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Corona: Sachsens Kliniken fehlen Intensiv-Pflegekräfte

Die Zahl der Corona-Patienten in Sachsen steigt rasant. Doch die Krankenhäuser kommen personell bereits jetzt an ihre Grenzen.

Die Lage auf den Intensivstationen spitzt sich in vielen Krankenhäusern in Sachsen zu.
Die Lage auf den Intensivstationen spitzt sich in vielen Krankenhäusern in Sachsen zu. © Jonas Güttler/dpa

Normalstationen werden derzeit zu Isolierbereichen umgebaut, Pflegekräfte aus den freien Tagen zurückgeholt: Die Lage in Sachsens Krankenhäusern ist angesichts der rasant steigenden Zahl von Corona-Neuinfektionen angespannt. Größte Sorge bereitet Ärzten die wachsende Anzahl von Covid-19-Patienten, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Zwar gebe es zum jetzigen Zeitpunkt noch ausreichend Betten und medizinisches Gerät. Ein Engpass könne aber beim Pflegepersonal drohen, sagt Friedrich R. München, stellvertretender Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen.

Auf die Intensivstationen kommt eine zweite Welle zu, die jene vom Frühjahr übertreffen könnte. „Grob geschätzt fehlten bundesweit 3.500 bis 4.000 Fachkräfte für die Intensivpflege“, sagt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Genaue Zahlen für Sachsen kann die Krankenhausgesellschaft nicht nennen.

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Nach Angaben des Sozialministeriums werden derzeit im Freistaat 727 Corona-Patienten stationär behandelt. Laut Intensivregister vom Donnerstag liegen 158 davon auf der Intensivstation, 50 werden beatmet. Um ihre bestmögliche Behandlung zu gewährleisten, seien nach Ansicht von Friedrich München vor allem zwei Dinge erforderlich: die Verschiebung geplanter Eingriffe sowie ein flexibler Einsatz des Personals. Dazu gehöre auch die Qualifikation von Pflegekräften für den unterstützenden Einsatz in der Intensivmedizin. Doch gerade an Flexibilität fehlt es in den Kliniken. 

1.292 der insgesamt 1.748 Intensivbetten belegt

Ein Grund ist die Personaluntergrenzen-Verordnung. Sie sieht in der Intensivmedizin tagsüber eine Pflegefachkraft für 2,5 Patienten vor, in der Nacht für 3,5 Patienten. Im März wurde die Regel aufgrund der Anweisung an die Krankenhäuser ausgesetzt, Kapazitäten für Corona-Patienten frei zu halten – zum 1. August aber wieder in Kraft gesetzt. „Die Untergrenzen müssen fallen“, so München. „Dann könnte Personal fachbereichsübergreifend entsprechend des Patientenaufkommens eingesetzt werden.“ Pro schwer krankem Covid-Patienten auf der Intensivstation werde eigentlich eine Pflegekraft benötigt, sagt Susanne Johna von der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Die Aufenthaltsdauer bei beatmeten Patienten betrage laut Janssens zwei bis drei Wochen.

In Sachsen sind derzeit 1.292 der insgesamt 1.748 Intensivbetten belegt, davon 9,1 Prozent mit Corona-Patienten. Im Frühjahr hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verfügt, dass Krankenhäuser 50, später 25 Prozent der Intensivbetten für Corona-Fälle frei zu halten haben. Diese Regelung gibt es nicht mehr. Vielmehr sind die Kliniken angewiesen, gemäß der Notwendigkeit zu entscheiden. 

So wird beispielsweise im Klinikum Chemnitz wöchentlich eingeschätzt, wie viele Infektions- und Intensivbetten vorgehalten werden. Um ausreichend Personal für Corona-Patienten zu haben, werden dabei auch geplante Eingriffe und Aufnahmen neu bewertet. Trotz voll besetzter Stellen entstünden in einigen Bereichen aber Besetzungslücken, sagt Dirk Balster, Kaufmännischer Geschäftsführer des Chemnitzer Klinikums. 

Der Hauptgrund: Mitarbeiter, die unter Symptomen einer Atemwegsinfektion leiden oder Kontakt zu einem Erkrankten hatten, können erst nach eindeutig negativem Testergebnis ihren Arbeitsplatz wieder besetzen. Bis dahin müssen sie zu Hause bleiben. „Bislang sind bei unseren prophylaktischen Mitarbeiter-Screenings keine Covid-19-Fälle entdeckt worden“, sagt Sprecher Arndt Hellmann. Andere Kliniken in Sachsen jedoch blieben nicht verschont. „Erste Coronafälle unter Beschäftigten sind bekannt“, sagt München.

Corona-Hotline für Klinik-Mitarbeiter

Damit das Schichtsystem nicht zusammenbricht, steht für Kliniken an oberster Stelle, Erkrankungen innerhalb des Personals zu vermeiden. So erfolge im Universitätsklinikum Dresden bei Verdachtsfällen eine strenge Kontaktverfolgung. Außerdem gebe es eine Corona-Hotline für Mitarbeiter, sagt Professor Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand. Mit einer Grippeschutz-Kampagne habe man zudem viele Mitarbeiter für den Grippeschutz sensibilisieren wollen. 

Albrecht beschreibt die aktuelle Personalsituation als angespannt, aber nicht dramatisch. „Ausfallendes Personal wird aus dem Team oder über einen Pool an Pflegekräften nachbesetzt.“ Der Pool sei eine feste Einrichtung, um Engpässe in der Urlaubszeit oder bei Krankheit von Mitarbeitern auszugleichen. Außerdem greife man auch auf Studierende zurück, die über eine medizinische Ausbildung verfügen und entsprechend ihrer Fähigkeiten eingesetzt werden könnten.

Die meisten der stationär behandelten Covid-19-Patienten benötigen jedoch keine intensivmedizinische Betreuung. Sie liegen auf eigens eingerichteten Isolierbereichen. Im Diakonissenkrankenhaus Dresden etwa wurde eine komplette Normalstation in eine Isolierstation umgewidmet. Sieben Corona-Patienten können dort versorgt werden. Bei Bedarf können weitere Kapazitäten geschaffen werden. Die aufwendige Betreuung der Patienten übernehmen Krankenpfleger, die sonst auf den Normalstationen eingesetzt würden. 

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Laut Sprecher Victor Franke habe man den Mehrbedarf an Personal durch Umverteilung und Aufstockung kompensieren können. Es sei aber täglich Flexibilität gefragt. Der Betreuungsschlüssel richte sich nach der Anzahl der Patienten und dem Schweregrad ihrer Erkrankung. (mit dpa)

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