Alles wird strengstens überwacht. Gerade brauen sie ein Rauchbier. Die angehenden Lebensmitteltechniker können mit ihrer Minibrauanlage viel ausprobieren, ganz verschiedene Aromen herauskitzeln. Am Ende des Jahres müssen sie für das gebraute Bier sogar eine Biersteuer zahlen – auch wenn das Bier nur zu Ausbildungszwecken gebraut wird und die Räume des Beruflichen Schulzentrums in Dippoldiswalde nicht verlässt. An einem Praktikumstag entstehen in den Kesseln etwa 150 Liter Bier.