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Warum Eltern gegen den Landkreis kämpfen

Die eigene Betroffenheit lässt sie nicht ruhen. An Neiße und Schöps haben sich Elterninitiativen gegründet. Der Landrat sucht das Gespräch mit ihnen.

Von Steffen Gerhardt
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Ronald Schmidt (rechts) engagiert sich in einer Elterninitiative, die den neuen Busfahrplan bemängelt und verbessern will.
Auch Adrian Eckhardt setzt sich als Elternsprecher der Oberschule Rothenburg dafür ein.
Ronald Schmidt (rechts) engagiert sich in einer Elterninitiative, die den neuen Busfahrplan bemängelt und verbessern will. Auch Adrian Eckhardt setzt sich als Elternsprecher der Oberschule Rothenburg dafür ein. © André Schulze

Wenn Schmidts von Deschka ihre beiden Jungs in die Schule schicken, dann fährt der Kleine mit dem Bus bis vor die Grundschule in Zodel und der Große in die Stadt Görlitz. Dort besucht er das Annen-Gymnasium. Das soll sich mit dem neuen Taktfahrplan ab neuem Jahr ändern, zum Nachteil des Zweit- und des Fünftklässlers.

Damit findet sich Roland Schmidt nicht ab. "Das ist für mich kein ,Gut vernetzt', wenn die neuen Buslinien zum Nachteil für die Schüler sind", sagt der Familienvater. Denn seine beiden Jungs müssen in Zodel umsteigen, um weiter in ihre Schulen zu kommen. Dass Landkreis und die Gemeinde Neißeaue inzwischen einen Kompromiss gefunden haben, ist für Schmidt der richtige Schritt. Die Grundschüler können wie bisher an ihrer Schule in Zodel ein- und aussteigen, weil der Bus erst dort wendet und nicht eine Haltestelle vorher.

Offener Brief an den Ministerpräsidenten

Aber, ob die Wendeschleife zum 1. Januar befahren werden kann, daran hat der Deschkaer seine Zweifel. Für ihn ist das nicht die einzige Baustelle an der Neiße in Bezug auf den Schülerverkehr. Deshalb macht sich Schmidt nicht nur für die eigene Familie stark, sondern auch für Eltern, die gleichfalls Probleme mit dem Schulweg ihrer Sprösslinge haben. Ins Rollen brachten seine Aktivitäten der offene Brief vom 6. September. Auf sechs Seiten lässt Roland Schmidt seinen Gedanken freien Lauf zur Neuregelung des Schülerverkehrs im nördlichen Landkreis und dessen Folgen.

Dass Roland Schmidt weder Elternvertreter noch Lehrer ist, sondern "nur ein Vater", wie er sagt, macht für ihn die Aufgabe, Interessenvertreter der Elternschaft zu sein, einfacher. "Ich bin ungebunden, brauche auf keinen Rücksicht zu nehmen, kann furchtlos sein", schätzt er ein. Klar, dass seine Worte auch mal drastisch ausfallen. "Mir geht es aber immer um die Sache und um unsere Kinder", betont der 46-Jährige, dessen Frau im Elternrat beider Schulen ihrer Söhne ist.

Zu spät in der Schule

Die eigene Betroffenheit ist es auch bei Hjordis Kalke. Die Mutter dreier Kinder lehnt sich ebenfalls gegen den neu geplanten Schülerverkehr auf. Frau Kalke ist selbstständig und führt ein Geschäft in Görlitz. Ihre beiden Töchter besuchen die Grundschule in Ebersbach, der Sohn den Kindergarten. Die Familie wohnt in Kunnersdorf, also sind die Töchter auf den Schulbus angewiesen. Nach neuem Fahrplan fahren bei ihr die Busse immer um halb ab. Der Unterricht in Ebersbach beginnt aber um 7.30 Uhr. "Also kommen meine Töchter zu spät oder sind eine Stunde vor Schulbeginn bereits da." Nach jetzigem Fahrplan fährt der Bus 7.09 Uhr in Kunnersdorf ab.

Um künftig pünktlich in der Schule zu sein, bedeutet das Frühhort für beide Mädchen, der die Familienkasse zusätzlich belastet. Wird der Unterrichtsbeginn nach hinten geschoben, hat das wiederum zeitliche Auswirkungen auf die Ganztagsangebote (GTA) sowie für außerschulische Aktivitäten wie die Musikschule. Und nach Hause kommen sollen die Kinder ja auch noch mit dem Bus.

Frau Kalke will Klarheit haben, wie das laufen soll mit dem Schulbus ab neuem Jahr. "Ich finde es erschreckend, wenn der Landkreis die Fahrpläne unter der Hand hält und uns Eltern darüber nicht informiert", sagt die Kunnersdorferin. Deshalb hat die 44-Jährige zum Info-Telefon des Verkehrsverbundes Zvon gegriffen, um wenigstens etwas zu erfahren, wie ihre Töchter ab neuem Jahr zur und von der Schule kommen.

Schulbus fährt nur bis Rothenburger Markt

Dass gut zwei Drittel der Fahrgäste im öffentlichen Personenverkehr Schüler sind, aber der neue Fahrplan ihnen mehr Nach- als Vorteile bringt, das ärgert Adrian Eckert. Der 44-Jährige ist seit vier Jahren Elternratssprecher der Oberschule Rothenburg. "Das Taktbussystem ist gut für den ländlichen Raum, aber dass der Schülerverkehr dabei außen vor gelassen wird, kann nicht die Lösung sein", betont der Vater dreier Töchter. Die große Tochter hat die Zehnte dieses Jahr abgeschlossen. Die beiden jüngeren Töchter gehen in die 5. und 8. Klasse an der Oberschule Rothenburg. Die Familie wohnt in Nieder Neundorf und braucht den Schulbus.

Was den Elternsprecher in Rage bringt ist der Eindruck, dass der Fahrplan fern der Realität zusammengestrickt wird: "Die Fahrplanmacher sind davon ausgegangen, dass zum neuen Jahr die neue Oberschule in Rothenburg steht. Also enden die Buslinien auf dem Marktplatz und nicht in der Friedensstraße, wo die Oberschule derzeit ist." Bis die Mädchen und Jungen in ihrer neuen Schule lernen können, wird es aber noch ein paar Jahre dauern, ist sich Eckert sicher. Wer weiß, ob seine Töchter da noch in der Schule sind.

Damit verbunden ist ein Folgeproblem, so der Elternsprecher. Am Morgen kommen fünf Busse aus unterschiedlichen Richtungen auf dem Marktplatz an. Laut Zählung mit insgesamt bis zu 140 Oberschülern. Aber nur ein Bus fährt anschließend nach neuem Fahrplan in den Norden, also zur Oberschule. Nicht nur vom Platz her sieht Adrian Eckert große Probleme, auch von der Sicherheit her. Zumal es dann Mitten im Winter ist.

Nicht jedem gerecht werden

Dass ein Busfahrplan gewachsene Schulstrukturen aus den Angeln hebt, empfindet Volker Fritsche als den falschen Weg. Der Vater zweier Töchter ist Elternratssprecher an der Oberschule Mücka. Die Familie ist in Groß Radisch zu Hause und auf den Schulbus nach und von Mücka angewiesen. Der Elternrat hatte bereits vor den Sommerferien eine Stellungnahme zusammen mit der Schule an den Landkreis geschickt. "Wir halten den Fahrplan für nachbesserungsfähig", sagt der 41-Jährige.

Seine jüngere Tochter, sie besucht die 10. Klasse, muss ab neuem Jahr in Förstgen umsteigen, um nach Mücka weiterzukommen. Ob die Bushaltestelle in Förstgen der Schar wartender Schüler gewachsen ist, ist die eine Frage. Eine andere bewegt den Elternsprecher ebenfalls: Warum lässt sich der Landkreis nicht in die Karten schauen und zeigt, wie die Busse ab neuen Jahr fahren sollen? "Der neue Fahrplan kann nicht jedem gerecht werden, darüber sind wir uns einig. Aber es gibt noch genügend Dinge, die geregelt werden können", ist Fritsche überzeugt.

Eltern in Markersdorf machen sich stark

Dass die Eltern sich schulübergreifend in Initiativen zusammenschließen, ist für Volker Fritsche die richtige Entscheidung. "So erfahren wir, wo bei anderen die Probleme sind und können uns darüber austauschen und gemeinsam mehr bewirken." Roland Schmidt führt die Elterninitiative an der Neiße an. In der Gemeinde Markersdorf ist es Elisa Hempel, die mit weiteren Mitstreitern gemeinsam das Schulbusproblem in ihrem Gebiet angeht. Aber auch im Schöpstal, an der Grundschule in Ebersbach, gibt es inzwischen eine Elterninitiative.

Wie Roland Schmidt in Deschka, hat auch die Elterninitiative der Gemeinde Markersdorf einen offenen Brief zum neuen Fahrplan geschrieben. Auf der jüngsten Kreistagssitzung wurde er verteilt. Darin kommt die Initiative zu dem Schluss, dass "der Schülerverkehr das Herzstück des ÖPNV auf dem Land ist". Die Eltern schreiben: "Hier geht es auch um einen gewachsenen, gelebten, sozialen Wert, der mit der Institution Schule eng verbunden ist." Diese Bindung sehen die Eltern in Gefahr, wenn der neue Fahrplan wie er jetzt ist umgesetzt wird.

Dass in den letzten beiden Monaten dieses Jahres noch etwas zu retten ist, bezweifeln die Markersdorfer Eltern. Deshalb fordern sie eine Verschiebung des Fahrplanwechsels im Rahmen von "Gut vernetzt" vom 1. Januar auf den Schuljahreswechsel im Sommer nächsten Jahres. Die Elterninitiative ist überzeugt, dass das Einführen des neuen Fahrplans zum Sommer auch im Hinblick auf witterungsbedingte Probleme im Straßenverkehr günstiger und für Schulen und Familien die Umstellung zum Schuljahresbeginn organisatorisch einfacher ist.

Was alle Initiativen befürchten, ist, dass viele Eltern ihren Kindern so einen Schülertransport nicht zumuten wollen. Stattdessen werden sie ihre Sprösslinge mit dem "Elterntaxi" in die Schule bringen. Der Landkreis Görlitz bietet mit "Gut vernetzt" nach eigener Aussage einen attraktiveren und schnelleren öffentlichen Nahverkehr für die Region an. Das mag für den normalen Fahrgast stimmen, für den Schülerverkehr und die Umwelt bewirkt er das Gegenteil. Der Gesprächsbedarf bleibt. Deshalb will Landrat Bernd Lange mit Vertretern der Elterninitiativen Anfang November über den Schülerverkehr sprechen. Denn bisher sind nur die Eltern "Gut vernetzt".