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Mathematik gegen Corona-Maßnahmen?

Ein Zittauer Professor hat statistische Daten zum Pandemie-Verlauf in Deutschland ausgewertet - und hält den Lockdown daher für nutzlos.

Professor Peter Dierich gehört zu den renommiertesten Corona-Kritikern der Region.
Professor Peter Dierich gehört zu den renommiertesten Corona-Kritikern der Region. © Rafael Sampedro Archiv

Der Gründungsrektor der Hochschule Görlitz-Zittau Professor Peter Dierich gehört im Südkreis zu den frühen Kritikern der staatlichen Corona-Maßnahmen - und ist hier einer der wenigen mit wissenschaftlichem Hintergrund. Der Mathematiker hat Daten von Beginn der Krise jetzt nachgehalten. Er kommt zu dem Schluss: Statistisch ließe sich die Wirksamkeit des verordneten Lockdowns oder auch etwa der Maskenpflicht nicht belegen. Eine Antwort kann aber auch Dierichs Mathematik nicht geben: Verlaufen immer bloß nachträglich erstellte Statistik-Kurven trotz oder wegen der getroffenen Maßnahmen so. Oder anders gesagt: Was wäre ohne die Maßnahmen gewesen?

Professor Dierich stützt sich auf statistische Daten aus seriösen Quellen - etwa dem Statistischen Bundesamt oder dem Robert-Koch-Institut (RKI). Daraus leitet er elf von ihm sogenannte "Fakten" ab, anhand derer er die Unwirksamkeit der getroffenen Maßnahmen behauptet - und dass die Corona-Pandemie in Deutschland ohne verordneten Lockdown komplett gleich verlaufen wäre.

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"Anteil Corona-Toter nicht dramatisch hoch"

"Das entscheidende Maß für die Schwere einer Pandemie ist die Zahl der Sterbefälle", sagt Professor Peter Dierich - selbst wenn das makaber klinge. Und da rage Corona in Deutschland überhaupt nicht heraus - im Gegenteil, es sei harmloser als die Grippe 2018. Die Auswertung der wöchentlichen Sterbefälle durch das Statistische Bundesamt zeigt für die Jahre 2017 und noch dramatischer im Jahr 2018 das Hochschnellen von Sterbefällen im Frühjahr - Grund waren Grippe-Epidemien. 2020 sei dagegen nur Mitte April eine leicht erhöhte Sterblichkeit gegenüber den Vorjahren ausgezeichnet worden. 

"Die Gesamtzahl der bisherigen Sterbefälle ist vergleichbar mit den Jahren 2017 und 2019", sagt Dierich - im "Grippejahr" 2018 dagegen etwa 22.000 Menschen mehr. "Das ist kein Indiz für eine schlimme Pandemie", sagt er. Eine zweite Sterblichkeitsspitze im August 2020 mit 19.000 Personen in jener Augustwoche sei auch nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nicht Corona geschuldet, sondern einer außergewöhnlichen Hitzewelle. "Es ist mehr als bezeichnend für die Überschätzung des Corona-Virus, wenn eine Hitzewelle in einer Woche etwa 3.000 Tote mehr pro Woche verursacht und das Virus 9.000 Tote in einem halben Jahr", so der Mathematiker.

"Der Anteil der sogenannten Corona-Toten an der Gesamtzahl der Toten war nie dramatisch hoch", sagt Dierich. So würden von allen bis Ende August in Deutschland registrierten Sterbefällen (637.752) die 9.341 Corona-Toten 1,5 Prozent ausmachen, seit Ende Mai liege diese Quote bei unter einem Prozent. "Wir können doch nicht wegen einem Prozent der Toten den ganzen Staat runterfahren", sagt er.

"Der Lockdown war wirkungslos"

Auch die - so seine Meinung - Unwirksamkeit der Corona-Maßnahmen will Professor Peter Dierich mit statistischen Zahlen untermauern - entscheidend sei demnach die Inkubationszeit von sieben Tagen bei Corona. Der Lockdown wurde am 23. März eingeleitet - könne demnach seine Wirkung erst ab dem 30. März entfaltet haben. Die Zahl der täglich registrierten Neuerkrankungen habe dagegen bereits am 21. März ihren Höhepunkt erreicht und sei am 30. März bereits von weit über 5.000 auf unter 4.000 und bis Ende Juni kontinuierlich auf unter 500 gefallen. "Die große Gefahr einer Epidemie ist eine exponentielle Ausbreitung - aber die war zurzeit der Einleitung des Lockdowns schon gestoppt", sagt Dierich.

Hatten wir in Deutschland bloß Glück? "Ja", sagt Professor Peter Dierich etwa mit Blick auf die Zahl der Corona-Opfer in Italien. Ein Glück allerdings, das vor allem dem wesentlich höheren medizinischen Standard in Deutschland zu verdanken sei. "In Deutschland haben wir die weltweit mit höchste Zahl an Intensivbetten. In Italien hat man dagegen Kranke in Altenheimen untergebracht, weil in den Krankenhäusern kein Platz mehr war", sagt Dierich - das führe bei behandlungsbedürftigen Patienten zwangsläufig zu einer höheren Sterberate. Sofern es aber die statistische Kurve von Zunahme und Rückgang an Neuinfektionen betreffe - und nicht die Medizin, sondern die Statistik sei sein Fach - , so sei diese wenngleich mit anderen Fallzahlen exakt wie in Deutschland verlaufen.

Mehr Krebstote wegen Corona?

Denn verharmlosen will Professor Peter Dierich die Krankheit für Betroffene keinesfalls. "Der Erstickungstod durch Corona muss ein schrecklicher sein", sagt er. Er hält die deutschen Maßnahmen gegen Corona dennoch für übertrieben - etwa das Leer-Räumen von Krankenhausbetten, um mehr Behandlungsplätze für Corona-Kranke vorzuhalten. "Die Intensivbetten in Deutschland waren zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd ausgelastet", sagt er.

Im Gegenteil hätte diese Maßnahme zu wesentlich mehr Schaden statt Nutzen geführt - man habe etwa das Leben anderer gefährdet, weil Operationen abgesagt wurden, auch Krebsoperationen. Professor Dierich listet auf: 2020 starben weltweit an die 985.000 Menschen an Corona und über sechs Millionen an Krebs. "War und ist die Verschiebung von notwendigen Operationen von Krebskranken in deutschen Krankenhäusern vertretbar, wenn die Zahl der Krebstoten ohnehin schon über sechs mal höher liegt als bei Corona?", fragt er.  

Er vermutet, dass der Lockdown auch die Zahl der Selbstmorde in Deutschland in die Höhe schnellen ließ - gibt aber zu, dass das dazu verfügbare Zahlenmaterial nicht sehr belastbar sei. Als Hilfsbasis habe er die entsprechenden Einsätze der Berliner Feuerwehr herangezogen und auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet. Demnach würden sich für den Zeitraum März/April 2019 45 Fälle von "Todessprüngen" (als nur eine Art von Suiziden) ergeben, im Vergleichszeitraum 2020 dagegen 181.

Professor Dierich hatte sich schon während der ersten Corona-Welle in der SZ geäußert. Das blieb nicht ohne wissenschaftliche Reaktion. Drei Mathematik-Professoren der TU Dresden widersprachen Dierichs Thesen.

Update 8. Oktober, 14 Uhr: In einer ursprünglichen Version des Textes war unerwähnt geblieben, dass sich Dierichs schon mal bei SZ zu seinen Thesen geäußert hat - und damit Widerspruch von Fach-Kollegen bekam. Die Redaktion hat das aus Gründen der Verständlichkeit und besseren Einordnung des Kontextes ergänzt.

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