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Wie es jetzt an der Grenze weitergeht

Seit Dienstag gelten die verschärften Corona-Regeln an der Grenze in Görlitz/Zgorzelec. So werden sie durchgesetzt.

Niemand kommt: Die Altstadtbrücke am Dienstagvormittag. Eigentlich herrscht hier reger Fußgängerverkehr.
Niemand kommt: Die Altstadtbrücke am Dienstagvormittag. Eigentlich herrscht hier reger Fußgängerverkehr. © SZ/M.Klaus

Ein bisschen sehr viel Schwarz für einen sonnigen Dienstagvormittag, oder? Schwarze Mütze, schwarze Maske, schwarze Jacke. "Muss sein", sagt Reiner und blickt vielsagend zu den Überwachungskameras an der Altstadtbrücke. Eigentlich heißt der Görlitzer nicht Reiner, aber da er gerade etwas getan hat, was nicht so ganz konform mit den derzeitigen Corona-Regeln im sächsisch-polnischen Grenzverkehr geht, will er seinen richtigen Namen lieber nicht veröffentlicht wissen. Es ist Tag eins der Aufhebung der Ausnahmeregelungen zum kleinen Grenzverkehr. Deutsche können nicht mehr mal kurz zum Einkaufen ins Nachbarland gehen, Quarantäne droht. Reiner hat es dennoch getan.

"Ich habe mir Zigaretten geholt", sagt er und klopft auf eine Ausbuchtung seiner Jacke. Nein, sagt Reiner, er ist kein Corona-Leugner. Wo Maske gefordert wird, setze er sie auf und er hält, wenn es sein muss, auch Abstand. "Aber nicht mal 50 Meter nach Zgorzelec gehen - also übertreiben sollte man es ja auch nicht", findet er. Dann geht er auch schnell weiter, zu viel Öffentlichkeit, und wer weiß, vielleicht kommt doch noch zufällig die Polizei vorbei und kontrolliert.

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Keine festen Grenzkontrollen an den Neißebrücken

Von den Grenzschützern ist am Dienstag weder auf polnischer noch auf deutscher Seite etwas zu sehen. Sie hätten an den beiden Görlitzer Brücken auch wenig bis nichts zu tun. Auf der Altstadtbrücke herrscht gähnende Leere. Die zieht sich über den Untermarkt und die Brüderstraße hin - keine Touristen, keine polnischen Grenzgänger. Oder besser: fast keine. Andrzej aus Zgorzelec hat sich die Laufschuhe angezogen und joggt die menschenleere Altstadtbrücke entlang. Er will eigentlich gar nicht stehenbleiben. "Das ist meine Runde täglich, schon seit Monaten", keucht der Mann Mitte 40, "Über die eine Brücke hin, über die andere zurück." Hin, damit meint er die Stadtbrücke.

Dass er damit gegen die Corona-Auflagen verstößt, ist Andrzej gar nicht so bewusst. "Ich gehe doch nicht einkaufen, mache nur Sport", sagt er. Ein "triftiger Grund" zur Einreise, wie etwa Beruf, Familie ist seine Joggingrunde über zwei Neißebrücken aber sicherlich nicht. Aufgeben möchte er sie aber keinesfalls.

Momentan sind gefühlt nicht mehr Bundespolizeistreifen als üblich im Stadtgebiet unterwegs. Aber drohen den Zgorzelecern und Görlitzern möglicherweise wieder Zustände wie im Frühjahr, als polnische Soldaten mit Maschinenpistole aufmarschierten und Polen die Grenzbrücken mit Gittern versperrte? Und nun gar von deutscher Seite?

Davon ist derzeit keine Rede. "Wir werden die Kontrollen intensivieren, ja. Aber im Rahmen unserer üblichen Streifentätigkeit", sagt Ivonne Höppner, Sprecherin der Bundespolizei in Ludwigsdorf. Das heißt: Feste Grenzkontrollen, etwa an den beiden Neißebrücken, sind momentan nicht in Sicht. "Bei den polnischen Kollegen gibt es ebenfalls keine entsprechenden Pläne", so die Polizeisprecherin.

Zäune auf den Brücken wie im Frühjahr nicht geplant

Seltener Anblick: Auch die Stadtbrücke ist am Dienstag seltsam leer.
Seltener Anblick: Auch die Stadtbrücke ist am Dienstag seltsam leer. © SZ/M. Klaus

"Wir achten verstärkt darauf, dass die geltenden Corona-Regeln eingehalten werden", sagt sie. Wer dagegen verstößt, muss mit einer Meldung an das Gesundheitsamt des Kreises rechnen.

Auf der Stadtbrücke ist es zwar nicht ganz so leer, aber auch weit von Grenzstaus und ähnlichem Ungemach entfernt. Autos , die hier hin- und herfahren, tragen zumeist polnische Kennzeichen, Berufspendler. Ein älterer Herr, Ende 60, NOL-Kennzeichen am Ford, parkt vor der Stadtbrücke - und das auch noch vorm Gebäude der Bundespolizei. "Ich will tanken fahren", sagt er. Aber nun sei die Unsicherheit doch groß. Darf er? Eigentlich nicht.

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Er tut es trotzdem. "Ich wollte erstmal gucken, ob es vielleicht wieder Kontrollen gibt. Ich hab keine gesehen", sagt der Herr aus der Nieskyer Ecke. Reichlich zehn Minuten später ist er zurück. "Hat alles geklappt, ich wurde nicht angehalten", ruft er durchs Fenster. Viel Aufregung, um ein paar Cent beim Sprit zu sparen.

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