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Bautzens Landrat spricht mit Corona-Demonstranten

Michael Harig stellt sich den Menschen, die gegen die Corona-Schutzmaßnahmen protestieren. Er wirbt um Verständnis, erntet aber etwas anderes.

Bautzens Landrat Michael Harig sprach am Donnerstagabend zu den Menschen, die gegen die Corona-Schutzmaßnahmen protestierten.
Bautzens Landrat Michael Harig sprach am Donnerstagabend zu den Menschen, die gegen die Corona-Schutzmaßnahmen protestierten. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Netzmasken oder ganz ohne Masken, wenig Abstand – so haben am Donnerstagabend in Bautzen vor dem Gesundheitsamt Menschen - nach Einschätzung der Polizei waren es rund 200 - gegen die Corona-Schutzmaßnahmen demonstriert. Angemeldet war der Protest laut dem Bautzener Landratsamt von einer Privatperson – der Anmeldung lag ein Flyer von „Eltern stehen auf“ bei. Die Gruppe verbreitet zum Beispiel in einem Chat Verschwörungsmythen, laut denen Menschen bei einem Corona-Test Mikrochips eingesetzt würden.

Wie bereits bei einer ersten Demonstration vor drei Wochen beziehen sich die Protestierenden auch dieses Mal immer wieder auf Kinder, auf Familien. Da ist zum Beispiel die Kinderstimme, die die Organisatoren einspielen, die fragt: „Wann kann ich wieder mit Freunden spielen?“ Und da ist das Banner, auf dem steht: „Freiheit - Grundrechte – Familien. Wir müssen reden.“ Viele der Protestierenden tragen Kerzen und haben Kinder mitgebracht, die Laternen in den Händen halten.

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Viele AfD-Politiker vor Ort

Die Kernforderung der Anwesenden richtet sich gegen die Mund-Nasen-Bedeckungen, die angesichts der Corona-Pandemie derzeit beispielsweise auf dem Schulgelände, in Bussen und Bahnen oder in Einkaufszentren getragen werden müssen.

„Masken für Kinder sind untragbar“, erklärt eine Rednerin, die sich mit dem Namen Sandra vorstellt – sie erntet für ihre Aussage Gejohle und lautes Klatschen. Ihr Kind habe Asthma und sei mit einer Maske Todesängsten ausgesetzt, ruft sie in die Menge. Überhaupt fordert sie mehr Eigenverantwortung – und erklärt kurz darauf, dass es eine Zensur in Deutschland gebe – „auch genannt Faktencheck“.

Einer, der an dieser Stelle besonders laut lacht, ist der AfD-Bundestagsabgeordnete Karsten Hilse. Er, der keine Maske, aber eine Ordnerbinde trägt, ist nicht der einzige Vertreter dieser Partei bei der Demonstration. So laufen zum Beispiel auch die Bautzener AfD-Stadträte Paul Neumann und Oliver Helbing mit.

Auch andere bekannte Gesichter sind dabei, zum Beispiel Veit Gähler. Der Spielwarenhändler trägt ebenfalls eine Ordnerbinde. Er hatte schon beim letzten Mal zum Protest aufgerufen. Der Bautzener Kreiselternrat Marcus Fuchs steht am Megaphon. Bereits am Wochenende in Dresden ist er bei der „Querdenken“-Demonstration als Versammlungsleiter aufgetreten.

Landrat Harig erntet Gejohle

„Querdenken“-Demonstrationen hatten schon mehrfach Schlagzeilen gemacht, weil Rechtsextreme, Reichsbürger und Verschwörungserzähler teilgenommen hatten. Auch an diesem Tag fallen Äußerungen, die in die Richtung Verschwörungserzählung gehen.

Deutlich wird das, als Landrat Michael Harig (CDU) auf die Treppe vor dem Gesundheitsamt steigt. Er ist gekommen, um mit den Protestierenden zu reden, wie sie es auf ihrem Banner wünschen, – und erntet vor allem Gejohle. Vor einem Jahr, sagt Michael Harig, habe niemand gedacht, "dass wir heute hier stehen würden". Die Demonstranten sehen das anders: „Das war geplant“, rufen sie. Es sind Aussagen wie diese, welche ein Vertreter der Amadeu Antonio Stiftung erst vor wenigen Tagen im Gespräch mit Sächsische.de als Verschwörungen einstufte – Aussagen, denen die Faktengrundlage fehlen.

Beirren lässt sich Landrat Michael Harig dennoch nicht: „Wir haben eine Inzidenz von knapp 350“, sagt er. Und: Er habe sich ja selbst für offene Schulen eingesetzt. Ob die Demonstrierenden nicht auch möchten, dass es im Dezember keine Einschränkungen mehr gibt? „Es liegt an uns allen, ob wir das wollen oder nicht“, sagt Harig. Er bittet um Verständnis – aber das scheint auszubleiben. Als er kurz darauf das Podium verlässt, erntet er für seinen Versuch zu reden keinen Applaus.

Update: Der Beitrag wurde am 5. November 2020, 22.25 Uhr, aktualisiert. 

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