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Bautzen: Massive Kritik an Kreiselternrat

Viele Eltern distanzieren sich von der Forderung, in Schulen auf Masken zu verzichten. Indes treten die Initiatoren erneut an die Öffentlichkeit.

Im Kreis Bautzen üben immer mehr Eltern Kritik am Vorsitzenden des Kreiselternrates. Es geht um einen offenen Brief - und die Forderung, dass Kinder an Schulen keine Masken tragen müssen.
Im Kreis Bautzen üben immer mehr Eltern Kritik am Vorsitzenden des Kreiselternrates. Es geht um einen offenen Brief - und die Forderung, dass Kinder an Schulen keine Masken tragen müssen. © Symbolfoto: dpa/Gregor Fischer

Bautzen. Befremdend, irritierend, verantwortungslos – mit deutlichen Worten haben sich Elternvertreter verschiedener Schulen aus dem Landkreis Bautzen an Sächsische.de gewandt. Sie beziehen sich auf einen offenen Brief, den der Vorsitzende des Bautzener Kreiselternrates, Marcus Fuchs, gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Kreiselternrates aus Görlitz geschrieben hat. Darin berufen sie sich auf eine Umfrage unter Eltern und fordern die Abschaffung von Masken in Schulen. Mehr noch: Sie wollen, dass diese verboten werden. An der Umfrage haben insgesamt 223 Leute teilgenommen; im Kreis Bautzen gibt es rund 29.500 Schüler.

Nun distanzieren sich immer mehr Eltern von den Forderungen und dem Umfrageergebnis. Entsprechende Mitteilungen haben zum Beispiel das Bautzener Schiller-Gymnasium, das Goethe-Gymnasium Bischofswerda und das Lessing-Gymnasium in Kamenz veröffentlicht. Die Schulelternsprecher der sorbischen Schulen in Bautzen und der Bautzener Gesundbrunnen-Oberschule meldeten sich ebenfalls zu Wort. Auch Eltern aus Kamenz, aus Cunewalde, aus Sohland schrieben Briefe.

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Eltern distanzieren sich vom offenen Brief

Die Botschaften sind ähnlich: Die Eltern sind von der Umfrage nicht erreicht worden. Sie fühlen sich nicht repräsentiert – und erklären sich sehr wohl mit den Schutzmaßnahmen einverstanden. Um die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen, heißt es vonseiten der Eltern der sorbischen Schulen, „stehen wir hinter der Empfehlung des Freistaates, außerhalb der Unterrichtsräume eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen“.

Scharfe Kritik kommt aus Kamenz. Ein Elternsprecher spricht von einer Instrumentalisierung der Eltern für eine Forderung des Vorstandes des Kreiselternrates. Die Umfrage sei irreführend. Mit einer vermeintlichen Mehrheit werde Druck auf die Politik gemacht – und so der Nährboden für Verschwörungstheorien hergerichtet.

Tatsächlich ist Marcus Fuchs einer der Mitbegründer des Dresdener Ablegers von „Querdenken“, einer corona-kritischen Gruppierung, die zum Beispiel mit Demonstrationen in Berlin und Stuttgart Schlagzeilen machte. Daran hatten auch Rechtsextreme und Verschwörungserzähler teilgenommen.

Fuchs ist Mitbegründer von "Querdenken Dresden"

Nun hat der Bautzener Kreiselternrat erneut eine Umfrage gestartet. Laut dem einleitenden Text wird sie vom Dresdener und vom Görlitzer Kreiselternrat unterstützt. Noch einmal fragt der Kreiselternrat darin nach den Sorgen der Eltern angesichts der Corona-Pandemie und angesichts möglicher Schulschließungen. Gefragt wird abermals nach der Meinung der Eltern zum Thema Masken an Schulen.

Auch diese Umfrage ist problematisch – das ist das Fazit nach einem Gespräch mit Oliver Brust, Mitarbeiter der Professur für Methoden der empirischen Sozialforschung an der TU Dresden. Er arbeitet an einem Forschungsprojekt zur Akzeptanz von Corona-Maßnahmen mit.

„Es ist schwer zu erkennen, wen die Umfrage erreicht hat“, sagt Brust. Unklar sei, ob alle Schulen angesprochen wurden. Der Link zu der Onlineumfrage ist für jeden auf der Homepage des Kreiselternrates abzurufen. So ist offen, ob es Mehrfach-Teilnahmen gibt  und ob außer Eltern auch andere Personen teilgenommen haben. Und: Die Umfrage ist in der corona-kritischen Telegram-Gruppe von „Eltern Stehen Auf Bautzen“ geteilt worden, in der auch Verschwörungstheorien verbreitet werden und die sich klar gegen das Maske-Tragen positioniert. „Das führt zu einer problematischen Verzerrung der Stichprobe“, erklärt Oliver Brust.

Wissenschaftler hält Umfrage für problematisch

Auch die Art der Fragestellung sei ein Problem. So heißt es: „Wie schätzen Sie das Risiko der Alltagsmasken für Kinder ein?“ Als Antwortvorgaben gibt es die Kategorien „völlig unbedenklich“, „nur permanentes Tragen wäre bedenklich“, „bedenklich, weil Keimschleudern“, „sehr bedenklich, da Risiko bisher nicht geprüft“ und „keine Meinung“. „Hier bräuchte es eine mehrstufige Skala“, ordnet Oliver Brust ein. „Die Frage hätte lauten müssen: ‚Ich sehe in der Verpflichtung zum Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung ein großes Risiko für die Gesundheit meiner Kinder‘“, erklärt er. Die Antwortkategorien: „Stimme überhaupt nicht zu – eher nicht zu – halb zu – eher zu – voll und ganz zu“. Die Beisätze, die der Kreiselternrat hinterherschiebt, würden das Antwortverhalten verzerren. Sie hätten extra abgefragt werden müssen, etwa so: „Haben Sie Sorge vor Keimen? Ja oder nein?“, erklärt Oliver Brust.

Für bedenklich hält der Wissenschaftler auch, dass ein wichtiger Punkt in der Debatte um Mund-Nasen-Bedeckungen nicht beachtet wird: „In der Gesellschaft geht es dabei um die Abwägung von Freiheitsrechten und Sicherheit“, erklärt er. „Es kann sein, dass Eltern sagen, sie finden das Tragen von Masken unangenehm – sehen es aber dennoch angesichts der Lage als sinnvoll und gerechtfertigt an“, erklärt er. Diese Botschaft wird durch die Umfrage nicht erfasst.

Kreiselternsprecher äußert sich nicht

Nicht abgefragt werden in der Umfrage zudem das Alter der Befragten und der Kinder oder das Geschlecht. „Ob das notwendig ist, darüber kann man diskutieren“, sagt Oliver Brust, „aber wenn man aus einer solchen Umfrage politische Forderungen ableiten will, machen Altersklassen durchaus einen Unterschied.“

Zu welchem Zweck der Kreiselternrat die neue Umfrage gestartet hat, dazu äußerte sich Vorsitzender Marcus Fuchs auf Anfrage von Sächsische.de nicht.

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