SZ + Freital
Merken

Klinik in Kreischa hat eine Boosterin der Seelen

Corona ist keine Strafe Gottes, sagt Pfarrerin Ramona Uhlemann. Als Seelsorgerin gibt sie Patienten der Klinik Bavaria in Kreischa Trost und Mut.

Von Jörg Stock
 6 Min.
Teilen
Folgen
Einwegkittel und Schutzmaske statt Talar und Kreuz: So sieht die Berufskleidung von Pfarrerin Ramona Uhlemann aus, wenn sie zu Gesprächen an die Patientenbetten aufbricht.
Einwegkittel und Schutzmaske statt Talar und Kreuz: So sieht die Berufskleidung von Pfarrerin Ramona Uhlemann aus, wenn sie zu Gesprächen an die Patientenbetten aufbricht. © Daniel Schäfer

Ein bisschen skurril fand sie es anfangs schon, wie sie da loszog, mit gelber Ganzkörperschürze, die Gummihandschuhe fest über die Ärmel gestülpt, die Schutzmaske bis unter die Augen gezogen. So soll Seelsorge funktionieren? Eine Patientin sagte bei ihrem Auftauchen: Sieht aus, als wenn ein Müllsack läuft. Nachher hat sie sich im Spiegel angeguckt. "Und da dachte ich: Stimmt eigentlich."

Ramona Uhlemann lacht, wenn sie die Story erzählt. Lachen ist gesund, sagt sie. Das gilt auch an diesem Ort, der Klinik Bavaria Kreischa. Vielleicht erst recht. Mit rund 1.400 Betten gehört das Haus zu den wichtigsten Reha-Einrichtungen der Republik. In seinen Mauern, die einem barocken Lustschloss ähneln, kämpfen Menschen mit schwersten Krankheiten und Verletzungen darum, zurück ins Leben zu finden, jedenfalls so gut es geht.

Eine "Durchreiche" für Leid und Not

Ramona Uhlemann hilft ihnen dabei. Sie ist keine Ärztin, sondern evangelische Pfarrerin. Sie ist die Klinikseelsorgerin von Bavaria. Statt mit Medizin und Apparaten hilft sie mit Worten, manchmal mit Liedern. Aber am meisten mit dem Zuhören. Wer im Krankenbett liegt - und viele liegen hier für Monate - der hat Redebedarf, sagt sie, "nicht nur als Patient, sondern als Mensch."

Mensch bleibt Mensch, und sie ist die Brücke dazwischen. Ramona Uhlemann vergleicht ihren Job gern mit dem einer Durchreiche, die es früher in vielen Wohnungen gab: Not und Ängste reicht sie durch zum Allerhöchsten, Kraft und Weisheit gibt sie zurück, an Christen, aber auch an jeden anderen, der das wünscht. Für sie selbst geht es nicht ohne Gott. "Ohne den festen Stand im Gottvertrauen wäre das für mich zu belastend."

"Eine Brücke von Mensch zu Mensch sein." Seit vier Jahren ist Ramona Uhlemann aus Dohna die evangelische Klinikseelsorgerin der Klinik Bavaria Kreischa.
"Eine Brücke von Mensch zu Mensch sein." Seit vier Jahren ist Ramona Uhlemann aus Dohna die evangelische Klinikseelsorgerin der Klinik Bavaria Kreischa. © Daniel Schäfer

Das Vertrauen steht auf der Probe. Corona hat die Seelsorge deutlich erschwert. Um Infektionen vorzubeugen, fallen sämtliche Gemeinschaftsangebote aus. Keine Gottesdienste mehr, keine Gesprächskreise, keine Kaffeerunden. Es gibt weniger "Läufer", also mobile Patienten, dafür viele, die ans Bett gefesselt sind. Kaum jemand klopft, so wie früher, aus eigener Kraft an Ramona Uhlemanns Bürotür.

Bei der Arbeit muss die Pfarrerin strenge Hygienevorschriften befolgen. Die Schutzkleidung belastet sie. Sie ist es nicht gewohnt, derart dicht verpackt zu sein. "Das ist körperlich anstrengend." Nach Feierabend spürt sie ein regelrechtes Verlangen nach frischer Luft. Sie geht jetzt häufiger spazieren, um Sauerstoff zu tanken, am liebsten in die Natur. "Dabei lebe ich auf."

Ein Arbeiterkind aus Freiberg wählt die Kanzel

Ramona Uhlemann stammt aus Freiberg. Ihr Weg als Geistliche war keinesfalls vorgezeichnet. Der Vater arbeitete auf dem Bau, die Mutter in einer Schuhfabrik. Die Großeltern besaßen einen Hof. "Eine richtige Arbeiter- und Bauernfamilie." Sie ging zur Christenlehre. Aber Pfarrerin werden, wie ihr mancher riet, daran dachte sie nicht, hielt sich für zu schüchtern. "Ich war eine sehr zurückhaltende Person."

Ramona Uhlemann in ihrem Seelsorgebüro. Anzutreffen ist sie hier eher selten. Achtzig bis neunzig Prozent der Arbeit leistet sie am Krankenbett.
Ramona Uhlemann in ihrem Seelsorgebüro. Anzutreffen ist sie hier eher selten. Achtzig bis neunzig Prozent der Arbeit leistet sie am Krankenbett. © Daniel Schäfer

Im Studium hat sie die Hemmungen verloren und entschied sich schließlich doch für den Gemeindedienst. Im Sommer 1991 wurde sie Pfarrerin in Dohna und blieb es 27 Jahre. Der Wechsel in die Kreischaer Klinik hatte nichts mit Überdruss zu tun, im Gegenteil. Sie wollte sich noch mehr und noch direkter um Menschen kümmern, und zwar da, wo sie besonders viel auf dem Herzen haben. "Hier bin ich jemand, der Zeit mitbringt", sagt sie. "Das ist ein ganz wertvolles Gut."

In Sachsen arbeiten 33 evangelische Krankenhausseelsorger und -seelsorgerinnen, davon 25 hauptamtlich, so wie Ramona Uhlemann. Den Tag beginnt sie meist im Büro, passenderweise in einem, das dem Himmel mit am nächsten liegt, auf Ebene 6. Ihr Computer versorgt sie täglich frisch mit der Liste konfessionell gebundener Patienten. Um die zweihundert sind es im Schnitt, drei Viertel davon evangelische. Sie versucht, jeden einzelnen zu sehen.

Rückkehr zum Glauben in höchster Not

Doch es gibt auch andere Wege, wie Ramona Uhlemann zu den Menschen findet. Angehörige rufen an oder schreiben Nachrichten. Ärzte und das Pflegepersonal geben Tipps, wo Beistand nötig wäre. Nicht jeder Patient empfängt sie voller Freude. Es gibt auch Vorbehalte, etwa bei denen, die mit der Kirche lange nichts mehr am Hut hatten. Ramona Uhlemann erinnert sich an den alten Mann, der spottete, er wolle keine letzte Ölung haben. Am Ende bedankte er sich unter Tränen für den Besuch.

Zeichen der Dankbarkeit: Dieser Schutzengel an Ramona Uhlemanns Schreibtischlampe ist das Abschiedsgeschenk einer Patientin.
Zeichen der Dankbarkeit: Dieser Schutzengel an Ramona Uhlemanns Schreibtischlampe ist das Abschiedsgeschenk einer Patientin. © Daniel Schäfer

Dass sich die Menschen, wenn es ums Ganze geht, für den Glauben öffnen, erlebt Ramona Uhlemann immer wieder. Nicht nur bei denen, die sich vom Christentum gelöst haben. Sie hat auch Muslime getröstet, und viele Konfessionslose. Ob man nun Gottvertrauen sagt oder Urvertrauen - Hauptsache man vertraut. In der Pandemie sind Hoffnung und Zuversicht besonders wichtig. "Wir lassen uns die Lebensfreude von diesem Virus nicht nehmen."

Akut Infizierte darf Ramona Uhlemann nicht besuchen, es sei denn, sie liegen im Sterben. Sieben- oder achtmal hat sie in solchen Augenblicken mit am Bett gestanden. Die Sorge, selbst Corona zu bekommen, schwang anfangs mit. Inzwischen, geimpft, geboostert und umhüllt von ihrer Ausrüstung, hat sie diese Sorge abgelegt. Auch Abstandsgebote können sie nicht davon abbringen, jemandem die Hand zu halten.

Die Pfarrerin hat das weltliche Rezept gegen Corona, die Spritze, angenommen. Unter denen, die sie begleitet, sind immer wieder welche, die das nicht getan haben, und es bereuen. Dieser Tage viele Lausitzer, viele Erzgebirgler. Sie fragt nach Gründen, hört von Ängsten und dem Gefühl, nicht genug informiert worden zu sein. Das zu verstehen, fällt ihr schwer. "Ich fand mich immer ganz gut informiert", sagt sie. Politiker schelten ist nicht ihre Art. Das sind auch nur Menschen, sagt sie. "Dass die mal eine Entscheidung revidieren müssen, ist doch normal."

Verwaist steht der Altar in der Klinikkapelle von Bavaria. Gottesdienste sind aus Infektionsschutzgründen bis auf Weiteres ausgesetzt.
Verwaist steht der Altar in der Klinikkapelle von Bavaria. Gottesdienste sind aus Infektionsschutzgründen bis auf Weiteres ausgesetzt. © Daniel Schäfer

Die Frage, warum es Corona überhaupt gibt, ist eine, die Ramona Uhlemann sich selbst nicht beantworten kann. Sie nennt das Virus ein Stück von der "dunklen Seite der Schöpfung", deren Sinn verborgen bleibt, jedenfalls im Diesseits. Von den Patienten aber hört sie immer wieder diese Seufzer: Womit habe ich das verdient? Warum straft mich Gott so?

"Ich bin sicher, dass Corona keine Strafe Gottes ist", sagt die Pfarrerin. Wer gut ist, dem geht es gut, und wer Schlechtes tut, dem geht es schlecht - diese Rechnung geht nicht auf. "So ist Gott nicht." Was hilft? Die Anerkenntnis, als Mensch nicht alles wissen zu können. Und der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen. Eine Ärztin, die sie auf der Treppe traf, brachte es mal so auf den Punkt: "Wir sind stärker."