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"Es ist frustrierend, nicht helfen zu können"

Was tun, wenn die bekannten Therapien versagen? Chefarzt Dr. Matthias Linke vom Bautzener Krankenhaus über die Herausforderung Covid-19.

Dr. Matthias Linke ist Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie in Bautzen, die für die Behandlung von Covid-19-Patienten zuständig ist.
Dr. Matthias Linke ist Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie in Bautzen, die für die Behandlung von Covid-19-Patienten zuständig ist. © Steffen Unger

Bautzen.  Dr. Matthias Linke ist Chefarzt an den Oberlausitz Kliniken Bautzen. Er leitet die Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie, die für die Behandlung von Covid-19-Patienten zuständig ist. Im Gespräch mit Sächsische.de erklärt er, warum Corona keine "normale Grippe" ist,  was die aktuelle Lage für Ärzte, Pfleger und andere Patienten bedeutet - und welchen Rat er für die Demonstranten gegen die Corona-Schutzmaßnahmen hat.

Dr. Linke, wie ist die derzeitige Situation an den Oberlausitz Kliniken?

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Es geht zur Sache. Wir haben derzeit rund 26 mit Covid 19 infizierte Patienten in den Oberlausitz-Kliniken am Standort Bautzen - mit steigender Tendenz. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt: Denn wir dürfen nicht vergessen, dass der größte Anteil der infizierten Patienten mit meist wenigen Symptomen durch die Hausärzte betreut wird.

Aber?

Es gibt Patienten, die richtig krank zu uns kommen. Wir hatten in den letzten Tagen durchschnittlich um die 20 Patienten auf unseren Infektionsstationen. Sie kommen oft nicht primär wegen einer Covid-19-Infektion. Es kann sein, dass sie eine Herzerkrankung haben und beim Abstrich dann festgestellt wird, dass sie Corona-positiv sind. Eine zweite Gruppe sind „richtige“ Corona-Patienten. Sie liegen mit beginnendem Atemversagen auf Station, was wir – im besten Fall – mit Sauerstoffgaben beherrschen können.

Die Infektionsstationen sind nicht die Intensivstationen (ITS)?

Richtig, auf unseren Intensivstationen liegen seit drei Wochen vier bis zurzeit sieben Patienten mit Covid-19: Bei insgesamt zehn bis zwölf Intensivbeatmungsbetten wird damit viel ITS-Kapazität gebunden. Im Frühjahr/Sommer hatten wir dort insgesamt nur zwei Patienten mit dieser neuen Krankheit.

Zweite Notaufnahme eingerichtet

Mit welchen Symptomen kommen die Covid-19-Patienten ins Krankenhaus?

Die Patienten haben oft primär weniger Symptome als zum Beispiel bei einer richtigen Grippe. Diese sind sehr unspezifisch, es haben nicht alle Fieber. Scheinbar wirken sie gar nicht so schlimm krank, wenn wir dann aber unsere Monitore anschließen, sehen wir eine ganz schlechte, zuweilen lebensbedrohliche Sauerstoffsättigung. Selbst lebensbedrohliche Werte lösen keine Atemnot aus. Die Patienten sind noch gut mobil. Äußerlich korreliert es nicht mit der Schwere der Erkrankung. Das Vollbild ist dann das komplette Lungenversagen, wo wir invasiv oder nicht-invasiv beatmen müssen.

Auf welchen Wegen kommen die Patienten ins Krankenhaus?

Einige schicken die Hausärzte bereits mit einem positiven Corona-Test. Viele kommen ohne Diagnose, mit unspezifischen Symptomen oder eben sogar mit einer ganz anderen Erkrankung. Im Krankenhaus Bautzen haben wir die Notaufnahmen getrennt, die alte Notaufnahme mit Zugang zum Stadtwall wurde zur Infektionsnotaufnahme umgerüstet. So kann die große neue Zentrale Notaufnahme weiterhin unabhängig davon arbeiten und alle nicht-infektiösen Notfallpatienten versorgen.

Wird dort auch ein Corona-Test gemacht?

Akute Patienten mit klinischen Symptomen bekommen grundsätzlich in der Zentralen Notaufnahme einen Corona-Test. Dazu gibt es eine spezielle Checkliste bezüglich einer Covid-19-Infektion. Alle Patienten, die zu Operationen oder invasiven Behandlungen vorgesehen sind, erhalten ebenfalls einen Covid-19-Test. Solange diese Patienten kein negatives Testergebnis haben, gelten sie als Covid-19-Verdachtsfälle.

Dringende Operationen finden statt

Werden denn im Moment noch geplante OPs gemacht?

Es geht um die Versorgung aller Notfallpatienten - unabhängig davon, ob sie mit Covid-19 infiziert sind oder nicht. Wir versuchen, dringende Operationen, wie zum Beispiel die Tumorchirurgie, zeitgerecht durchzuführen. Auch Unfallpatienten müssen oft sofort operiert werden, da kann man nicht das Ende der Infektionswelle abwarten. Die weiteren Kapazitäten sind begrenzt.

Das hört sich aber nach keinem normalen intensivmedizinischen Alltag an?

Wir haben fast täglich organisatorische Änderungen wegen der Pandemie. Jede Festlegung kann am nächsten Tag schon wieder anders sein. Wissen Sie, wir haben viele Szenarien immer wieder trainiert, zum Beispiel einen schweren Busunfall mit vielen Verletzten. Da hat man erst plötzlich viele Notfallpatienten zu versorgen, aber mit jeder Stunde und jedem Tag wird die Situation wieder besser. Doch bei Corona „schwimmen“ wir jetzt schon ziemlich angestrengt und wissen nicht, was da noch für eine Welle auf uns zu kommt beziehungsweise wie lange dieser Zustand anhalten wird.

Viele behaupten, Corona sei nur eine Grippe.

Bei 95 Prozent der Patienten stimmt das in gewisser Weise auch. Die anderen vier Prozent  müssen aber hospitalisiert werden und kommen auf unsere Infektionsstationen. Ein Prozent liegt nach meiner Schätzung auf der Intensivtherapiestation, von denen allein in der vergangenen Woche vier Patienten gestorben sind. Die ITS-Patienten können wir in drei Kategorien einteilen: Bei einem Teil sind die Werte so schlecht, dass sie intensiv Sauerstoff bekommen müssen. Ein zweiter Teil muss mit Beatmungsgerät und einer dichtsitzenden Maske assistiert beatmet werden. Die beiden Gruppen können noch alleine atmen, anders als Gruppe drei. Diese müssen wir invasiv über einen Beatmungsschlauch beatmen und in eine Dauernarkose versetzen. Alle drei Kategorien liegen derzeit bei uns.

Das hört sich aber nicht nach „nur Grippe“ an?

Auch andere Viruspneumonien können bei schweren Verläufen zum Tode führen. Covid-19 ist für uns Mediziner etwas ganz Neues. Es ist organisatorisch, medizinisch und vor allem pflegerisch und basismedizinisch eine große Herausforderung. Die Intensivtherapie ist bei Patienten mit einer Corona-Pneumonie sehr schwierig. Viele übliche Therapieschemata führen zu keinem Erfolg. Es ist frustrierend, diesen Patienten nicht helfen zu können.

Sorge, dass Personal ausfällt

Was macht Ihnen dabei am meisten Angst?

Meine größte Sorge ist, dass das Personal ausfällt. Eine Schwester ist seit kurzem wieder im Dienst, sie war Corona-positiv. Wenn wir jetzt permanent in den Patientenzimmern sind, wird es wahrscheinlicher, dass es auch Schwestern, Pfleger und Ärzte trifft. Zu den Covid-19-positiven Patienten gehen wir mit Ganzkörperschutzanzug und FFP2- oder FFP3-Masken. Materialien und Medikamente müssen immer von draußen ins Infektionszimmer gegeben werden. Bei einem Patienten ist die Lungenfunktion so schlecht, das wir trotz invasiver Beatmung den Patienten wechselnd in Rückenlage und Bauchlage bringen müssen. Das ist sehr personalintensiv.

Was möchten Sie als Intensivmediziner denjenigen sagen, die gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren?

Denen möchte ich sagen, dass die allgemeinen Betten- und Intensivkapazitäten gut ausgelastet sind und die Reserven bald erschöpft sind. Unser Team, bestehend aus Schwestern, Pflegern und Ärzten, arbeitet intensiv und eng zusammen, was eine bestmögliche Versorgung unserer Patienten gewährleistet.

Wir müssen uns nicht streiten über „Hilft die Maske auf der Reichenstraße?“ oder „Kann ich mich mit drei Personen abends treffen?“. Das sind alles willkürliche Festlegungen, wo wir nicht wissen, was sie im Einzelnen bringen. Was wir aber wissen, ist, dass die Summe aller Maßnahmen - vom eingeschränkten Flugverkehr über Abstandsregeln und Mund-Nasen-Schutz bis hin zu den Kontaktbeschränkungen - im Frühjahr geholfen hat.

Bis zur Möglichkeit einer Impfung haben wir auch keine anderen prophylaktischen Optionen. In diesem Zusammenhang ist für mich die Genehmigung der Demonstration am vergangenen Samstag in der engen Leipziger Innenstadt durch das Bautzener Oberverwaltungsgericht völlig unverständlich.

Wie gut ist Ihr Krankenhaus auf steigende Corona-Zahlen eingestellt?

Wir haben am Standort Bautzen zwei Intensivstationen mit je zehn Planbetten – eine in der Medizinischen Klinik und eine in der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie. Dazu können wir, natürlich nur wenn Personal zur Verfügung steht, die Stationen um je zwei Betten erweitern, den Aufwachraum im OP mit sechs Intensivbetten und einen OP-Saal mit zwei bis drei Betten hochrüsten. Dann müssen wir neben den elf Beatmungsgeräten mit Narkosegeräten beatmen. Dazu wurden im Frühjahr bereits Schulungen, wie auch zu den neuen Hygienemaßnahmen, durchgeführt.

Was haben Sie geübt?

Unter anderem wurde das richtige An- und Ablegen der Schutzkleidung geübt, damit man sich dabei nicht selbst infiziert. Doch zurück zur Ausstattung: In unserem Haus gibt es für Erkrankte zwei Stationen. Eine für Covid-19-positive Patienten und eine für die Verdachtsfälle. Die ärztliche Besetzung unserer Klinik ist zurzeit zufriedenstellend, weil wir das OP-Programm heruntergefahren haben. Zudem erfolgte die Organisation zusätzlicher ärztlicher Rufbereitschaften. Das Fachpersonal in der Intensivpflege war allerdings schon vor der Epidemie sehr knapp; und das nicht nur in Bautzen. Jetzt ist der Dienstplan des Pflegepersonals auf der Intensivtherapiestation eines der Hauptprobleme. Die tägliche Arbeitsbelastung steigt zusätzlich, und es besteht immer ein Restrisiko der Infektion.

Die Mitarbeiter der Klinik arbeiten hoch motiviert unter Ausnutzung aller Reserven. Dieses hohe Engagement möchte ich ausdrücklich noch einmal herausstellen.

"So eine Epidemie-Welle noch nie erlebt"

Wie arbeiten Sie mit anderen Kliniken zusammen?

Die Corona-Leitstelle in Dresden sammelt Kapazitäten für Ostsachsen, so dass man stets informiert ist, wo freie Intensivbetten zur Verfügung stehen. Außerdem erfolgt ein reger Austausch über Fälle und Therapien im Corona-Netzwerk der Uniklinik Dresden. Dies hat sich als sehr gutes Instrument erwiesen, da es für die Covid-19-Infektion bisher keine medizinischen Leitlinien gibt. Wir bekommen Empfehlungen, die auf Einzelfallbeobachtungen beruhen und bestenfalls auf Statistiken, die retrospektiv gemacht wurden.

Wie sieht es denn momentan mit Besuchen im Krankenhaus aus?

Grundsätzlich gilt ein totales Besuchsverbot. Wir machen aber auch Ausnahmen in der Intensivtherapie bei dramatischen Krankheitsverläufen. Das möchte ich unter Einhaltung aller Hygieneregeln trotz des organisatorischen Mehraufwandes weiter so durchsetzen.

Dr. Linke, haben Sie in der langen Zeit Ihrer Arzttätigkeit Ähnliches schon mal erlebt?

Ich bin seit 1982 hier in den Oberlausitz-Kliniken am Standort Bautzen tätig, aber so eine Epidemie-Welle habe ich noch nie erlebt. Ein älterer Kollege hat mir erzählt, dass es bei der Poliomyelitis-Epidemie – Kinderlähmung – Ende der 1950er-Jahre auch dramatisch gewesen war. Direkt vergleichen kann man das nicht, aber damals war es auch so, dass ein großer Teil der Bevölkerung betroffen war. Diese weltweite Pandemie hat seinerzeit dazu geführt, dass Medizin und Medizintechnik, insbesondere die Beatmungstechnik, einen großen Innovationsschub bekamen. Gebannt wurde die Poliomyelitis-Gefahr letztendlich erst durch die Entwicklung des Impfstoffes. 

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